Zur Jenaer Sportgeschichte
Gegen Schalke 04 in Lichtenhain

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Geschichte des Tischtennis in Jena Teil 2

Mit der Gründung von Betriebssportgemeinschaften (BSG’n), auf der Grundlage gesetzlicher Bestimmungen in der sowjetisch besetzten Zone ab 1949, als einzige „legale“ Form organisiert Sport treiben zu können, bekam der Tischtennissport einen neuen Stellenwert. Dieser Sport, der in Osteuropa sehr verbreitet war, konnte außerhalb von Turn- und Sporthallen in Kultursälen, Kantinen, Mensen sowie anderen größeren Räumlichkeiten der Betriebe, die die BSG’n „sponserten“ organisiert werden, was eine Nutzung durch die Betriebsangehörigen deutlich erleichterte. In fast allen etwa 30 BSG’n, die sich bis in die 1970er Jahre in Jena gründeten, gab es Tischtennisabteilungen. Eine besonders leistungs- und wettkampforientierte Tischtennismannschaft konnte sich bei der BSG Motor Carl Zeiss entwickeln. Die besten Spielerinnen und Spieler unter ihnen wurden 1954 in den leistungssportlich orientierten Sportclub (SC) Motor Jena übernommen. Zwischen 1949 und 1969 gingen 32 Goldmedaillen bei Deutschen-, bzw. DDR-Meisterschaften an die BSG bzw. den SC Motor Jena. Diese Serie endete mit dem „Olympiabeschluss“ der DDR-Sportführung 1969, mit dem Tischtennis von der Liste der besonders förderungswürdigen Sportarten gestrichen und damit die Abteilung beim SC Motor Jena aufgelöst wurde.
Die Leistungsstärke der Jenaer Tischtennisspieler hatte auch zum Ergebnis, dass in Jena wichtige zum Teil internationale Turniere organisiert wurden, so 1951 als erstes ein Freundschaftsspiel der Tischtennisauswahl Thüringens gegen die englische Tischtennis-Nationalmannschaft im Volkshaus. Dieser Wettkampf gilt als erster bekannter Auftritt einer Nationalmannschaft im Jenaer Sport überhaupt. „Jena als Hochburg des Tischtennissportes unserer Republik hat damit die Ehre, für eines der größten Sportereignisse der Nachkriegszeit als Organisator verantwortlich zu zeichnen. Die Thüringer Auswahlvertretung wird aller Voraussicht nach neben dem mehrfachen DDR-Meister Schneider (Mühlhausen) zwei Spieler der BSG Motor Jena in ihren Reihen haben, während bei den Frauen die Erfurterin Hanft und die Weimaranerin Herber die Interessen unserer Landesfarben vertreten werden“, kann man in den Tageszeitungen lesen. Weiter hieß es: „Die Engländer, deren Mannschaftskapitän und Verbandsvorsitzender Jvor Montagu zugleich der Präsident des Weltverbandes der Tischtennisspieler ist, spielen nach ihren Kämpfen in Westdeutschland und nach dem großen Länderkampf im demokratischen Sektor Berlins in Halle, Leipzig, Dresden und Jena. Daß sie nicht nur als Sportler, sondern als Freunde zu uns kommen, beweist die Tatsache, daß sie für ihre Deutschland-Tournee zur Bedingung machten, im Westen und im Osten unseres Vaterlandes auftreten zu dürfen. Wir werden ihnen aus diesem Grunde einen besonders warmherzigen Empfang bereiten, denn auch ihr Besuch ist ein wertvoller Beitrag für den Frieden und die Völkerverständigung.“ Im Ergebnisbericht unter der Überschrift „Thüringen hatte keine Chance“, ist dann zu lesen, das 1200 Zuschauer in den Volkshaussaal gekommen waren. Die englische Nationalmannschaft schlug die Thüringer Auswahl deutlich mit 9:1. Den einzigen Punkt erspielte sich das gemischte Doppel Müller/Hanf.
Neben den Spielern bei Motor gab es auch eine leistungsstarke Tischtennisgruppe bei der Uni. So wird 1952 berichtet, das beim 1. Zentralen Tischtennisturnier der Sportvereinigung (SV) Wissenschaft, an dem 44 Studenten und 11 Studentinnen aus 20 Hochschulen der DDR teilnahmen. Im Endspiel der Männer gewann Thelen/Hohagen (Uni Halle) gegen Magdlung (Uni Jena)/Maletzki (Musikhochschule Weimar). Bei den Damen siegten Paul/Krühne gegen Josepha Leinhos (Uni Jena)/Brigitte Nagel (DHfK).
Ein Großteil der hochkarätigeren Tischtennisturniere fand in der Turnhalle in der Lutherstraße statt. Es gab aber auch andere Spielorte, wie z. B. den Gasthof in Lichtenhain, wo Motor Schott häufig spielte. Viele deutsch-deutsche Tischtennisvergleiche, so 1954 gegen den SV Schwabach 94 oder 1965 gegen Schalke 04, wurden als „...einen Beitrag im Kampf um die Einheit in Deutschland…“ propagandistisch aufgewertet, was häufig zu hohen Zuschauerzahlen führte. Zu den erfolgreichsten Spielern der 1950er Jahre zählten H. Schneider, H. Raimann und H. Hanschmann.
Die Tischtennisabteilung der HSG wurde in den 1980er Jahren von Dr. Werner Ruske geleitet. Im Punktspielbetrieb war die HSG in den unteren Spielklassen zu finden, da ein Großteil der erfolgreichen Studentensportlerinnen und -sportler bei ihren Heimat-BSG’n antrat. Um 1990 übernahm Dr. Siegfried Schröder die Abteilung, und im Studentensport wurde als Tischtennislehrkraft die bekannte Sprinterin Renate Stecher eingesetzt. Dazu kam noch ab 1991 eine Tischtennisgruppe der Seniorensportgruppe und die Tischtennisausbildung der Sportstudenten am Institut für Körpererziehung, die erst nach der „Wende“ ins Programm aufgenommen wurde. Alle drei Bereiche hatten eigenständig ihre Tischtennisplatten und z. T. Spielstätten. Dies konnte erst mit dem Bau der USV-Sporthalle geändert werden, was zu einer deutlichen Verbesserung der Trainings- und Wettkampfbedingungen führte. Die Zahl der Mitglieder der Abteilung Tischtennis beim USV stieg auf über 100, darunter viele Kinder- und Jugendliche. Ein interessantes Turnier zwischen den Seniorensportlern und der Hochschulsportgruppe entstand.
Dr. H.-G. Kremer
Bildunterschrift: Udo Kädig schickte uns das Foto vom diesjährigen Turnier der Seniorensportler gegen die Hochschulsportgruppe im Tischtennis. Die Seniorensportler haben das Turnier gewonnen. Foto Dr. Mathias Völzke

In: Thüringische Landeszeitung vom 12. Juni 2019 Nr. 662

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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