Jenaer Sporthistorie
Glaswerker begannen mit dem Orientierungslauf

Wie in einem früheren Beitrag schon mal erwähnt, kamen die ersten „Vereinssportler“, die in Jena die Sportart Orientierungslauf (OL) organisierten bzw. daran teilnahmen, von der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Schott Jena. Bei „OL-Vorläufern“ vor dem II. Weltkrieg, wie die 1937 bei Weimar organisierten OLs, waren neben „Gliederungen“ der Nationalsozialisten, wie Hitlerjugend, SA und SS-Mannschaften auch Sportvereine aus dem Raum Jena, wie der 1. Sportverein Jena (1. SV, heute FC Carl Zeiss), der Turnverein Wenigenjena und der Turn-, Sport und Musikverein Glaswerk Jena (TSM, heute SC Schott) dabei.
Eindeutigere „vormilitärische“ Funktion, mit der die Nationalsozialisten die männliche Jugend auf den Kriegseinsatz vorbereiten wollten, hatten Orientierungs- oder Geländemärsche, die es auch schon vor 1933 gab. Eine ausführliche Beschreibung eines solchen Wettkampfs für die Studenten der Uni ist aus dem Jahre 1930 überliefert, als im Dezember ein Geländemannschaftsmarsch stattfand. 15 Mannschaften waren gemeldet. Am Start bekam jede Mannschaft einen verschlossenen Umschlag mit einer Karte und dem ersten Ziel – Ziegenhain. Die Strecke führte dann weiter bis Kleinlöbichau und zurück über Wöllnitz zum Start an der „Muskelkirche“ über insgesamt 31 Kilometer. Die Laufzeiten der Sieger „Akademische Freischar“ betrug 3:45:12.

In der DDR wurden Anfang der 1950er Jahre die Grundlagen für die Schaffung des OLs gelegt. Dr. Rolf Heinemann aus Dresden, der eine umfangreiche Datensammlung zur Geschichte des OLs zusammenstellte, sieht eine Tagung der Fachkommission Alpinistik in Ostrau im Dezember 1952 hierfür als den „Auslöser“ an, da auf dieser Beratung die Durchführung von Meisterschaften im Touristischen Langlauf beschlossen wurde. Anfang Februar 1953 gab es dann mit den Bezirksmeisterschaften im Touristischen Ski-Langlauf des Bezirkes Magdeburg in Schierke/Harz einen der ersten Wettkämpfe. Ende Februar fanden die 1. Deutschen Meisterschaften in Zella-Mehlis statt. Gelaufen wurde in Zweiermannschaften, die Männer über 30 - 40 Kilometer mit je 10 kg Gepäck und die Frauen über 15 - 18 Kilometer mit je drei kg Gepäck. Meister wurden bei den Männern: Kreuzau - Kämmerzehl aus Zella-Mehlis und bei den Frauen: Diener - Gube von der SG Oybin.
Günter Müller von der Sektion Wandern und Bergsteigen der BSG Schott führte ein ausführliches Tagebuch über seine sportliche Laufbahn ab 1953. Bergsteigen, Klettern, Skiläufe, Wanderungen usw. alles ist genauestens beschrieben. Im Februar 1958 erscheint erstmals ein OL, die Bezirksmeisterschaften im Touristischen Skilanglauf vom Bezirk Erfurt, an dem auch Sportler aus dem Bezirk Gera teilnahmen. Die Ergebnisse sind nicht überliefert, aber dass er mit weiteren Sportfreunden am nächsten Tag mit Skiern gleich nach Gehlberg weitergelaufen ist. Ein Jahr später sind dann die Bezirksmeisterschaften des Bezirks Gera in Ossla verzeichnet, wo fünf Männerteams an den Start gingen. Schott holte sich den Titel mit Peter Deus und Werner Krahnert Im Februar 1959 gab es dann die erste Teilnahme von Schott-Sportlern bei Deutschen Meisterschaften (Eibenstock). Die Mannschaft Klimas-Duphorn fiel wegen Krankheit aus, Preuß-Jahn mussten wegen zerbrochenem Kompass aufgeben und Müller/Kästner kamen nach vier Stunden und 18 Minuten auf einen 9. Platz. Im Sommer wurden ähnliche Wettkämpfe ab 1955 unter dem Begriff „Touristischer Dreikampf“ organisiert, die dann aber bald als Touristischer Mannschaftsmehrkampf Eingang in die Terminkalender Eingang fanden. Schott-Sportler nahmen nach Müllers „Fahrtenbuch“ erstmals Pfingsten 1959 an einem solchen Wettkampf teil, den Bezirksmeisterschaften in Crispendorf, wo er mit Kästner den vierten Platz belegte. Bei den Deutschen Meisterschaften des gleichen Jahres, die ebenfalls in Crispendorf stattfanden, taucht dann erstmals der Begriff Touristischer Orientierungslauf auf. Die Jenaer holten mit Müller/Klimas bei den Männern einen zweiten Platz. Der Wettkampf bestand aus zwei Teilen, einem Nacht- und einem Taglauf. Ab diesem Zeitpunkt waren die Oler der BSG Schott bei vielen Wettkämpfen auf dem Treppchen zu finden. 1961, bei Deutsche Meisterschaften im OL in Wilhelmsthal, gewannen Deus / Klimas sogar die Goldmedaille.
Die Schottsportler wollten aber nicht nur selber starten sondern auch in ihrer Region Wettkämpfe organisieren. Im Juni 1961 wurde der erste Jenaer OL mit 91 Teilnehmern von ihnen auf dem Forst organisiert, der dann als Jenaer-Glaswerker-Pokal in die Geschichte einging. Es gab eine Nacht- und eine Tagetappe. Bei den Männern siegten Deus/Klimas vor Kästner/Müller (beide Schott). Bei den Frauen waren mit Deus/Vollrath ebenfalls Jenaerinnen auf dem ersten Platz.
Mit dem ersten Langstrecken-OL schufen die „Schott-Oler“ 1962 eine neue bis dahin nur im Winter übliche „Wettkampfdistanz“. Die Streckenlänge betrug 30 Kilometer. Zur Wettkampfleitung gehörten H. Böttcher, H. Bernhardt und H. Christ. 28 Männer gingen an der Leuchtenburg an den Start. Es gab 17 Kontrollposten, einen Verpflegungs- und einen Getränkepunkt. Es gewann Helmut Conrad in 2:54:31 von der HSG TU Dresden. Dieser Wettkampf, der dann jährlich organisiert wurde, mündete 1967 in die DDR-Meisterschaften im Langstrecken-OL, der in Eisenberg gestartet wurde und sein Ziel hinter der Muskelkirche in Jena hatte. Indirekt wurde er Impulsgeber für den ab 1970 in Jena entwickelten Rennsteiglauf, was aber eine andere Geschichte ist.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Aus der Fotosammlung von Günter Müller stammt dieses Foto welches (v.l.) Peter Deus und Horst Kästner bei einem Staffel-OL in den 1960er Jahren zeigt.

In: Thüringische Landeszeitung vom 18. Dezember 2019 Nr. 654

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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