Zur Geschichte der Jenaer Turnvereine Teil 6
Monatsbeitrag: zweieinhalb Silbergroschen

Im Teil fünf der Geschichte der Jenaer Turnvereine hatten wir die Anfangsjahre der 1867 gegründeten Turngemeinde Jena e. V. (TG) vorgestellt. Dieser Verein war als Abspaltung jüngerer und unzufriedener Turner vom 1859 gegründeten Jenaer Turnverein e. V. (JTV 1859) gebildet worden. Leider konnten bis jetzt keine Namen der 14 Gründer gefunden werden. Jetzt ist es der Leiterin des Jenaer Stadtarchiv, Constanze Mann, gelungen, die Akte ausfindig zu machen, in der die Gründung dieses neuen Vereins bei der Stadt angezeigt wurde. Damit kann mit dem Schriftführer (F.) Hentschel erstmals ein Name der Gründergruppe identifiziert werden.
Der Antrag zur Genehmigung der TG Jena wurde über den Gemeindevorstand an die Bezirksdirektion II. in Weimar weitergeben. Die Genehmigung erfolgte bereits 10 Tage später, am 7. September 1867. Eine mehrseitige „Turn- und Geschäftsordnung“, als Grundgesetz bezeichnet, war dem Antrag beigefügt worden. Diese relativ kurz gefasste „Satzung“ unterscheidet sich von der des JTV 1859 in einigen Details. Interessant ist z. B. die Bestimmung: „…dass die Mitglieder bis zum 30. Lebensjahr verpflichtet sind, an den Turnübungen teilzunehmen.“ Mitglieder die von auswärtigen Turnvereinen sich ummeldeten, konnten ohne formale Prüfung durch den Vorstand und ohne Aufnahmegebühr beitreten, womit man sicher weiteren Mitglieder aus dem „alten“ Verein einen Wechselanreiz schaffen wollte. Die Aufnahmegebühr betrug fünf Silbergroschen, und der Monatsbeitrag zweieinhalb Silbergroschen, die zwei Monate im Voraus zu zahlen waren. Das Mitbringen von Hunden zu den Turnübungen, die häufig auf den Turnplatz im Freien stattfanden, war nicht gestattet. Es durfte nur nach Ablegung der körperbeengenden Kleidung geturnt werden. Während der Übungen war das Essen, Trinken und Rauchen untersagt, kann man in der Satzung lesen. Ein wichtiger Unterschied zur Satzung des JTV 1859 war, dass die TG Mitglieder als aktive Vollmitglieder schon ab 18 Jahren aufnahm, während der JTV 1859 das Mitgliedsalter der Vollmitglieder auf 30 Jahre festgelegt hatte. Ein weiterer Unterschied in den Satzungen war, dass der JTV 1859 ausdrücklich im §2 schrieb: „Mittel zur Erreichung der Vereinszwecke sind: Regelmäßige Turnübungen und Turnfahrten. Schwimmen, Exerzieren, Waffenübungen sollen anschließen.“ Die „militärischen“ Übungen sind in der Satzung der Turngemeine nicht enthalten.
Eine „inhaltliche“ Unterscheidung zum JTV 1859 könnte auch gewesen sein, dass sich viele Turnvereine in den 1860er Jahren dem Turnen nach Karl Adolf Spieß (1810- 1858) verpflichtet fühlten. Spieß sah Turnen als Erziehungsmittel zu Gehorsam und Disziplin und zur Bildung guter Untertanen wie auch zur körperlichen und militärischen Erziehung. Der Mittelpunkt seines Turnunterrichts bestand aus Freiübungen, Ordnungsübungen und Gerätübungen. Die Kritik an seiner Unterrichtsmethodik bezog sich schon damals vor allem auf den Frontalunterricht mit starren Übungsfolgen. Des Weiteren war eventuell auch die fortschrittliche Forderung von Spieß nach der Einführung des Mädchenturnens ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum „alten“ Turnverein. Die Turngemeinde sah sich in den 1890er Jahren in einer Vorreiterfunktion bei der Einführung des „Damenturnens“ in Thüringen. Als einer ihrer Väter gilt Bernhard Voigt, der mit der Gründung einer Turnerinnenabteilung im Jahre 1893 bahnbrechend auf dem Gebiet des Frauenturnens in Thüringen wirkte. Ob diese Frauengruppe bereits 1893 beim 12. Mittelthüringischen Gauturnfest in Kahla anwesend war ist nicht überliefert. Auf jeden Fall war beim Festumzug mit 800 Turnern die TG Jena dabei, die auch zwei Preise gewann. „Von 78 Wettturnern erhielten 36 Preise, davon 11 (drei Mal den 1.) Jahnbund Apolda, 6 Verein Turner Apoldas, 1 TG Apolda. Die andere Hälfte ging an Jenaer Vereine. 3 TB Wenigenjena (E. Liebig, L. Bauer, H. Brieg), 3 TG Jena (H. Müller, O. Böhmke, E. Keßler), 1 JTV 1859 Jena (G. Böhm). Der vom Herzog (Sachsen-Altenburg) aus Hummelshain in Aussicht gestellte Besuch war wegen Unpässlichkeit und schlechtem Wetter nicht zustande gekommen“- stand in der Jenaischen Zeitung.
Die TG Jena nahm auf jeden Fall 1893 als erster Turnverein Thüringens mit einer eigenen „Damenabteilung“ den Übungsbetrieb auf. Vergleichsweise dazu führte der JTV 1859 erst im Herbst 1898 das „Damenturnen“ ein. „Für das Turnen von Frauen und Mädchen treten immer weitere Kreise ein. Die hiesige Turngemeinde besitzt schon seit längerem eine Damenriege. Jetzt hat auch der Turnverein in der Sonnabend Abend…abgehaltenen Monatsversammlung einstimmig beschlossen, das Damenturnen einzuführen und den Vorstand beauftragt, die erforderlichen Vorbereitungen dafür zu treffen. Es haben sich bereits 30 Teilnehmerinnen gemeldet.“
Über die weitere Entwicklung des „Damenturnens“ gibt es dann relativ wenige Informationen. Für die TG erscheint im Geschäftsbericht für 1906 dazu: dass die Gesamtmitgliederzahl auf 238 zurückgegangen sei und weiter: „Es gab 93 Turnabende und die Damenabteilung (31 Mitglieder) hatte 57 Turnabende…Die Damenabteilung beteiligte sich am 27. Mai in Wenigenjena an der Tagung der Leiter der Damenabteilungen mit 6 Turnerinnen…Es gab das 13. Stiftungsfest der Damenabteilung mit Schauturnen, Theateraufführungen und Tanz.“ Mit ihren 31 Turnerinnen (13%) lag die TG mit ihrem Frauenanteil deutlich über dem Durchschnitt im Deutschen Reich, der 1912 ca. 6% betrug, bei erstmals über eine Million Mitgliedern der „Deutschen Turnerschaft“.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Das älteste Foto von „Damen-Turnerinnen“ aus Jena stammt aus dem Nachlass von Harry Pippardt und wurde bei einem Gauturnfest in den 1920er Jahren aufgenommen.

In: Thüringische Landeszeitung vom 28. März 2018 Nr. 581

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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