Rennsteiglauf-Geschichten

Jenaer Tuchfühlung zum Rennsteiggrenzgebiet

Wie ein Wessi Mitglied des Rennsteiglaufpräsidiums wurde
Als sich am 9. November 1989 die „Mauer“ öffnete, ergaben sich für die Jenaer Mit-Organisatoren des GutsMuths-Rennsteiglaufs die Chancen, auch mal den durch Bayern führenden Teil des Rennsteigs kennenzulernen. Der „Gründervater“ des Rennsteiglaufs hatte als Jugendlicher vor dem Mauerbau 1961 mit einer Wandergruppe der BSG Lok Weimar den westlichen Ausgangspunkt des Rennsteigs an der Werra, der im Grenzgebiet lag, besuchen können. Die geplante Wanderung am anderen Ende von Blankenstein kam dann aber wegen der Grenzschließung nicht mehr zu Stande. Die nächste „Tuchfühlung“ zu dem hermetisch abgeriegelten Gebiet erfolgte erst im Dezember 1989.
Das Kollegium des Studentensports der Uni hatte sich im Dezember 1989 ins Tagungsheim nach Siegmundsburg zu einer Klausurtagung zurückgezogen. Ende November hatte der neu gebildete Studentenrat nach einer Abstimmung unter der Studentenschaft erreicht, dass der bis dahin gesetzlich vorgeschriebene Pflichtsport für Studentinnen und Studenten vom Rektor abgesetzt worden war. Die 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Studentensports standen auf einmal „ohne dienstliche Aufgabe“ da. In Siegmundsburg wurden Ideen und Projekte erörtert, wie man für Studierende neue freiwillige Angebote entwickeln und organisieren könnte. Auf der Heimfahrt nutzte der Rennsteiglaufgründer die Möglichkeit, den gerade eröffneten Grenzübergang bei Spechtsbrunn am Rennsteig zu besuchen. Über eine Schotterpiste, die kurzfristig angelegt worden war, wurde der nächste Ort in Bayern, Tettau, erreicht. Hier wurden alle ankommenden DDR-Bürger im Rathaus mit Glühwein, Kaffee und Stollen bewirtet.
Im Februar 1990 fand dann ein Skilehrgang für Studierende der Uni in Siegmundsburg statt. In Ermanglung von Schnee wurden mehrere Wanderungen im Grenzgebiet organisiert. Eine davon führte von Neuhaus über Spechtsbrunn nach Tettau. Dabei wurde erstmals die Idee diskutiert, den Rennsteiglauf auch durch das bayrische Gebiet zu führen.
Bis dieser Gedanke konkretere Formen annahm dauerte es nicht lange, da der Geschäftsführer des Rennsteiglaufs, Volker Kittel, einen Termin mitbekommen hatte, zu dem bayrische und thüringische Vereine eine Wanderung über den östlichen Rennsteig organisieren würden. Anfang April waren Volker Kittel, Rolf Becker, Jochen Heusing, Gunda und Hans-Georg Kremer vom Rennsteiglauf unter den etwa 50 Wanderfreunden. Mehrmals wurden die noch weitestgehend intakten Grenzanlagen extra für die Wanderer geöffnet. In Gesprächen mit Vertretern der Grenzpolizei der DDR konnten organisatorische Details für einen Gesamtdeutschen-Rennsteiglaufs geklärt werden. Auf bayrischer Seite wurde u. a. Falk Wick vom TSV Tettau für die Unterstützung dieses Projektes gewonnen. Am Vortag des Rennsteiglaufs gingen 20 Läuferinnen und Läufer in Blankenstein an den Start und liefen über 55 Kilometer bis Neuhaus. Aus Jena waren außer dem Autor der Serie noch Friedrich-Wilhelm Gebhardt, Gerhard Rötzschke und Heike Keil dabei. Der bayrische Ministerpräsident Max Streibl hatte die Schirmherrschaft übernommen, was später die Verhandlungen mit seinem Parteifreund und Landrat von Kronach, Werner Schnappauf, erleichterte, ihn für das Präsidium des am 30. Juni 1990 gegründeten GutsMuths-Rennsteiglaufvereins e. V. zu gewinnen. Da Landräte aber terminlich stark eingespannt sind, delegierte er seine Aufgaben an Falk Wick, der in Tettau sowohl im Sportverein als auch im Stadtrat Sitz und Stimme hatte.
Falk Wick wurde dann offiziell 1993 als Vertreter des bayrischen Anliegergebietes am Rennsteig in das Präsidium des GutsMuths-Rennsteiglaufs gewählt. Werner Schnappauf schaltete sich persönlich noch mal ein, als es zu Kontroversen zwischen dem Rennsteigverein e. V. und dem GutsMuths-Rennsteiglaufverein e. V. gekommen war. Der 1896 gegründete Rennsteigverein, der nach 1945 im „Westen“ in Zapfendorf wiedergegründet worden war, beanspruchte für sich die Rennsteigtradition und beäugte sehr kritisch Formen der Traditionspflege durch die Rennsteiglauforganisatoren. Auf Schnappaufs Initiative wurde eine Vereinbarung abgeschlossen, die ein Zusammenarbeiten ermöglichen sollte. Vorher hatte der Rennsteigverein allerdings die Mitgliedschaft der Rennsteigläufer als Ortsgruppe abgelehnt. Das war verständlich, da der Verein der Rennsteigläufer, der damals über 4000 Mitglieder zählte, sonst die Stimmenmehrheit beim Rennsteigverein gehabt hätte. Auch die persönliche Anmeldung des damaligen Rennsteiglaufvereinspräsidenten wurde von Zapfendorf negativ beschieden.
Ab 1994 initiierte der Rennsteiglaufverein gezielt die gemeinsame Traditionspflege mit dem Rennsteigverein z. B. durch Setzen von Gedenksteinen für Julius v. Plänckner und Julius Kober sowie die Schaffung mehrerer Rennsteigtraditionsmedaillen durch den bekannten Medailleur Helmut König. Insgesamt wurde aber die Vereinbarung kaum mit Leben erfüllt. Deutlich besser klappte die Zusammenarbeit mit Falk Wick, der unermüdlich bis in die jüngste Zeit Aktionen des Rennsteiglaufvereins und des USV Jena auf dem Rennsteig unterstützte. Hier seien nur genannt, bisher sechs durchgeführte „Gesamtdeutscher Rennsteigläufe“, drei Guinnessrekorde über den gesamten Rennsteig und mehrere Rennsteigrekordaktionen. Besonders hervorzuheben ist aber seine langjährige Mitorganisation der 55-Kilometerwanderung im Rahmen des Rennsteiglaufs, die leider vor zwei Jahren eingestellt wurde.

Dr. Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift: Falk Wick (ganz links) 1993 mit dem neu gewählten Präsidium des GutsMuths-Rennsteiglaufvereins.

In: Thüringische Landeszeitung vom 22. März 2017 Nr. 532

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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