Erinnerungsorte für die Traditionspflege beim USV Jena
Kreußler-Grabmale wurden saniert

Der USV Jena e. V. und der Hochschulsport sind in der glücklichen Lage gleich über mehrere Denkmale bzw. –tafeln als Erinnerungsorte für die Traditionspflege zu verfügen. Am bekanntesten ist wohl der Gedenkstein für den „Spielplatzbegründer“ Hermann Peter auf der Tennisanlage der Universität, der 2016 mit einem großen Familiensportfest übergeben werden konnte. Ihn könnte man als wichtigsten Erinnerungsort sowohl des FC Carl Zeiss, als auch des USV Jena ansehen, denn beide Vereine wären ohne Hermann Peter nicht entstanden.
Gleich mehrere Erinnerungstafeln befinden sich im Foyer der USV-Sporthalle an den Teufelslöchern. Sie erinnern an die ehemaligen Vorsitzenden und Präsidenten des Vereins, an Ehrenmitglieder, an Stifter und besonders an erfolgreiche Sportler.
Ein Erinnerungsstein auf dem Spitzberg oberhalb von Lobeda wurde anlässlich des 30. Jenaer Kernberglaufs gestiftet.
Nicht mehr vorhanden sind sogenannte Kriegerdenkmale bzw. –tafeln, die Sportvereine zu Ehren ihrer im I. Weltkrieg gefallenen Mitglieder aufgestellt hatten. So ist bekannt, dass der Turnverein 1859, dessen Turnhalle in der Jahnstraße heute der Hochschulsport und der USV intensiv nutzen, größere Gedenktafel in der Halle und in der Gaststätte angebracht hatte. Diese wurden nach dem II. Weltkrieg entfernt. Entfernt wurden auch zwei Gedenksteine hinter der Muskelkirche, die Sportstudenten anlässlich ihres Bergfestes in den 1970er Jahren aufgestellt hatten.
Kulturhistorisch am wertvollsten sind die zwei Kreußler-Grabmale an der Friedenskirche, die einen Bezug zu der legendären Fechtmeisterfamilie haben. Die Familie Kreußler stellte von 1619 – 1780, also 161 Jahre die Universitätsfechtmeister, die man als direkte Vorgänger der Mitarbeiter des Hochschulsports ansehen kann. Neben den privilegierten Fechtmeistern gab es zeitweilig noch Universitäts-Ballmeister, -Tanzmeister und Reitlehrer. Alle hatten mit dem Privileg eine Art „Gebietsschutz“, so dass sie ihre Sportangebote ohne Konkurrenz den Studenten „verkaufen“ konnten, lebten sie doch weitestgehend von der Kolleggeldern, was etwa den heutigen Hochschulsportkursgebühren bzw. Mitgliedbeiträgen im USV entsprach. Von der Hochschule bekamen sie zusätzlich manchmal noch, je nach „Kassenlage“ einen jährlichen Zuschuss.
Auf die Rolle des Fechtens im damaligen Hochschulsport soll hier nicht weiter eingegangen werden, aber auf die Tatsache, dass das Fechten an allen Hochschulen den größten Zulauf hatte. Uni-Fechtmeister aus der Kreußler-Familie findet man daher auch in Leipzig, Wittenberg und in Gießen.
Die beiden in Jena erhaltenen Grabmale auf dem Johannisfriedhof befanden sich einige Monate zur Restaurierung und konnten jetzt wieder aufgestellt werden. Dank der großen Initiative der Kirchgemeinde und des Fördervereins Johannisfriedhof e.V. konnten Fördermittel der Deutsche Stiftung Denkmalschutz, aber auch private Spenden gewonnen werden. Außer direkten Nachfahren der Kreußlers gehörten auch Nachfahren des letzten akademischen Uni-Fechtmeisters Ernst August Hoffmann zu den Unterstützern. Aus der „Gießener Linie“ der Kreußlers, leben heute noch zwei Nachfahren in Frankfurt/M. Ein Zufall wollte es, dass sich vor kurzem auch Nachfahren der Leipziger Linie gefunden haben. Der vom vorletzten Uni-Fechtmeister Christian Seemann-Kahne erarbeitete Stammbaum beginnt in der „Leipziger Linie“ mit Heinrich Wilhelm Gottlieb Kreußler (1751 – 1819), bei dem Johann Wolfgang Goethe Fechtunterricht genommen hatte und endet mit Gottwald Kreußler 1982 – 1953. Ein direkter Nachfahre von diesem ist der 1940 in Pirna geborene Ullrich Kreußler. Nach Ablegung des Abiturs studierte er in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. In Heidelberg schloss er sich der Landsmannschaft „Afrania zu Leipzig“ an, die 1839 als farbentragende und schlagende Verbindung gegründet wurde und heute in Heidelberg ansässig ist. Der Name „Afrania“ geht auf die Fürstenschule St. Afra in Meißen zurück, deren ehemaligen Schüler ihr Studium in Leipzig begannen und dort diese Landsmannschaft gründeten. Nach ihrer Homepage wollten sie „…damit sowohl auf die humanistische Tradition der Fürstenschule verweisen als auch auf die sächsische Herkunft ihrer Gründer.“
Ullrich Kreußler, der heute noch „alter Herr“ bei der Afrania“ ist, machte nach dem Studium eine Karriere bei einer großen Versicherung. Als Student nahm er auch am „akademischen Fechten“ teil, und sah sich selber in der Traditionslinie der Kreußlers. Mehrfach besuchte er die Kreußlergräber in Jena und konnte deren Verfall miterleben. Besonders hatte es ihm das Grabmal Friedrich Kreußler (1632 – 1707) angetan. Da beide Grabmale schon sehr frühzeitig als kulturhistorisch bedeutsam eingeschätzt wurden, versetzte man sie 1938 beim Straßenbau an die Südseite der Friedenskirche. Das Grabmal von Johann Wilhelm, der ein Enkel des Stammvaters Wilhelm Kreußler (1597 – 1673) war, zierte zwei allegorische Figuren, die links und rechts eines beschrifteten Obelisken standen. Seemann-Kahne identifiziert sie als Vertreterin der Weisheit (links) sowie der Stärke und Tapferkeit (rechts). Beides ist heute schwer nachvollziehbar, da beide Figuren auf Grund der starken Verwitterung schon vor Jahrzehnten entfernt wurden. Es ist Ullrich Kreußler zu verdanken, dass die Reststücke erhalten blieben, hat er sie doch vom ehemaligen Friedhofsgärtner übergeben bekommen und zu Hause eingelagert.
Das zweite Kreußler-Grabmal ist für Friedrich Kreßler (1632 – 1707) aufgestellt worden. Dieses zieren noch heute drei allegorische Figuren, von der die rechte, die Hoffnung symbolisierend im vergangenen Jahr durch Diebstahl den Kopf eingebüßt hatte. Dies war auch Anlass der Restaurierungsbemühungen des Fördervereins Johannisfriedhof und der zuständige Kirchgemeinde. Insgesamt fast 50.000 € mussten aufgewendet werden, um den Kopf vom Diplombildhauer Christian Späte aus Zeitz möglichst ähnlich nacharbeiten zu lassen und von der Firma Denkmalpflege Mühlhausen Huschenbeth nebst umfangreicher Sicherungsarbeiten am Gestein beider Denkmale realisieren zu können. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligte sich mit 15.500 €, der Jenaer Kirchbauverein mit 4.500 €, der Förderverein Johannisfriedhof mit 2.000 €, der Zeiss-Förderfond mit 5.000 €, die Familien Hoffmann/Tittel (Nachfahren des letzten Universitätsfechters Ernst August Hoffmann) mit 1.000 €, die Kreußler-Nachfahren aus Berlin mit 1.000 € und die Kreußler Brüder (ebenfalls Nachfahren) aus Frankfurt/M. mit 5.000 €.
Bis in die 1990 Jahre boten die Fechtmeister Kreußler den USV-Fechtern als wichtiger Traditionshintergrund für ihre Sportart, was sogar dazu führte, dass es in den 1960er Jahren einen Fechtwettkampf um den Kreußlerpokal des Senats der Universität gab, und dass man bei wichtigen Fechtturnieren oder anderen Anlässen an den Grabmälern Blumen ablegte.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Buch von Seemann-Kahne über die Kreußlers von 1912 stammt dieses Foto des Grabmals von Johann Wilhelm Kreußler in seiner vollständigen Version.
In: Dr. Hans-Georg Kremer in Unisport -Magazin des USV und des Hochschulsports Nr. 12 Jena 2019, S. 40

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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