Zur Geschichte des Fechtens
Kreußler Grabmal wieder aufgestellt

Die Zahl der Denkmale, die in Jena dem Sport gewidmet sind, sind ausgesprochen rar. Am bekanntesten ist wohl der Gedenkstein für den „Spielplatzbegründer“ Hermann Peter auf der Tennisanlage der Uni. Ihn könnte man als wichtigsten Erinnerungsort des FC Carl Zeiss und des USV Jena ansehen, denn beide Vereine wären ohne Hermann Peter nicht entstanden.
Ein bisher in der Literatur nicht erwähnter Gedenkstein für Sportler existiert hinter der „Wanderhütte“ im Leutratal. Er wurde vom Touristik- und Wintersportverein für seine im I. Weltkrieg gefallenen Mitgliedern gesetzt. Ähnliche Gedenksteine existierten auch beim 1. Sportverein (1. SV, heute FC Carl Zeiss) und ev. bei der Turngemeinde. Diese wurden aber schon vor Jahrzehnten entfernt. Entfernt wurden auch zwei Gedenksteine hinter der Muskelkirche, die Sportstudenten anlässlich ihres Bergfestes in den 1970er Jahren aufgestellt hatten.
Kulturhistorisch am wertvollsten sind die zwei Kreußler-Grabmahle an der Friedenskirche, die einen Bezug zu der legendären Fechtmeisterfamilie haben. Diese Grabmahle befanden sich einige Monate zur Restaurierung und konnten jetzt wieder aufgestellt werden. Dank der großen Initiative der Kirchgemeinde und des Fördervereins Johannisfriedhof e.V. konnten Fördermittel der Deutsche Stiftung Denkmalschutz aber auch private Spenden gewonnen werden. Außer direkten Nachfahren der Kreußlers gehörten auch Nachfahren des letzten akademischen Uni-Fechtmeisters Ernst August Hoffmann zu den Unterstützern. Über die „Gießener Linie“ der Kreußlers, wo zwei Nachfahren heute im Raum Frankfurt/M. leben, konnten wir in unserer Serie schon schreiben. Ein Zufall wollte es, dass wir auch Nachfahren der Leipziger Linie gefunden haben. Der vom vorletzten Uni-Fechtmeister Christian Seemann-Kahne erarbeitete Stammbaum beginnt in der „Leipziger Linie“ mit Heinrich Wilhelm Gottlieb Kreußler (1751 – 1819), bei dem Johann Wolfgang Goethe Fechtunterricht genommen hatte und endet mit Gottwald Kreußler 1982 – 1953. Ein direkter Nachfahre von diesem ist der 1940 in Pirna geborene Ullrich Kreußler. Dieser beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Familiengeschichte. Nach Ablegung des Abiturs studierte er in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. In Heidelberg schloss er sich der Landsmannschaft „Afrania zu Leipzig“ an, die 1839 als farbentragende und schlagende Verbindung gegründet wurde und heute in Heidelberg ansässig ist. Der Name „Afrania“ geht auf die Fürstenschule St. Afra in Meißen zurück, deren ehemaligen Schüler ihr Studium in Leipzig begannen und dort diese Landsmannschaft gründeten. Nach ihrer Homepage wollten sie „…damit sowohl auf die humanistische Tradition der Fürstenschule verweisen als auch auf die sächsische Herkunft ihrer Gründer.“
Ullrich Kreußler, der heute noch „alter Herr“ bei der Afrania“ ist, machte nach dem Studium eine Karriere bei einer großen Versicherung. Als Student nahm er auch am „akademischen „ Fechten teil, und sah sich selber in der Traditionslinie der Kreußlers. Mehrfach besuchte er die Kreußlergräber in Jena und konnte deren Verfall miterleben. Besonders hatte es ihn das Grabmal von Johann Wilhelm Kreußler (1664 – 1722) angetan. Dieses und das daneben stehende Grabmal seines Onkels Friedrich Kreußler (1632 – 1707) hatten bis zum Bau der neuen Straße, die quer durch den alten Friedhof zwischen Johanniskirche und Friedenskirche führt, einen anderen Standort. Da sie schon sehr frühzeitig als kulturhistorisch bedeutsam eingeschätzt wurden, versetzte man sie beim Straßenbau an die Südseite der Friedenskirche. Das Grabmal von Johann Wilhelm, der ein Enkel des Stammvaters Wilhelm Kreußler (1597 – 1673) war, zierte zwei allegorische Figuren, die links und rechts eines beschrifteten Obelisken standen. Die rechte, von vorne gesehen, stellte Minerva dar, die mit Helm, Rüstung und Schild eindeutig zu identifizieren ist. Die linke Figur ist nicht eindeutig zuordenbar. In der Literatur werden sie manchmal als Symbole für Krieg und Frieden angegeben. Seemann-Kahne identifiziert sie allerdings mit der Vertreterin der Weisheit (links) und der Stärke und Tapferkeit (rechts). Beides ist schwer nachvollziehbar, da beide Figuren auf Grund der starken Verwitterung schon vor Jahrzehnten entfernt wurden. Es ist Ullrich Kreußler zu verdanken, dass die Reststücke erhalten blieben, hat er sie doch vom ehemaligen Friedhofsgärtner übergeben bekommen und zu Hause eingelagert.
Von Interesse dürfte noch ein Aussagen von Seemann-Kahne sein, dass das Denkmal vermutlich erst 20 Jahre nach dem Tod des Fechtmeisters Johann Wilhelm aufgestellt wurde, da die Schrift, die heute kaum noch lesbar ist, auch den Todestag seiner Ehefrau Juliane Marie angibt, die erst 1742 verstorben ist. Da dieses Grabmal vermutlich auf Grund der minderen Qualität des Sandsteins schon immer deutlichere Verwitterungspuren aufwies, hatte Ullrich Kreußler 2001/02 für eine fachgerechte Restaurierung privat gesorgt. Die beiden stark beschädigten Figuren konnten dabei allerdings nicht mit erneuert werden. Er würde sie aber gerne dem Förderverein oder der Kirchgemeinde übergeben. Sein Sohn, der in Jena ein Jurastudium begonnen hatte, lebt heute mit seiner Familie im Weimarer Land, nicht weit vom Wirkungsort seiner Vorfahren.
Christian Seeman-Kahne beschreibt noch zwei weitere Grabmale, die mit der Kreußlerfamilie in Zusammenhang gebracht werden können, u. a. das für Barbara Büttichen (1625 -1704) einer Enkelin vom Stammvater Wilhelm Kreußler. Genaueres dazu muss noch erforscht werden.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Jahre 1912 stammt dieses Foto des Grabmals von Johann Wilhelm Kreußler in seiner vollständigen Form aus dem Buch von Seemann-Kahne über die Kreußlers.

In: Thüringische Landeszeitung vom 27.7.2019 Nr. 646

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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