Jenaer Fußball-Historie
Mit Müh und Not

Wir konnten im vorletzten Beitrag feststellen, dass es in Jena zwischen 1903 und 1914 bis zu 10 Fußballvereine oder Abteilungen von Vereinen gab, die zeitweilig oder durchgängig in den von Udo Luy erarbeiteten Punktspieltabellen oder in Zeitungsberichten nachweisbar sind. Dazu kämen noch mindestens vier Vereine, die zum Arbeitersport gehörten, zu denen aber bisher nur wenige Untersuchungen vorliegen. So gab es eine Fußballabteilung des Turnvereins Schott und einen Fußballclub Wacker Jena. Der FC Thuringia Jena gehörte wohl ebenfalls zum Arbeitersport. Er wurde daher in der bürgerlichen Presse und in den Verbandsergebnissen kaum aufgeführt, da die Arbeitersportler einen eigenen Verband und eigene Punktspielrunden hatten. Die Fußballer vom Turnverein Zwätzen, die zeitweilig im Punktspielbetrieb des bürgerlichen „Verbandes Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine“ (VMBV) mit mehreren Mannschaften antraten, wurden später aber als Arbeiter- Turn- und Sportverein gezählt.
In Jena gehörten insgesamt die meisten Fußballgruppen Vereinen an, die vorwiegend Akademiker, Angestellte, Handwerker und Gewerbetreibende unter ihren Mitgliedern hatten.
Nachdem am 28. Januar 1900 in Leipzig die Gründung des Deutschen Fußball-Bundes als reichsweiter Dachverband vollzogen worden war, entschlossen sich Leipziger Fußballenthusiasten um Ernst Raydt den „Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine“ (VMBV) zu gründen, was im Dezember des gleichen Jahres erfolgte. An der Gründung beteiligten sich zwölf Vereine aus sieben Städten, wobei aus Thüringen kein Verein vertreten war. Das Einzugsgebiet des Verbandes umfasste etwa die heutigen Bundesländer Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Unter den Gründervereinen war mit dem „BC am Technikum Mittweida“ auch ein akademischer Verein. Ob der Jenaer Fußballverein von Hermann Peter nicht eingeladen wurde oder nicht mehr existierte, muss offen bleiben. Bekannt waren die Jenaer durch mehrere Fußballspiele gegen Leipziger Mannschaften auf jeden Fall. Ansonsten kamen die Gründervereine neben Leipzig noch aus Halle, Chemnitz, Dessau, Merseburg und Weißenfels.
Der Punktspielbetrieb des VMBV wurde in vier Klassen in der Saison 1901/02 aufgenommen. Ab 1902/03 gab es dann eine Einteilung in Gaue, in denen der Punktspielbetrieb erfolgte. Auch Thüringen wurde als eigenständige Staffel mit zwei Mannschaften (Erfurter SC 1895 und SC 1903 Weimar) in den Tabellen aufgeführt. Ab der Spielserie 1903/04 gab es einen Verband Thüringer Fußballvereine, der anfangs in zwei Klassen spielte. Der FC Carl Zeiss Jena wurde in der 1. Klasse geführt, stieg aber nach einer Spielzeit ab und ist dann bis 1906/07 nicht mehr präsent. In seiner ersten Punktspielsaison (1903/04) waren die Gegner der Erfurter SC 1893, der BC 1900 Erfurt, der BC Teutonia 1902 Ilvershoven, der SC 1903 Weimar, der FC Germania 1899 Mühlhausen und der FC Britannia Erfurt. Spielergebnisse von dieser Serie konnten bisher nicht ermittelt werden. Udo Gräfe hat in seiner umfangreichen Chronik „Fußball-Club Carl Zeiss jena“ diese erste Spielserie sogar ausgenommen. In der Festschrift „25 Jahre Sport-Club Weimar“ von 1928 wurde berichtet, dass viele Thüringer Vereine in den Anfangsjahren Probleme hatten, zu Punktspielen am Sonntagvormittag genügend Spieler zu bekommen. Für 1904 heißt es: „…ja, im Herbst spielte der Fußball-Club Zeiss, der damals viele Spieler verloren hatte, mit Müh und Not gegen unsere 2. Mannschaft.“ Auch hier gibt es leider kein Spielergebnis. Das erste Spielergebnis des FC Carl Zeiss in der Weimarer Festschrift stammte vom 17. Juni 1906, als der SC 1903 Weimar den FC Zeiß Jena mit 4:0 schlug. Am 4. September 1907 war die erste Mannschaft von Zeiß in Jena dann erfolgreicher und gewann 8:0 gegen die erste Mannschaft von Weimar.
Die letzte vollständige Serie wurde von Udo Luy für 1913/14 in seinem umfangreichen 688 Seiten umfassenden Werk „Ergebnisse und Tabellen im Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine 1900-1914“ aufgeführt. Bis dahin hatten sich in Mitteldeutschland über 20 Gaue gebildet, davon vier in Thüringen. Mannschaften in den Gauen Nord-, Ost- Westthüringen und dem Wartburggau kämpften um Gaumeisterschaften. Jena gehörte zu Ostthüringen, das sich wiederum in vier Bezirke und bis zu vier Klassen gliederte. Jena bildete den 1. Bezirk, dem der FC Carl Zeiss mit vier Mannschaften, der SC Jena 1908 (3), der FC Jena Nord (3), der LGV Jena (1), der VfB Jena (3) und der Jugendbund-Verein Ernst Abbe (2) angehörten. Es existierten Anfang 1914 also 16 Männermannschaften im Punktspielbetrieb. Sie hatten dafür das Spielfeld des FC Carl Zeiss, der inzwischen einen eigenen Sportplatz in der Oberaue hatte, wo heute sich das Stadion befindet. Hauptplatz mit den meisten Mannschaften war der Sportplatz der Uni, den diese 1914 von Hermann Peter und seinem Spielplatzverein abgekauft hatte. Ob der Turnplatz an den Teufelslöchern und der Platz neben der Schützenbrücke für Punktspiele zur Verfügung stand, konnte noch nicht ermittelt werden, ist aber eher unwahrscheinlich, da hier jede Infrastruktur fehlte.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus der Sammlung von Wieland Knetsch stammt das Foto aus der Zeit um 1914, von einem Spiel auf dem Uni-Sportplatz. Leider sind die Mannschaften nicht überliefert. Der „Glatzkopf“ im weißen Trikot könnte aber Willy Krauss, der erste Nationalspieler des FC Carl Zeiss sein, der in dem gerade erschienenen Stadtlexikon noch keine Aufnahme fand.

In: Thüringische Landeszeitung vom 4. Juli 2018 Nr. 593

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen