Jenaer Sportgeschichte - 460 Jahre Hochschulsport und Fechten
Hoffmann als Nachfolger von Seemann-Kahne

Wie im Beitrag 583 ausführlich belegt, gibt es den „Hochschulsport“ für die Studenten bereits seit der Gründung der Jenaer Universität im Jahre 1558. Anfangs waren die einzigen „Hochschulsportlehrer“ die Universitätsfechtmeister, später kamen die Tanz- und Exerzitienmeister hinzu. Ab dem 17. Jahrhundert wurden mit den „Ballmeistern“ die Tennislehrer in Jena ansässig, die im Ballhaus ein dem heutigem Tennis ähnliches Ballspiel anboten. Später kamen dann noch Reitlehrer hinzu, die den Studenten ab den 18. Jahrhundert das Reiten beibrachten.
Zu den Fechtmeistern aus der „Kreussler-Dynastie“ haben wir mehrfach geschrieben. Sie sind den Fachleuten weit über Jenas Grenzen bekannt, dass sie sogar in das kürzlich erschienene Standartwerk für Sportstudenten „Sportgeschichte“ von Uwe Mosebach Eingang gefunden haben. Noch heute gelten die Kreusslers in den „schlagenden“ studentischen Verbindungen und bei den akademischen Fechtlehrern als wichtige „Vorväter“.
Die zwei noch existierenden Kreussler-Grabmäler an der Friedenskirche, die gegenwärtig saniert werden, sind daher kultur- und sporthistorisch wichtige Erinnerungsorte. Finanzielle Unterstützung durch Spenden ist bei der Kirchgemeinde bzw. beim Förderverein Johannisfriedhof immer willkommen.
Ein direkter Nachfahre aus der Kreusslerfamilie, Christof Kreusler aus Frankfurt, hat bereits eine größere Spende in Aussicht gestellt. Von ihm, der im Jenaer Damenviertel aufwuchs, stammte auch der Hinweis auf den letzten Universitätsfechtmeister, Ernst-August Hoffmann, mit dessen Sohn er zur Schule ging und viel Freizeit verbrachte. Hoffmann hatte seinen Fechtboden in der heutigen Käthe-Kollwitz-Straße von seinem Vorgänger Christian Seemann-Kahne gemietet, als dieser nach einem Schlaganfall nicht mehr selber unterrichten konnte. Schon vorher war Hoffmann als Assistent bei Seemann-Kahne tätig gewesen. Seemann-Kahne wurde 1872 in Hannover geboren und kam 1904 als Fechtmeister nach Jena. Er hatte in Belgien, Frankreich, England und Holland studiert und 1886 seine Fechtmeisterprüfung in Kiel abgelegt. Bevor er nach Jena kam, war er schon in Heidelberg und dann bei seinem Bruder in Hannover als Fechtmeister tätig gewesen.
Seemann-Kahnes Bedeutung für die Jenaer Sportgeschichte geht weit über das akademische Fechten hinaus, so dass es bedauerlich ist, dass er nicht im Lexikon der Stadtgeschichte verzeichnet ist. Derzeitig gibt es Überlegungen ein eigenständiges Lexikon der Jenaer Sportgeschichte zusammenzustellen, wo er Aufnahme finden wird. Aus heutiger Sicht könnte man sagen, dass Seemann-Kahne den Trend zur Entwicklung von Turnen, Sport und Spiel um 1900 erkannt hatte und seine Spuren in allen Bereichen zu finden sind. Seit 1905 hatte er dort, wo heute das Fitnesszentrum Mammut existiert, seinen Fechtboden. Am Vorderhaus findet man noch seine Initialen. Bereits ein Jahr später organisierte er den Verbandstag des Vereins Deutscher Fechtmeister in Jena, dessen Vorsitzender er dann viele Jahre war. Daneben verband ihn eine enge Freundschaft mit Reinhold Sevin, dem Begründer des modernen Fechtsports in Jena. Seemann-Kahne war sowohl beim Sportfechten, als auch bei den studentischen Verbindungen ein hochgeschätzter Fachmann. Er unterstützte den Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) besonders in seiner Gründungszeit ab 1911 gemeinsam mit dem Verlagsbuchhändler Eugen Diederich, Prof. Dr. L. Knorr, dem Oberhofmarschall a. D. v. Meyenburg, mit Hermann Peter und dem Oberbürgermeister Dr. H. Singer.

Die Universitätsfechtmeister waren selbstständig tätige „Sportanbieter“, die aber von der Uni finanziell unterstützt wurden. Seemann-Kahne wurde nach Beginn des I. Weltkrieges sogar in der Uni-Verwaltung angestellt, da nicht mehr genügend Studenten in Jena waren, und er sonst kein Auskommen gehabt hätte. Ähnliches erfuhr auch Ernst-August Hoffmann als Seemann-Kahnes Nachfolger.

Ernst-August Hoffmann (1894-1974) wurde auf dem Hoffmannshof bei Göttingen geboren. Sein Vater, ein geschäftstüchtiger Landwirt, der in der Region der schlaue Heinrich genannt wurde, hatte zur „Vermarktung“ seiner Produkte eine Ausflugsgaststätte an der Ausfallstraße von Göttingen gebaut, wo sich häufig Göttinger Studenten trafen und teilweise ihre Mensuren austrugen. Anwesende Professoren gaben Vater Hoffman den Rat, einen Sohn, Ernst-August, als Fechtmeister ausbilden zu lassen. 1914 legte Hoffmann die Prüfung als Fechtmeister ab. Er wurde dann zum I. Weltkrieg einzogen, nach dessen Ende er im Offiziersrang aus dem Heer ausschied und wieder als Fechtmeister tätig war. 1927 legte er die staatliche Prüfung für akademische und sportliche Waffen ab. Fechtlehrmeister-Assistent war er in Göttingen und Hohenheim, bevor er 1925 zu Seemann-Kahne kam. Nachdem er die Funktion des Universitätsfechtmeisters von Seemann-Kahne übernommen hatte, musste er den noch im Besitz von Seemann-Kahne befindlichen Fechtboden samt Ausrüstung pachten, da er über keine eigenen Räumlichkeiten verfügte. Dies erwies sich immer problematischer, da die Zahl der fechtenden Studenten in den 1920-30er Jahren ständig abnahm. Nach der Machtübernahme 1933 durch die NSdAP lösten sich bis 1935 die Burschenschaften, in denen das akademische Fechten gepflegt wurde, mehr oder weniger freiwillig auf, was Hoffmann den wirtschaftlichen Boden endgültig entzog. Die Universität übernahm ihn daraufhin zeitweilig in die Verwaltung bis er 1938 als Oberleutnant einer Flak MG Kompanie Jena reaktiviert wurde. Alles Material des Fechtbodens hatte er vorher der Uni übergeben. Nach Kriegsende und amerikanischer Gefangenschaft war er zeitweilig wieder als Fechtmeister bei studentischen Verbindungen in Göttingen und Aachen tätig.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Aus dem Familienbesitz der Nachfahren von E.-A. Hoffmann stammt dieses Foto, welches Hoffmann (hinten mit Hut) mit Studenten der Burschenschaft „Franconia“ vor seinem Fechtboden zeigt.

In: Thüringische Landeszeitung vom 12. September 2018 Nr. 603

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