Jenaer Fußballgeschichte - Ein unbekannter Nationalspieler beim FC Carl Zeiss Jena entdeckt

„Sie sind guten Mutes, essen und trinken, spielen Fußball“

Über die Geschichte des FC Carl-Zeiss gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Besonders verdient haben sich Udo Gräfe mit seinem Standartwerk „Einhundert und sechs Jahre“ und Uwe Dern mit dem nicht mehr existierenden Traditionskabinett gemacht. Bei Recherchen des Autors dieser Serie finden sich aber immer wieder Details, die bisher unbekannt waren. Dazu gehörte auch das Spielergebnis des ersten offiziellen Spiels von Carl Zeiss, welches am 12. Juli 1903 in Weimar mit 1:2 verloren wurde.
Wir wollen uns heute mit einem unbekannten Fußballer von Carl Zeiss beschäftigen, der in der Zeit vor dem I. Weltkrieg (1914-1918) in der Nationalmannschaft spielte. Bekannt ist der in der Literatur auftauchende Willy Krauß als Nationalspieler. Krauß kommt um 1910 wohl aus Leipzig zum FC Carl Zeiss und wurde auf Grund seiner guten Leistungen zweimal (1911 und 1912) in die Nationalmannschaft berufen. Eine weiterer „Nationalspieler“ kann jetzt in die Vereinsanalen aufgenommen werden, Otto Jungtow (1892 – 1961). Er spielte kurzzeitig 1914 bei Carl Zeiss Fußball. Warum wurde er vergessen?
1892 geboren spielte er beim FC Hertha Berlin. 1913 wurde er in einem Länderspiel gegen England in der Läuferreihe in der DFB-Elf eingesetzt. Vor 17.000 Zuschauern verlor Deutschland mit 0:3. In der Fachliteratur wird für Jungtow ein zweijähriger Aufenthalt in Jena ab 1918 ausgewiesen. Dass der nur 1,54 Meter große Otto Jungtow schon 1914 für Carl Zeiss spielte und mit für deutschlandweite Negativschlagzeilen sorgte, war bisher unbekannt.
Die erste namentliche Nennung als Jenaer Fußballer, die bisher gefunden wurde, stammt vom 5. Februar 1914 als der Verein für Bewegungsspiele Jena (VfB, heute USV) gegen den Fußball Club (FC) Carl Zeiß 2: 1 im Kampf um die Gau-Meisterschaften gewann. „Nach den bisher gegen den S.-C. Weimar 8: 1, B. C. Wimaria 10: 0, S.-C. Jena 8: 2, S.-C. Gera 6: 2 erzielten Resultaten des Gaumeisters F.-C. Carl Zeiß war man in Jena auf das Verbandsspiel der beiden Lokalrivalen: Zeiß und V. f. B. doppelt gespannt. Hatten die Bewegungsspieler in Richter und Buschbeck (früher Stuttgart) neue Stützen erhalten, so sah man in der gegnerischen Mannschaft recht viele neue Gesichter: Kirchgeorg, der zu jedem Spiel von Nürnberg heraufkommt, Jungtow, Timm (früher Hertha) und zum ersten Male Schulze ebenfalls (früher Hertha, Berlin), der sich als Vert(eidiger) recht gut einführte…“ kann man in der Verbandszeitschrift „Mitteldeutscher Sport“ lesen.
Warum die drei Herthaspieler nach Jena gekommen waren ist nicht ganz geklärt. In seiner Dissertation „Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR“ schreibt Michael Kummer u. a.: „In der seit 1909 nun auch ausgetragenen Gaumeisterschaft Ostthüringen gelang es dem FC Carl Zeiss Jena schnell, zum dominierenden Verein zu werden. Dieser rasante Aufstieg ist zum Großteil durch die Hilfe der Firma Carl Zeiss…zu erklären. Die Spieler des FC waren in der Regel Arbeiter und Angestellte von diversen Jenaer Firmen, zumeist von Betrieben der Carl-Zeiss-Stiftung, und konnten so großzügig für Training und Wettkämpfe freigestellt werden. Der Amateurstatus, auf den in dieser Zeit durch die Verbände aufmerksam geachtet wurde, blieb so erhalten. Durch sogenannte „Ansiedlungshilfen“ wurde auch Willy Krauß nach Jena geholt.
Diese „Förderpraxis“ wurde von der Heimkonkurrenz, dem VfB kritisiert. Bereits am 19. Februar 1914 erschien in der Verbandszeitschrift „Mitteldeutscher Sport“ ein anonymisierter Artikel eines „Insiders“ unter der Überschrift „Brief eines Jenensers an seinen Freund in Berlin“ in dem öffentlich gemacht wurde, dass die angeworbenen Hertha-Spieler bei Jena nicht nur gut bezahlte Anstellungen bekamen sondern auch sonstige finanzielle Zuwendungen. „Da spielen seit einiger Zeit im hiesigen Fußballclub Carl Zeiss ein paar Landsleute von Dir, sicher ist Dir der eine oder andere als Fußballgröße bekannt: Jungtow, Timm und Huber…Weshalb sie hierhergekommen sind, wissen die Götter. Sie tauchten eben eines Tag hier auf, und seitdem sind sie hier, sind guten Mutes, essen und trinken, spielen Fußball, und ich will zwar nicht behaupten, daß sie gar nicht arbeiten, aber als ob sie sich überanstrengten, sehen mir die Kerls nicht aus.“
Dieser Brief war wohl der Auslöser für Verhandlungen beim „Mitteldeutschen Verband für Ballspielvereine“ und eine vierwöchige Speere für den FC Carl Zeiss und die Aberkennung des Gaumeistertitels. Bekannt wurde dies unter der Überschrift „das Urteil von Jena“. Im Breslauer General-Anzeiger vom 13. März 1914 kann man dazu lesen: „Durch die gesamte deutsche Presse ging gestern die auch von uns gebrachte Notiz von der Disqualifikation des F.-C. Karl Zeiss-Jena und der Berufsspielererklärung der drei Fußballspieler Timm, Huber und (Otto) Jungtow. Da letzterer seit etwa vier Wochen Mitglied des Vereins Breslauer Sportfreunde ist, so interessiert dieses Urteil von Jena die Breslauer Sportsleute in besonderem Maße…“ und anschließend „Möge dieses Urteil von Jena allen Sportvereinen zur Mahnung dienen, von solchen Manipulationen die Hände zu lassen.“
Diese Negativschlagzeilen für den FC Carl Zeiss, die durch die gesamte Sportpresse des Kaiserreichs gingen, und die nur kurze Verweildauer von Otto Jungtow dürften die Hauptgründe dafür sein, dass sein Jenaer Aufenthalt „verschwiegen“ wurde. Ähnlich heutiger Praxis wurden aber auch schon damals Vereinschroniken durch Weglassung „geschönt“.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Über einen Internethändler konnte ein Foto von Otto Jungtow erworben werden.

In: Thüringische Landeszeitung vom 8. Februar 2017 Nr. 527

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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