Universitätsgeschichte
Jenaer Sportgeschichte

Durch regen geselligen Verkehr

Als Archivar ist man immer sehr erfreut, wenn man neue Unterlagen, Dokumente oder Fotos erhält, die über Ereignisse informieren, deren Existenz zwar bekannt, die bisher archivalisch aber nicht nachgewiesen werden konnten. Ein treuer Leser, Michael Gumpert, übergab jetzt aus dem Familiennachlass ein großes Foto, welches eine Gruppe von Personen vor der Erinnerungsturnhalle und dem Denkmal für Friedrich Ludwig Jahn in Freyburg zeigt. Als Unterschrift kann man lesen: „Jenaer Ferienkursus zum Turnunterricht auf der Turnfahrt nach Freyburg am 10. 8. 1913“.
Wer das Stichwort „Ferienkurse“ im Stadtlexikon sucht, findet nur einen Hinweis bei dem Eintrag für den Pädagogen Prof. Wilhelm Rein, obwohl mit z. B. 866 Teilnehmer 1913 ein nicht unwesentlicher Faktor für Jenas Fremdenverkehr von den Ferienkursen geleistet wurden. In einer Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Ferienkurse in Jena kann man lesen, dass 1889 der erste „Sommerferienkurs“ für Lehrer von Wilhelm Rein ins Leben gerufen wurde. Die Teilnehmerzahl war mit 20 Personen bescheiden. Als Gründe für die geringe Resonanz wurde angegeben, dass damals Volksschullehrer und Ausländer noch ausgeschlossen waren. Einer der wichtigsten Mitorganisatoren der Anfangsjahre wurde der in der Jenaer Sportgeschichte bekannte Mitbegründer des Jenaer Fußballs Magister John J. Findlay aus Rugby, der um 1893 in Jena Mitglied des pädagogischen Universitätsseminars gewesen war. Er hat eine „Modern Language Holiday College“ nach dem Muster der Oxforder Summer-Meetings initiierte. Dabei sollten ca. 20 englische und ebensoviele deutsche Lehrer einen Monat lang zu gemeinsamen Studien vereint werden. „Er gewann Prof. Kluge, Dr. Noack und Prof. Rein zur Bildung eines Komitees, um im August 1893 einen ersten Versuch zu machen. Dieser glückte insofern, als sich 23 Teilnehmer aus England und Amerika einfanden, dagegen waren nur vier deutsche Sprachlehrer erschienen, kann man in der Festschrift lesen, und weiter „seit 1895 wurden die Jenaer Kurse allen Nationen zugänglich gemacht… schon 1894 wurde auf diese der ursprünglich für den englischen Kurs gewählte Name „Ferienkurse“ übertragen.“
Beim ersten von Findlay organisierten Kurs findet man in einer Zeitungsinformation von ihm: „Der Kursus wird bestehen aus 1.) in Vorlesungen für Engländer gehalten von Deutschen in deutscher Sprache, und 2.) in solchen für deutsche gehalten von Engländern in englischer Sprache…Durch regen geselligen Verkehr der beiden Sektionen soll außerdem dem Einzelnen Gelegenheit gegeben werden, die eigenen Sprechfähigkeit zu fördern, das Komitee wird bestrebt sein durch gemeinsame Exkursionen je nach dieser Richtung hin zu wirken.“ In einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1921, als erstmal das Prädikat einer „Sportstadt“ in Zusammenhang mit Jena Verwendung fand, wurde auch der Zusammenhang zwischen Sommerferienkursen und Turn- und Sportlehrern hergestellt. „Schon lange Zeit vor dem Kriege, also in jenen Tagen, in welchen der Sport noch nicht Gemeingut des deutschen Volkes geworden war, wurden in den Universitätsferienkursen, die alljährlich an der Thüringer Universität abgehalten wurde, und die von Hörern aus allen Ländern besucht wurden, regelmäßig eine Vorlesung über die Leibesübungen gehalten. Der Leiter der Kurse, der berühmte Jenaer Pädagoge Prof. Dr. Rein, ein großer Freund des Sportes, hatte in weißer Voraussicht hier schon längst die Bedeutung der Leibesübungen erkannt…Jedenfalls kann die Thüringer Hochschule für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, hier mit führend gewesen zu sein.“
Fördernd wirkte sich sicher auch aus, dass seit Herbst 1911 die Großherzogliche Regierung in Weimar beschlossen hatte, dass die Jenaer Uni mit der Ausbildung von Turnlehrern zu beginnen hat. Der erste Ausbildungslehrgang über ein Semester begann im Wintersemester 1911. Die Gesamtleitung der Turnlehrerausbildung hatte der Dr. Hugo Schlensog, der über einen Abschluss als Gymnasialturnlehrer verfügte. Insgesamt 18 Teilnehmern des Kurses konnte im März 1912 nach strenger Prüfung das Turnlehrerzeugnis zuerkannt werden. Für das Sommersemester 1912 gab es dann einen „Spielkursus für den nächsten Turnlehrerkursus“ kann man in der „Akademischen Turnzeitung“ finden. Dieser war sozusagen die Vorbedingung für die Teilnahme an der Turnlehrerausbildung. Fußball, Hockey, Schlagball, Faustball, Tamburin und andere volkstümliche Spiele wurden dabei vermittelt. Wer die Lehrer waren, konnte bisher nicht festgestellt waren. Der Begründer des modernen Sports in Jena, Hermann Peter, war vermutlich nicht dabei, da er ab 1911 aus gesundheitlichen Gründen als Gymnasiallehrer beurlaubt wurde.

Da mit dem Gruppenfoto von Michael Gumpert auch eine Postkarte mit dem Jahnbildnis übergeben wurde, wo auf der Rückseite die handschriftlichen Notiz „Erinnerung an die Turnfahrt am 11. Aug. 1912 nach Freyburg“ zu lesen ist, kann man davon ausgehen, dass es wohl zwischen den Spiel- und den Ferienkursen spätestens ab diesem Zeitpunkt Verbindungen gegeben hat. Dazu kommt, dass auf dem Gruppenfoto von 1913 neben Prof. Wilhelm Rein auch Dr. Hugo Schlensog identifiziert werden konnte.
Eine kurze Zeitungsnotiz gibt Auskunft über Turnfahrt 1913, die das traditionelle Jahnturnfest in Freyburg als Anlass nutzte. „Am Nachmittag fand am Jahndenkmal die Siegerverkündigung durch den Kreisvertreter Direktor Bethmann statt. Auch eine stattliche Anzahl Jenaer Ferienkursler, die unter Leitung des Gymnasialturnlehrers Herbart auf Turnfahrt in Freyburg waren, wohnten der Feier bei“ kann man lesen.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Gruppenfoto aus dem Besitz von Michael Gumpert über die Turnfahrt des Jenenser Ferienkurses 1913 nach Freyburg, 2. Reihe links neben Gitarrenspielerin verm. Hugo Schlensog, links darüber Wilhelm Rein.

In: Thüringische Landeszeitung vom 17. Oktober 2018 Nr. 608

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