Geschichte des Wanderns an der Universität Jena
Noch kein Jubiläum

Die Wandergruppe in der Abteilung Seniorensport beim USV Jena steckt noch in den „Kinderschuhen“. Als sich vor drei Jahren, Anfang Februar 2016 bei schönstem Wanderwetter etwa 25 Seniorinnen und Senioren vor der USV-Sporthalle an den Teufelslöchern zu einer Wanderung in die Kernberge aufmachten, hätte Niemand vermutet, dass sich daraus eine zahlenmäßig so starke Wandergruppe entwickeln würde. Die Idee war, mit dieser Gruppe die Möglichkeit zu schaffen, dass Seniorinnen und Senioren des Vereins, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Sportabteilung einmal monatlich eine geführte Wanderung gemeinsam unternehmen können. Diese Grundidee war überhaupt Bestandteil des I. Seniorensporttages des USV, der vor allem von der Abteilung Seniorensport, unterstützt durch weitere Abteilungen und der Stiftung Jenaer Universitätssport organisiert wurde. Insgesamt waren an die 200 Interessentinnen und Interessenten gekommen, die sowohl einen Vortrag der Medizinerin Prof. Johanna Hübscher hörten, als auch die 10 Sportangebote vom Basketball, über „Smisek“ bis hin zum Fitnesstraining im USV kennen lernen wollten. Am Nachmittag wurde dann die Wanderung angeboten. Während der Seniorensporttag keine Fortsetzung fand, gehört die Wandergruppe inzwischen mit über 40 angemeldeten Mitgliedern und an die 20 sporadisch teilnehmenden Wanderfreundinnen und –freunden, die nur mal „schnuppern“ wollen, zu einer der größten Übungsgruppen der Abteilung Seniorensport. Die Abteilung konnte auch durch diese neue Gruppe den altersbedingten Mitgliederschwund der letzten Jahre stoppen und zählt wieder um die 400 Mitglieder.
Organisiertes Wandern hat an der Universität eine lange Tradition. Spätestens mit dem Aufkommen der Wanderbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann man z. B. bei den studentischen Verbindungen das Wandern in Jenas schöner Umgebung als regelmäßige Freizeitbeschäftigung finden. Viele Professoren gehörten zu den Mitgründern des Jenaer Alpenvereins. 1890 wurden hier insgesamt 26 Akademiker und drei Studenten unter Mitglieder gezählt, darunter die Professoren Felix Auerbach, Max Fürbringer, Ludwig Knorr, Eduard Rosenthal, Ernst Kalkowsky und Heinrich Stoy. Im Rahmen der Institutionalisierung der Turn- und Sportlehrerausbildung an der Uni im Jahre 1911 wurde das Wandern sogar in die Ausbildungspläne mit aufgenommen, wofür Adolf Hamberger zuständig war, der von Beginn an regelmäßige Wanderungen sowie „Wanderlehrgänge“ mit theoretischen und praktischen Lehrangeboten organisierte. Die Rolle der studentischen Verbindungen, der Turn- und Sportlehrerausbildung sowie das Wandern in den akademischen Turnvereinen, in denen es ebenfalls viele Wanderaktivitäten gab, kommt leider in dem ansonsten hervorragendem Standartwerk für die Thüringer Wandergeschichte „Wanderwelten“ von Rayk Seela kaum vor.
Vor dem I. Weltkrieg wurde gerne der Ausspruch des deutschen Kaisers Wilhelm II. zitiert, wonach er gesagt haben soll: „Wir brauchen ein kraftvolles Geschlecht … Darum meine jungen Freunde, stärken und erhalten sie ihre Körperkräfte. Darum wandern sie, turnen sie, spielen und schwimmen sie, das gibt Gesundheit und Kraft. Ohne Gesundheit, ohne Kraft ist das Dasein für die Gesamtheit wie für den Einzelnen fluchwürdig.“ Dieser Ausspruch, den die Jenaer Volkszeitung in einem Artikel zum „Sport als Volkserzieher“ zitierte, hatte neben gesundheitlichen Überlegungen auch Wehrertüchtigungsansätze. Dabei gab es aber auch starke Elemente der Reformbewegung, die in allen gesellschaftlichen Schichten eine Nutzung des Aufenthalts in freier Natur zur Erhöhung der Lebensqualität empfahlen. Dies schlug sich auch in der Uni nieder, wo es sogar eine eigenständige Gruppe der Jugendbewegung „Wandervögel“ gab. Im Verzeichnis der studentischen Verbindungen für 1914 hatte z. B. der Verein für Bewegungsspiele 154, der Akademische Turnverein Gothania 75 und der Wandervogel 16 Mitglieder.
Nach dem II. Weltkrieg und der Wiederaufnahme der Turn- und Sportlehrerausbildung an der Uni organisierte Walter Wurzler einen ersten Wanderlehrgang in Georgenthal. In der 1949 gegründeten Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV), die in diesem Jahr auf 70 Jahre Vereinsgeschichte zurückblicken kann, wurde eine Sparte Hochtouristik-Wandern erwähnt. 1951, kurz nach Wiedereröffnung des Sportinstituts unter dem Namen Institut für Körpererziehung, wurde bei der Fakultät ein Lehrauftrag für Elli Tetschke für Wandern beantragt, „…da dies nach dem neuen Lehrplan eine obligatorische Veranstaltung wäre“. Ab 1968 wurde dann ein einheitlicher Stoffverteilungsplan für alle Sportlehrerstudenten der DDR ausgearbeitet, in dem das Wandern und der Orientierungslauf unter dem Sammelbegriff „Touristik“ zusammenführt wurden. In Jena hat man diesen Ausbildungsbestandteil dann im Rahmen der Wasserfahrsport- und Touristiklehrgänge an der Hohewartesperre realisiert.
Eine Wandersektion in der HSG entstand dauerhaft erst mit der Aufnahme des Wanderns als Rehasport in den Pflichtstudentensport in den 1980er Jahren unter Leitung von Feo Gutewort. Mit Aufhebung des Pflichtstudentensports löste sich Anfang der 1990er Jahre diese Abteilung auf, dafür kam es bei der Gründung der Abteilung Seniorensport im USV 1991 zur Bildung einer neuen Wandergruppe unter Leitung von Manfred Danker, die sich aber im Zuge einer Erhöhung der Mitgliedsbeiträge beim USV abmeldete, so dass die seit drei Jahren existierende Übungsgruppe Wandern ein neuer Versuch ist, diese schöne Sportart beim USV fest zu integrieren.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Wanderlehrgang von Sportstudenten 1947 auf dem Inselberg; rechts vorn Walter Wurzler.

In: Thüringische Landeszeitung vom 30. Januar 2019

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen