Rennsteiglaufgeschichten
Inklusion beim Rennsteiglauf

Der GutsMuths-Rennsteiglauf hat seit seiner dritten Auflage 1975 auch immer behinderte Sportlerinnen und Sportler in seinen Reihen gehabt, ohne das darüber viel „Aufhebens“ gemacht wurde. Da er in der Gründungszeit des Laufs eine starke Anbindung an die Wanderbewegung über den Deutschen Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf (DWBO) der DDR existierte, waren vor allem in verschiedenen Wandergruppen z. B. Seh- und Hörgeschädigte mit am Start. Mit der Limitierung der Startkarten ab 1978 hatten Wanderer aber fast keine Chance mehr, eine der begehrten Startkarten zu bekommen. In den Kreisvorständen des Deutscher Turn- und Sportbundes (DTSB), über die die Startkarten meist verteilt wurden, bildeten sich Lauf- oder Meilenkomitees, die Kriterien erarbeiten, wer eine Startkarte bekommen konnte. Die regelmäßige Teilnahme an Laufveranstaltungen, teilweise auch die dort erbrachten Leistungen, waren häufig Kriterien für die Vergabe der Startberechtigung. Dadurch kamen Wanderer und teilweise auch Frauen nur noch begrenzt zum Zuge. Um dem gegenzusteuern wurde ab Mitte der 1980er Jahre ein spezielles Kartenkontingent für Frauen zusätzlich zur Verfügung gestellt. 1989 wurde dann auch noch eine zusätzliche Wanderstrecke über 35 Kilometer integriert, wo es keine Vergabekriterien für die Startkarten gab. 1990 konnte auf dieser Strecke mit Rolf Seeber der erste Rollstuhlfahrer registriert werden, was ab 1994 zur Schaffung eines Rollstuhlfahrer-Halbmarathons führte, der leider auf Grund der niedrigen Teilnehmerzahlen vor wenigen Jahren eingestellt wurde.
Von 1981 gibt es ein Foto mit einem blinden Läufer, dessen Name aber noch nicht ermittelt werden konnte. 1983 ist mit Gerd Franzka, der von seinen Freund Ruppert Liedke geführt wurde, beide aus Königswusterhausen, ein blinder Läufer über die 45km-Strecke namentlich bekannt. Er schaffte die Marathon-Strecke in 5: 30. Franzka findet man heute noch bei vielen Läufen in den Ergebnislisten. Mit der heute bekannten Politikerin und erfolgreichen Wintersportlerin Verena Bentele ist1999 die erste blinde Frau beim Rennsteiglauf erfasst. Sie schaffte den Halbmarathon in 01:57:10. Wie sich dann aber herausstellte kam bereits 1998 mit Ulrike Wilhelm aus Harras eine stark sehbehinderte Läuferin beim Marathon nach 04:56:46 ins Ziel. Die 1968 in Jena geborene Ulrike Wilhelm wurde schon zeitig durch ihren Vater Wilfried Leusenrink für den Rennsteiglauf begeistert. Sie hat inzwischen 20 Mal den Rennsteig-Marathon geschafft. Bedenkt man, dass sie eine angeborene Augenkrankheit (Aniridie) hat und um 2000 nur 10% Sehkraft besaß, so kann man diese Leistung nicht hoch genug bewerten. Inzwischen ist ihre Sehkraft auf 2% zurückgegangen. Sie war auch bei den verschiedenen Netzwerken integriert, die oft über das Internet „Guides“ suchen, die sie über die Strecke führen. Es gibt mehrere Gruppen von blinden bzw. Sehgeschädigten Läuferinnen und Läufern, wie die „Guidrunners“, die „Tandemläufer“ oder die „Thüringer Blindschleichen“ die sich beim Rennsteiglauf treffen. Ulrikes Wilhelms Vater, der vor einigen Jahren verstarb und selber 31 Rennsteigläufe absolvierte, wird jedes Jahr zum Rennsteiglauftermin an seinem Grab, welches mit kleinen Rennsteiglaufsymbolen geschmückt wird, von der Familie geehrt.
Eine andere Zielgruppe von behinderten Sportlern, die spätestens seit 1994 aktiv beim Rennsteiglauf dabei sind, sind geistig Behinderte die beim „Spezialcross“ in Neuhaus starten. 1994 wanderte erstmals eine ehemalige Tennisspielerin und Ausdauerläuferin von der „Wismut“ Gera und dem USV Jena mit geistig Behinderten die Halbmarathonstrecke von Oberhof nach Schmiedefeld als Test. Bei einem Sportfest für geistig und mehrfach körperlich Behinderte, welches 1994 von Studenten und Mitarbeitern des Instituts für Sportwissenschaft erstmals in Jena organisiert wurde, entstand dann die Idee, den Rennsteiglauf für eine größere Anzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser „Zielgruppe“ zu öffnen. Gunda Kremer, die als Lehrerin an einer staatlichen Förderschule für geistig Behinderte tätig war, kannte als fünffache Rennsteiglaufteilnehmerin die emotionale Wirkung, besonders am Start und beim Zieleinlauf des Rennsteiglaufs aus eigenem Erleben. Da in Gera der damalige Präsident des Rennsteiglaufvereins wohnte, gelang es mit dem Arbeitsamt eine Außenstelle für einen Assistenten zu etablieren. Ziel war außer der Übernahme der Büroarbeit vor allem die Weiterentwicklung des Rennsteiglaufs im östlichen Teil des Rennsteigs bis Blankenstein. Mit Ulrich Röder konnte ein erfahrener arbeitsloser Sportfunktionär gefunden werden, der den entsprechenden Arbeitsplatz erhielt. Der Rennsteigläufer Peter Carqueville bot in seinem kleinen Lauf-Laden „Lauf und Condition“ die nötigen Räumlichkeiten an. Von dieser Außenstelle des GutsMuths-Rennsteiglaufvereins in Gera organisiert, begannen erste Tests zur Integration geistig und mehrfach behinderten Schüler. 1995/96 konnten nicht nur Schüler der Geraer Förderschule für die Teilnahme gewonnen werden, es schlossen sich weitere Schulen aus Ostthüringen dem Projekt an. Besonders erhebend für alle war der gemeinsame Zieleinlauf in Schmiedefeld, wenn auch die Sprecher im Trubel des Einlaufs die Ankunft der zahlenmäßig starken „Behinderten-Wandergruppe“ übersehen hatten. Heute sind Wettbewerbe für geistig und mehrfach behinderte Sportler in Neuhaus konzentriert, wo jährlich bis zu 400 Aktive mit großer Begeisterung teilnehmen.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotoarchiv Kremer stammt das Foto eines blinden Rennsteigläufers von 1981.

In: Thüringische Landeszeitung vom 8. Mai 2019 Nr. 637

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