neues zur Jenaer Fußballgeschichte
„Nicht das oft rohe und gefährliche Rugbyspiel sondern das „Association-Fußballspiel“

Thüringische Landeszeitung vom 27. März 2019 Nr. 631
Einen Teil des guten Rufes, den Jena als „Sportstadt“ in der Vergangenheit genossen hat, basierte besonders zu DDR-Zeiten auf den internationalen Erfolgen der Leichtathleten und Ringer, sowie den in der Oberliga spielenden Fußballern. Die Geschichte des FC Carl Zeiss Jena ist ab den 1920er Jahren gründlich untersucht worden, wozu vor allem Uwe Dern und Udo Gräfe beigetragen haben. Anders sieht es mit der Fußballgeschichte bis zum Beginn des I. Weltkrieges (1914) in Jena insgesamt aus.
Seit einiger Zeit werden immer wieder bisher unbekannte Details dieser Geschichte zu Tage gefördert, so dass man langsam an eine Neufassung derselben gehen müsste. Aus der Zeit vor der Gründung des FC Carl Zeiss im Jahre 1903 war bisher „nur“ der Jenaer Fußballverein bekannt, dessen Gründung zwischen 1890 und 1893 gelegen haben muss. Seine Spuren verlieren sich um 1900. Jetzt wurde eine Jenaer Fußballmannschaft gefunden, die bisher völlig unbekannt war und die 1901 offiziell bei einem öffentlichen Fußballturnier antrat.
Pfingsten 1901 fand das 10. Verbandsfest des Vertreter Convents (VC) der akademischen Turnerschaften in Gotha statt. Der VC war eine Vereinigung schlagender und farbetragender studentischer Verbindungen. Er wurde 1872 gegründet, und ihm gehörten 1901 insgesamt 35 meist als Burschenschaften bezeichnete Verbindungen, von fast allen Universitäten des Deutschen Reichs, an. Der VC war Mitglied im Dachverband der Turner, den „Deutschen Turnern“, führte aber mit dem Verbandsfest eigene „Meisterschaften“ durch. Die Wettkämpfe in Gotha gliederten sich u. a. in einen Sechskampf im Wettturnen, einem Kooperationswettturnen, Sondervorführungen und Turnspielen. Zu den Einzelwettbewerben traten 18 Turner an. Am Musterriegenturnen beteiligten sich 118 Turner und an den Stabübungen sogar 160. Und jetzt kommt der entscheidende Hinweis in der „Zeitschrift für Turnen und Jugendspiel“ für die Jenaer Fußballgeschichte: Es hat ein Fußballspiel der Normannia-Jena gegen eine kombinierte Mannschaft gegeben, welches Jena mit 0:3 Goals verlor.
Die Verbindung Normannia-Jena taucht um 1900 in den Jahresabrechnungen vom Spielplatzbegründer und Verwalter Hermann Peter, der sich sehr große Verdienste um die Entwicklung des Unisports erworben hatte, auf. Damals hatten neben den Normannen die Gothanen, Saliern, Paulinern, Arminen, der mathematische Verein und die Westphalen, alles studentische Verbindungen, die Spielplätze in der Oberaue gemietet. Die Mitgliederzahl der Normannia lag 1900 ohne alte Herren bei 17, bei dem akademischen Turnbund Gothania bei 22 und der Turnerschaft Salia bei neun. 1914 hatte die Normannia 84 Aktiva. Die Turnerschaft Normannia ist im Jenaer „kulturellen Gedächtnis“ durch das noch heute als Normannenhaus bezeichnete burgähnliche Gebäude am Forstweg 12 präsent. Gegründet wurde die Turnerschaft Normannia 1843. In der Sportgeschichte ist sie vor allem bei Leichtathletik- und Turnwettbewerben sowie im Faustball präsent. So berichten die Normannen zum 85. Stiftungsfest 1928, dass ihre Sportler bis dahin die 4x100 Meter-Staffel bei den Unimeisterschaften zum vierten Mal in Folge gewonnen haben. Ein Jahr vorher wurden sie sogar mitteldeutscher Faustballmeister des VC.
Fußballwettspiele von reinen Studentenmannschaften sind im Deutschen Reich seit 1894 nachgewiesen, als beim „Deutschen Turnfest“ in Breslau Studenten der dortigen Universität gegen eine Mannschaft der Uni Leipzig spielten. Im gleichen Jahr wurde auch der erste „reine“ studentische Fußballverein in Straßburg i. Elsass, was damals zum Deutschen Reich gehörte, unter der Bezeichnung „Universitätsfußballklub“ gegründet. Bei der Gründung meldeten sich 22 Mitglieder aller Fakultäten an. Besonderer Wert wurde laut Satzung des Vereins darauf gelegt, „…dass man nicht das oft rohe und gefährliche Rugbyspiel sondern das „Association-Fußballspiel“…“ pflegen wolle.
Die Jenaer Fußballmannschaft der Normannia wurde in den Quellen bisher nur einmal gefunden. Ab 1911 hatte der „Studentenfußball“ seine Heimstatt beim Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV). So findet man diese Mannschaft schon ein Jahr später als „Universitätsauswahl“ in der Vorrunde um die akademischen deutschen Fußballmeisterschaften, heute würde man „Deutsche Hochschulmeisterschaften“ sagen. Die Uni-Fußballauswahl, die durch den VfB gestellt wurde, spielte damals gegen den „Akademischen Sportclub Göttingen“. Es sind sogar die Namen der mitspielenden Studenten überliefert, sie hießen Vollers, Dr. Geiger, Scharsich, Albert, Geupel, Jahn, Hoffmann, Ebeling, Maack, Neubauer, Linstedt, Ersatz: Dr. Roebe und Leonhardt. Letzterer, der Jurastudent Oscar Leonhardt, war damals Vorsitzender des VfB. Das Spiel verlor die Uni Jena mit 0:3. Die Fußballer des VfB scheinen regelmäßig die Universität als Auswahl vertreten zu haben. So ist bekannt, dass 1921 vor über 1000 Zuschauern auf den Universitätssportplätzen ein Fußballspiel zwischen den Universitäten Jena und Erlangen stattfand. Dieses Spiel war Bestandteil der ersten Deutschen Hochschulmeisterschaften nach dem I. Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Unimeisterschaften in den Ballspielen, vor allem im Faustball, gibt es kaum Nachrichten über Fußballmeisterschaften an der Uni, da vermutlich der VfB, der auch in verschiedenen Spielklassen am Punktspielbetrieb des Deutschen Fußballbundes beteiligt war, hier fast alle fußballinteressierte Studenten einigte.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Das älteste Foto einer Fußballmannschaft des VfB stammt aus der Verbandszeitschrift „Mitteldeutscher Sport“ von 1921 und wurde vom Fußballhistoriker Udo Luy gefunden.

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