Zur Geschichte des Rennsteiglaufs und die Öffnung der Grenze 1989 Teil I
I. Gesamtdeutscher Rennsteiglauf

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Der Rennsteig ist in Thüringen bei allen sportlich Interessierten eine „feste Größe“. Er wurde bekannt durch den Wintersport und die um 1900 einsetzende Wanderbewegung. Eine Klassenwanderung zum oder über den Rennsteig gehörte in das jährliche Ritual vieler Wandergruppen und Schulen in Thüringen. Seit nunmehr fast 50 Jahren trug vor allem durch den GutsMuths-Rennsteiglauf zur Bekanntheit des Rennsteigs bei, weswegen das Jubiläum 2022 sicher eine Vielzahl von Forschungen und Aktivitäten des GutsMuths-Rennsteiglaufvereins und seines Präsidiums in Gang setzen wird.

1960/61 startete bei der Betriebssportgemeinschaft Lokomotive (BSG Lok) Weimar das Projekt den gesamten Rennsteig in Etappen abzuwandern. Einer der späteren Gründerväter des GutsMuths-Rennsteiglaufs war als Orientierungsläufer auch Mitglied dieser Wandergruppe. Damals noch Schüler hatte er das Glück, einige Etappen mitzuwandern, sogar die ersten 15 Kilometer, die ab dem Mauerbau am 13. August 1961 im streng abgeschotteten Grenzgebiet zu Bundesrepublik Deutschland (BRD) lagen. Später als Sportstudent und Skilangläufer war er mehrfach in der Umgebung von Lobenstein beim Skilanglauf am Start, wo er von Einheimischen über das östliche Ende des Rennsteigs erfuhr, was zum Teil in der BRD lag. Dies spielte bei der Erschließung des Rennsteigs als Erholungs- und Wandergebiet zu DDR-Zeiten natürlich keine Rolle. Im Gegenteil, hinter Ernstthal am Ehrenmal des Thüringer Wintersportverbandes gab es ein offizielles Schild mit der Aufschrift „Ende des Rennsteigs“.

Über die Gründungsgeschichte des Rennsteiglaufs ab 1970/71 ist schon viel geschrieben worden und dieses denkwürdige Jubiläum für den Thüringer Sport und die Laufbewegung in ganz Deutschland Jubiläum wird sicher zum 50. GutsMuths-Rennsteiglauf 2022 wieder publiziert. Mit diesem Beitrag soll eher auf ein bis jetzt weniger bedachtes Sportereignis hingewiesen werden: 30 Jahre Fall der Mauer und Öffnung des Rennsteigs auch für sportliche Aktivitäten.

Entstanden war die Idee zur Erschließung des östlichen Teils des Rennsteigs, der auch durch Bayern führt, für den GutsMuths-Rennsteiglauf, schon im Dezember 1989, kurze Zeit nach dem Fall der Mauer. Damals war der Leiter des Bereichs Agitation und Propaganda, heute würde man sagen des Werbeausschusses, des Organisationsbüros des GutsMuths-Rennsteiglaufs mit Kollegen des Bereichs Studentensport der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Ferienobjekt Siegmundsburg am Rennsteig zu einer Klausurberatung. Bis zum Fall der Mauer im Herbst 1989 war der offiziell begehbare Rennsteig in der DDR etwas über 110 Kilometer lang und endete wie oben beschrieben unweit von Siegmundsburg bei Ernstthal. Die restlichen Passagen führten durch das Grenzgebiet oder direkt durch die BRD.

Erste kleine Grenzübergänge am östlichen Teil des Rennsteigs waren unmittelbar nach dem Mauerfall im November-Dezember 1989 entstanden und wurden unter den Tagungsteilnehmern diskutiert bzw. sogar bei Tettau genutzt, um das „Begrüßungsgeld“ in Empfang zu nehmen. Bei einem Skilehrgang mit Studenten der Jenaer Universität im Februar 1990, ebenfalls in Siegmundsburg, wurden diese Übergänge dann genutzt. In Ermangelung von Schnee wurden mehrere Wanderungen organisiert. Eine hatte den Rennsteig-Grenzübergang hinter Ernstthal bei Tettau in Oberfranken zum Ziel. Die zweite Wanderung von fast 30-Kilometer führte um den sogenannten Sonneberger Zipfel, ein Stück DDR, welcher weit in die BRD reichte. Bei dieser Wanderung entlang der „Westseite“ der Grenzanlagen wurden Überlegungen angestellt, ob man nicht ähnlich auch den gesamten östlichen Rennsteig bewandern könne.

Wanderer der Region hatten dann mit Genehmigung am 8. März 1990 offiziell eine geführte Wanderung auf diesen Teil des östlichen Rennsteigs organisiert. Der Gesamtleiter des Rennsteiglaufs Volker Kittel hatte davon erfahren und einige Plätze in einem Reisebus voll erwartungsgespannter Wanderfreunde besorgt. Das Besondere an dieser Wanderung war, dass die Grenzanlagen teilweise schon demontiert aber z. B. der bis zu vier Meter hohe Streckgitterzaun noch vollständig erhalten waren. Ein Offizier der DDR-Grenzer, die in Grenzpolizei umbenannt worden waren, begleitete die Gruppe auf der gesamten Wanderung und holte bei einigen noch nicht offenen Übergängen Handwerkszeug aus seinem Rucksack, schraubte ein Stück des Grenzzaunes ab, um es nach Passieren wieder anzubringen. Er begleitete die Wandergruppe auch auf BRD-Gebiet, bat aber die Wanderer, falls Beamte des Bundesgrenzschutzes (BGS) auftauchen sollten, ihn nicht zu verraten. Ob er befürchtete, dass er in der „Zentralen Beweismittel- und Dokumentationsstelle“ der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter eine Akte hätte, hat er nicht geäußert. Damit man ihn nicht gleich erkannte, trug er keine Uniform sondern einen Trainingsanzug, was für einen Wanderer eher untypisch ist.

Kontakte zum Bundesgrenzschutz (BGS) gab es bei dieser Tageswanderung nur einmal, in Höhe der „Schönwappensteine“, wo BGS-Beamte etwas zur Rettung dieser denkmalgeschützter Steine, bekannt als Schönwappensteine, erzählten und ihre gemütlich eingerichtete Grenzbeobachtunghütte zeigten.

Von den Organisatoren des Rennsteiglaufs nahmen an dieser Wanderung Rolf Becker, Volker Kittel, Gunda und Hans-Georg Kremer teil. Dabei wurde die Idee des Gesamtdeutschen-Rennsteiglaufs weiter präzisiert. Er sollte am Vortag des 18. GutsMuths-Rennsteiglaufs als Gruppenlauf von Blankenstein bis Neuhaus am Rennweg führen.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Rolf Becker (†) aus Leipzig fotografierte 1990 die Wandergruppe beim Passieren der Grenzanlagen am Rennsteig

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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