Rennsteiglaufgeschichten
Nach der Fußform von Alfred Rhode

Eine der am häufigsten zitierten Geschichten in unserer Serie im Jahr 2018 war „Ein Rennsteigschlüpfer für die Postfrau“ (Nr. 590), die auch im 6. Sammelband der „Jenaer Beiträgen zum Sport“ abgedruckt wurde und noch im Jenaer Pressehaus am Holzmarkt und der Buchhandlung Max Steen erhältlich ist. Dort wurde u. a. erwähnt, dass das einzige Mitglied des Zentralkomitees der SED unter den aktiven Teilnehmern des Rennsteiglaufs der Wismut-Parteichef Alfred Rhode (1921-1990) gewesen war. Er hatte den Rennsteiglauf durch Bereitstellung von „Wismut-Kapazitäten“ sehr unterstützt. Ein ebenfalls hoher SED-Funktionär der mitlief und vermutlich, nachdem er 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig wurde, auch ZK-Mitglied geworden wäre, war Roland Wötzel. Die politische Wende 1990 verhinderte dies. Kurz vorher hatte Wötzel mit Kurt Masuhr u. a. einen wesentlichen Beitrag zur friedlichen Revolution bei den Leipziger Montagsdemonstrationen geleistet, indem er einen öffentlichen Aufruf zur Gewaltfreiheit der legendären Montagsdemonstrationen unterschrieb. Er war drei Mal auf der „Langen Strecke“ des Rennsteiglaufs. Seine Bestzeit von 7:57:04 über 75 Kilometer im Jahre 1981 erreichte er durch regelmäßiges Training in der Laufgruppe unter Leitung von Dr. Wilfried Ehrler und Rolf Becker bei der HSG DHfK Leipzig, was aber eine andere Geschichte ist.
Zurück zu Alfred Rhode und seinem Anteil bei der Unterstützung des Rennsteiglaufs. In der Mangelgesellschaft der DDR gehörte die Beschaffung hochwertige Sportbekleidung für die Rennsteigläufer zu den täglichen Problemen. Dazu gibt es viele Geschichten, von den abgeschnittenen langen Unterhosen, die viele Läufer in den Anfangsjahren bei schlechtem Wetter als Beinbekleidung nutzten, bis zu den über Westverwandte besorgten Laufschuhen. Die Laufschuhversorgung der anwachsenden und gesundheitsorientierten DDR-Laufbewegung wurde ein vieldiskutiertes Thema, so dass sich sogar das SED-Zentralkomitee damit beschäftigen musste. Dies beschloss in den 1980er Jahren die zusätzliche Bereitstellung von etwa 100.000 speziellen Ausdauerlaufschuhen mit Profilsohle. Diese Schuhe mussten extra entwickelt werden. Da es an geeignetem Sohlenmaterial fehlte, wurden diese für „wertvolle“ Devisen eingeführt, was für die Brisanz des Themas sprach. Optisch ganz ansprechend mit weißem Chrom- oder blauem Velourleder und gelber Laufsohle waren sie ein echter Gewinn, allerdings mit einem relativ hohen Gewicht von fast 500 Gramm pro Schuh nicht das Optimum. Die Stückzahl war dabei jedes Jahr limitiert und reichte nie aus, um die DDR-Freizeitsportler zu befriedigen. Die wenigen aus Jugoslawien eingeführten „Lizenz-Adidas“, bekamen nur Läufer mit „guten Beziehungen“ zum Leistungssport.
Mit dem Hinweis auf den 1. Sekretär der SED der Wismut, der ja selber mitlief, konnten der in Jena ansässige Bereich Agitation und Propaganda des Organisationsbüros des GutsMuths-Rennsteiglaufs ein Projekt starten, welches diesen Mangel an Schuhen ohne Einsatz von „Valuta-Geldern“ beheben sollte. Dazu wurden zuerst die guten Kontakte zum VEB „Ilmia“, einer Sportschuhfirma, genutzt. Die dortige kleine Entwicklungsabteilung konnte schnell gewonnen werden, einen völlig neuen Laufschuh-Prototyp zu schaffen. Als erstes ließ man sich dafür auf der Leipziger Messe entsprechende „Rohware“ von „Westprodozenten“ schenken. Dazu gehörten einige Sohlen-, Dämpfungskeile- und Obermaterialmuster. Daraus wurden vier bis fünf paar Schuhe in „Handarbeit“ angefertigt. Vorher wurden extra neue Leisten beschafft, dazu einer nach der Fußform von Alfred Rhode, denn man wollte ihn zum 65. Geburtstag mit dem neuen Modell überraschen. Dieses Geschenkprojekt diente hier und da auch um „Hürden“ in den Leitungen einiger benötigter Partnerfirmen schneller zu überwinden.
Die zwei wichtigsten DDR-Sportschuhersteller in Hohenleuben und Stadtilm waren aus Privatbetrieben hervorgegangen, die verstaatlicht worden waren. Unrühmlich bekannt wurde dann der VEB Ilmia für die als Massenwaren produzierten Armee- und Schulsportschuhe mit zwei weißen Streifen, die im Volksmund auch „Kniebreche“ genannt wurden.
Zurück zum Schuhprojekt bei der Wismut: Der Chef der BSG Wismut Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Rolf Schmalfuß, Gründer des Oberrabensteiner-Stauseelaufs und der Autor der Serie damals Cheforganisator vom Geraer Silvesterlauf sowie des Städtelaufs Jena-Gera suchten sich entsprechende Partner, meist selber Rennsteigläufer bei Autoreifengummi- und Schuh-Textilmaterial-Herstellern und Bergbaumaschinen-Musterbauern sowie Sportwissenschaftlern. Ohne großen bürokratischen Überbau, über persönlichem Kontakt, gelang es die Entwicklungsarbeiten bis hin zur Kleinserienreife, ohne sonst nötige Bilanzanteile bzw. Staatsplanthemen, innerhalb von ca. zwei Jahren abzuschließen. Für Rhodes Geburtstag wären die neuen Schuhe aber zu spät gekommen, weswegen er ein Paar speziell für ihn genähte Laufschuhe aus den geschenkten Westmaterialien erhielt.
Nach einigen erfolgreichen Tests und den ersten Kleinserien sowie der Feststellung, dass die „Ostlaufschuhe“ gegenüber herkömmlichen „Westmodellen“ zumindest gleichwertig waren, konnten diese Ende der 1980er Jahre in die Produktion überführt werden, wobei das relativ schwere Leder-Obermaterial weiter eingesetzt werden musste. Erste Fertigungen mit textilem Obermaterial, die kurz vor der Wende produziert werden sollten, retteten den nach 1990 privatisierten Betrieb in Stadtilm dann aber nicht mehr.
Dr. H.-G. Kremer
Fotonachweis H. Kremer; Bildunterschrift: Ilmia Laufschuhe mit eigener Sohlenentwicklung um 1986.

In: Thüringische Landeszeitung vom 3. April 2019 Nr. 632

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