460 Jahre Hochschulsport an der Universität Jena
Gefochten wurde im Wirtshaus

Als im Jahre 1558 die Jenaer Universität mit einem kaiserlichen Privileg bestätigt wurde und damit die bereits seit zehn Jahren existierende „Hohe Schule“ ihre Anerkennung erhielt, gab es außer den Gründungsfakultäten auch schon ein „Hochschulsportangebot“. Es ist Dr. Gerhard Rauschenbach, der kürzlich seinen 90. Geburtstag feiern konnte, zu verdanken, dass die frühe Geschichte des Sports an der Universität und dazugehöriges Quellenmaterial erschlossen wurde. Für seine Dissertation (1961) „Entwicklung und Stellung der Körpererziehung an der Universität Jena“, hatte er eine Vielzahl von frühen Dokumenten und entsprechende Literatur ausfindig gemacht. Rauschenbach, der 1928 in Kleinröda bei Altenburg in einer Bergarbeiterfamilie groß geworden ist, kam als Arbeiterkind 1947 an die Vorstudienanstalt der Uni Jena, wo er sich auf ein Jurastudium vorbereitete. Er wechselte dann zur Pädagogik und belegte die Fächer Geschichte und Körpererziehung, was sicher auch dadurch positiv beeinflusst wurde, dass er in der 1949 gegründeten Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) Mitglied und 1950 für mehrere Jahre deren Vorsitzender wurde. Rauschenbach war als Aktiver in der Sektion Wintersport „zu Hause“. Die Funktionen des HSG-Vorsitzenden übte er ehrenamtlich aus. „Nebenbei“ beendete er sein Studium erfolgreich und bekam eine Stelle als Assistent und später als Hochschullehrer in der Abteilung studentische Körpererziehung. Zeitweilig war er Dozent an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF) der Uni. Für kurze Zeit wurde er dann noch mal als Geschäftsführer der HSG, diesmal hauptamtlich, eingestellt, bevor er 1957 in den Schuldienst ging. Seine Dissertation gehörte zu den ersten mit einem Thema zum Sport, die ein Absolvent des Instituts für Körpererziehung (IfK) ablegte. Im gleichen Jahr promovierte noch Horst Götze, der später Professor für die Sportpädagogik wurde.
Vorher hatten nach bisherigem Kenntnisstand nur zwei Absolventen des IfK erfolgreich promoviert: 1957 Georg de Reese zu „Otto Erich Hartleben - eine kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und Schaffen eines deutschen Naturalisten“ und 1958 Erich Leitel mit „Die Aufnahme der amerikanischen Literatur in Deutschland. Übersetzungen der Jahre 1914 – 1944 mit einer Bibliographie“ beides keine sportwissenschaftlichen Themen. Alle promovierten an der philosophischen Fakultät, da das IfK noch kein Promotionsrecht hatte.
Gerhard Rauschenbachs Forschungsergebnisse wurden allerdings erst nach 1990 gründlich ausgewertet und dienen heute oft als Grundlage sporthistorischer Veröffentlichungen, besonders für die Zeit vor 1911, als sportliche Betätigung der Studenten zwar üblich, aber die Organisationsformen nur „außerhalb“ der Unistrukturen existierten.

Zurück ins Gründungsjahr der Universität 1558; damals bat die Universität den in Jena ansässigen Fechtmeister wegzuziehen, „…damit man nicht über die Universität klagen könne…“, was auf einen „lockeren“ Umgang der fechtenden Studenten mit ihren Degen schließen lässt. Spätestens seit 1550 war ein Fechtmeister in Jena ansässig, der Studenten den Fechtunterricht anbot. Solcher durfte damals eigentlich nur von „adeligen“ Personen besucht werden, aber die Studenten, die häufig aus adeligen Familien kamen, hatten insgesamt das Privileg Degen zu tragen. Es galt dann einfach standesgemäß, dass man den Umgang damit erlernte, was in Fechtschulen oder Fecht-Akademien möglich war, wo ausgebildete Fechtmeister gegen Bezahlung den Unterricht erteilten. Man könnte dies mit heutigen kommerziellen Sportangeboten vergleichen. Im Rahmen des Fechtunterrichts gehörten weitere körperliche Übungen zum Training von Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit dazu, die teilweise später von Friedrich Ludwig Jahn in sein „Turnen“ aufgenommen hatte, wie z. B. das Überspringen von Hindernissen (Bock und Pferd) mit der Waffe. Neben dem Fechten wurde für 1567 in einer Urkunde erwähnt, dass die Studenten „…häufig das begehrte Ballspiel, das Kegeln, Pikenwerfen, Fahnenschwingen, Reiten und Zielschießen…auf der Landveste in der Saalevorstadt übten...“ Welche Organisationsformen es dazu gab, konnte noch nicht geklärt werden.
Neben den Fechtmeistern, die ihren „Hochschulsport“ für Studenten mit wechselndem Erfolg, anboten, kamen schon frühzeitig Tanz- und Exerzitien-Meister nach Jena. Als Übungsstätten wurden hierfür Gaststättensäle genutzt. Eine solche wird für 1617 mit dem Gasthof „Halber Mond“ benannt. Die Fechtmeister trainierten mit ihren Schülern meist auf eigenen „Fechtböden“ oder ebenfalls in angemieteten Sälen von Wirtshäusern.

Die Fechtmeister wechselten anfangs sehr häufig, was sicher mit den niedrigen Studentenzahlen und damit geringen Einnahmen zu tun hatte. Erst ab der Ansiedlung des Fechtmeisters Wilhelm Kreussler 1617 in Jena setzte eine gewisse Kontinuität ein. Die Fechtmeisterfamilie der Kreusslers, die über vier Generationen in Jena gewirkt hat, erlangte dabei im 17. und 18. Jahrhundert einen Ruhm, der weit über die Grenzen des Deutschen Reichs ausstrahlte und von der Universität gerne als „Werbefaktor“ für ein Studium in Jena gesehen wurde.
Noch heute sind mindestens vier Zeugnisse der Fechterfamilie in Jena vorhanden, so zwei Gemälde, die die Uni besitzt und zwei Grabdenkmäler auf der Südseite der Friedenskirche. Eines davon wurde 2016 geschändet. Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Jena und der Förderverein Johannisfriedhof e.V. bemühen sich gegenwärtig intensiv um eine denkmalgerechte Sanierung der Kreussler-Grabmäler und sammeln Spenden hierfür.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift. Beim Grabstein von Friedrich Kreussler (1632 – 1707) wurde 2016 der Kopf der allegorischen Figur der Hoffnung fachgerecht abgetrennt und entwendet.

In: Thüringische Landeszeitung vom 11. April 2018 Nr. 583

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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