Zur Jenaer Sportgeschichte
Olympia und Jena

Der 23. Juni 1894 gilt als das Gründungsdatum der „Olympischen Spiele der Neuzeit“. An diesem Tag wurde auf einem internationalen Sportkongress in Paris die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele und die Gründung des Internationalen Olympischen Comites (IOC) beschlossen. Der wichtigste Akteur bei der Gründung war der Franzose Pierre Coubertin. In das IOC sollten Vertreter aller Erdteile berufen werden, die ein möglichst hohes Ansehen im damals sich entwickelnden Sport hatten. Aus heutiger Sicht waren Repräsentanten von Asien und Afrika nicht unter den 13 Gründungsmitgliedern. Die feindliche Stimmung gegen das Deutsche Reich in Frankreich nach dem verlorenen Krieg 1870/71 schlug sich darin nieder, dass kein Deutscher zu den Gründern gehörte. Erst zwei Jahre später nach Gründung eines „Nationalen Olympischen Komitees“ (NOK) in Deutschland wurde der Unternehmer Willibald Gebhardt ins IOC aufgenommen.
Unter den Mitgliedern des deutschen NOK dominierten sportlich interessierte Adlige. So waren die ersten Präsidenten des NOK ab 1895 Philipp zu Hohenlohe-Schillingsfürst, ab 1899 Aribert von Anhalt, ab 1903 Eduard zu Salm-Horstmar, ab 1905 Egbert von der Asseburg, ab 1909 Victor von Podbielski und von 1916 bis 1919 Ulrich von Oertzen.
Überlegungen zur Wiederbelebung der olympischen Spiele gab es in Deutschland schon vor 1896. So beschreibt der Priv. Doz. Dr. phil. habil. Uwe Mosebach, der in Jena einen Lehrauftrag für Sportgeschichte hat, in seinem Standartwerk „Sportgeschichte“, dass bereits die Dessauer Philanthropen um 1770 mit Wettkampfformen nach dem Vorbild der klassischen olympischen Spiele experimentierten. Dies war auch Anregung für Johann Christoph Friedrich GutsMuths in Schnepfenthal, sich ausführlich mit den olympischen Spielen zu beschäftigen. Der Deutsche Archäologe Ernst Curtius begann dann 1875 mit Ausgrabungen am Kult- und Wettkampfort der Olympischen Spiele in Griechenland. Zu seinem Team gehörte der aus Barmen stammende Wilhelm Dörpfeld. Mit ihm führt eine direkte Spur nach Jena, denn Dörpfelds Schwestern wohnten im Jenaer Kernbergviertel. Sehr ausführlich wird seine Biografie in dem zurzeit vergriffenen Buch, „Spurensuche – Geschichte und Geschichten aus dem Jenaer Ortsteil Kernberge“ beschrieben. Der Mitautor Lambert Grolle gibt einen umfangreichen Überblick darüber, in welchen Häusern Dörpfelds zeitweilig lebten. Im Zusammenhang mit einem Architekturstudium fand Wilhelm Dörpfeld Zugang zur klassischen Archäologie. Zwischen 1877 und 1881 nahm er an den umfangreichen Grabungen von Ernst Curtius und Friedrich Adler in Olympia teil. Später beteiligt er sich auch an Grabungen Heinrich Schliemanns in Troja und vielen anderen wichtigen Grabungsstätten des alten Griechenlands. Auch in Pergamon ist er an Grabungen beteiligt, was eine Bekanntschaft mit dem Erbauer der Muskelkirche, Jakob Schrammen, wahrscheinlich macht. Dieser war dort als Architekturstudent einige Zeit tätig war und hat darüber publiziert. 1923 wurde Wilhelm Dörpfeld in Jena zum Honorarprofessor berufen und hielt mehrere Vorlesungen. Dörpfeld war in Jena auch „alter Herr“ der Landsmannschaft Rhenania, die in der Seidelstraße ihr Verbindungshaus hatte. Anlässlich seines 80. Geburtstags wurde eine Büste von Wilhelm Dörpfeld im Museum in Olympia aufgestellt, womit er wohl eine der höchsten Weihen in der modernen Olympischen Geschichte erhielt. Damit wurden seine Leistungen als langjähriger Direktor des Archäologischen Institutes in Athen gewürdigt.
Unter den Sportfunktionären, die bei olympischen Spielen zum Einsatz kamen, ist als erster der „Jenaer“ Hermann Eitel zu nennen. Aus biografischen Erzählungen von Sportlern und Funktionären, die ihn noch persönlich kennen lernten, ist überliefert, dass er 1912 als „Schlachtenbummler“ bei den olympischen Spielen in Stockholm gewesen sein soll. Damals war er gerade „frischgebackener“ Turnlehrer in Gotha. 1914 bekam er dann die Stelle des ersten Universitäts- Turn- und Sportlehrers in Jena. Als Funktionär war er im Wintersport tätig. In den 1920er Jahren war er Lehrwart im Deutschen Skiverband. Er gehörte zur thüringischen Kampfrichter-Delegation der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen.
Der Terminus „Olympische Spiele“ war zu Beginn nicht geschützt und wurde bis 1914 in Deutschland häufig für Sportwettkämpfe im Allgemeinen gerne verwendet. So sind für den 25. Juli 1909 „Olympische Spiele“ des Gaus Thüringen im „Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine“ überliefert, die der Fußballclub „Carl Zeiss“ in der Oberaue organisierte. Dieses waren gleichzeitig Thüringer Meisterschaften in einigen Disziplinen. Ausgetragen wurden: 100 Meter-Laufen, Weitsprung, Diskuswerfen, 1500 Meter-Laufen, Dreikampf (200 Meter-Laufen, Steinstoßen, Hochsprung), 400 Meter- Stafette (4 Mann je 100 m), Dreisprung, Speerwerfen, Jünglingslaufen über 100 Meter (Alter bis 17 Jahre), Fußballweitstoßen, 400 Meter-Stafette für Jünglinge·(4 Mann je 100 m), Stabhochsprung, Kugelstoßen, Hochweitsprung und 800·Meter-Laufen. Mit insgesamt 15 Wettbewerben eine recht anspruchsvolle Veranstaltung, die auch von den Organisatoren alles forderte, denn es gab noch keinerlei leichtathletische Wettkampfstätten, sondern nur die von Hermann Peters Spielplatzverein geschaffenen Fußballfelder und Tennisplätze. Fotos von 1912 belegen, dass man auf den Wiesen eine Laufbahn mit Bändern absteckte. Ergebnisse von 1909 sind bisher nicht aufgefunden worden.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Nachlass von Hermann Eitel (rechts) stammt dieses Foto, wo er 1930 als Kampfrichter bei einem Leichtathletikwettkampf in der Oberaue eingesetzt war.

In: Thüringische Landeszeitung vom 22. Juni 2019

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