Zur Geschichte der Jenaer Leichtathletik
Rudolf Harbig hinterließ seine Spuren in Jena

Als kürzlich die Nachricht in den Medien verbreitet wurde, dass man in Dresden per Abstimmung den Namen des Stadions, in dem der Zweitligist Dynamo spielt, in „Rudolf Harbig Stadion“ zurückbenennt, war dies ein Grund in Jenas Sportgeschichte nach Rudolf Harbig zu suchen.
Der als „Wunderläufer von Dresden“ titulierte Rudolf Harbig (1913 – 1944) gilt als eines der größten Mittelstreckentalente Deutschlands in der Mitte der 1930er Jahre. Er wurde in Dresden geboren und ist seit dem 5. März 1944 bei Kampfhandlungen im zweiten Weltkrieg im Raum Olchowez/Kirowgrad, in der Ukraine, vermisst.

Seine sportlichen Meriten können hier nicht alle aufgezählt werden. Klaus Amrhein hat dies in seinem umfangreichen Werk: „Biographisches Handbuch der deutschen Leichtathletik“ sehr ausführlich gemacht. Hier nur einige Details: Er war Teilnehmer bei den Olympischen Sommerspielen 1936, wo er wegen vorheriger Krankheit im Vorlauf über 800 Meter ausschied. Mit der 4x400 Meter-Staffel holte er Bronze; bei der Europameisterschaft 1938 siegte er über 800 Meter in 1:50,6 und mit der 4x400 Meter-Staffel gewann er ebenfalls; er wurde Deutscher Meister über 800 Meter von 1936 bis 1941 und einmal mit der 4x400 Meter-Staffel. In Dortmund lief er am 7.8.1938 als erster Deutscher die 400 Meter unter 47,0 Sekunden und in Berlin am 9.7.1939 die 800 Meter unter 1:50 Min. Insgesamt konnte er drei Weltrekorde erzielen: 400 Meter in 46,0 und 800 Meter in 1:46,6 im Jahr 1939 und 1000 Meter in 2:21,5 1941.

Rudolf Harbig kam aus einfachen Verhältnissen und hatte vier Geschwister. Er erlernte den Beruf eines Stellmachers. Da er anschließend in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos war, wurde er von 1932-35 Reichswehrsoldat. Danach bekam er eine Stelle als Angestellter bei den Dresdner Stadtwerken. Bei den Stadtwerken arbeitet er als Zählerableser.
Harbig, der als Handballspieler seine sportliche Laufbahn begann, wurde im Jahre 1934 aufgrund seines Sieges im 800 Meter-Lauf beim „Tag des unbekannten Sportsmannes“, einer mit Blick auf die Olympiade 1936 reichsweit durchgeführten Talentsuche, entdeckt. Von da an wurde er vor allem durch den Trainer Woldemar Gerschler gefördert. Ab 1937 war er NSDAP- und SA-Mitglied. Harbig, der politisch eher desinteressiert war, wurde 1939 bei Kriegsbeginn zur Luftwaffe eingezogen, konnte aber weiter trainieren. Vor Kriegsbeginn startete er häufig zu Rennen im Ausland, u. a. in den USA. Er wurde als internationaler Spitzensportler zur nationalen Leitfigur für die deutsche Jugend im III. Reich außen- wie innenpolitisch für die Zwecke der Nationalsozialistischen Propaganda instrumentalisiert.

Sein erster Start in Jena war wohl am 7. Juni 1936, als der VfB (heute USV) Jena seine 12. Kampfspiele unter der Überschrift: „25 Jahre VfB Jena e. V.“ organisierte. Diese Kampfspiele waren ein deutschlandweiter Leichtathletik-Wettkampf, der vom VfB seit 1912 organisiert wurde. Er gehörte auf Grund der hochkarätigen Starterfelder zu einem der renommiertesten Leichtathletikwettkämpfe im deutschen Reich. 1936 wurden besonders hervorragende Leistungen erbracht, was u. a. darauf zurückzuführen war, dass die Kampfspiele in die Olympiavorbereitung der deutschen Sportler fielen. Als beste Ergebnisse wurden in den Zeitungen der Hammerwurf – Karl Hein 53,50 M und Diskuswurf Wilhelm Schröder mit 49,51 angeführt, da es deutsche Rekorde waren. Im Weitsprung sprang Wilhelm Leichum hervorragende 7,76 Meter und über 800 Meter siegte Rudolf Harbig in 1:53,5. Vierter wurde hier der Jenaer Rudolf Klupsch. Weitere gute Jenaer Ergebnisse gab es im Hochsprung der Damen durch Luise Lockemann (VfB) mit 1,44 Meter kam sie auf den vierten Platz mit gleicher Höhe wie die Zweite und Dritte. Siegfriede Dempe von der Uni Jena, die für den SC Weimar antrat, belegte über 80 Meter-Hürden den zweiten Platz ebenso die 4x100 Meter-Männerstaffel vom 1. SV Jena.

Im Juli 1940, bei den 13. Deutsche Leichtathletikmeisterschaften im Berliner Olympiastadion, gab es ein weiteres direktes Zusammentreffen von Rudolf Harbig und Rudolf Klupsch im 400 Meter-Staffellauf. Es gewann der LSV Berlin in 3:18,4 min vor dem 1. SV Jena (Peinel, Hippler, Klupsch, Müller) in 3:21,6 min und dem Dresdner SC 1898 (Häring, Baumann, Heß, Harbig) in 3:22,4 min.

1951 wurde in Dresden das wieder aufgebaute Stadion mit einem großen Leichtathletik-Sportfest als „Rudolf-Harbig-Stadion“ eingeweiht. Jenaer Leichtathleten war seitdem öfters bei Sportfesten zu Ehren von Rudolf Harbig am Start, darunter Paul Dern vom SC Motor. Er wurde als einer der besten 800 Meter-Läufer der DDR für den „Harbig-Gedächtnislauf“ nominiert. Diesen Lauf gewann der Dinslakener Rolf Lamers in 1:56,1, der mit einer Gruppe westdeutscher Leichtathleten als Gast gekommen war, obwohl von der westdeutschen Sportführung solche Starts untersagt worden waren. Frau Harbig hatte den Olympia-Teilnehmer von 1952 zum Start überredet, was ihm in der damaligen BRD eine längere Startsperre einbrachte. Paul Dern wurde bei diesem Lauf Vierter.

Als Marginalie in der Jenaer Sportgeschichte kann man ansehen, dass im März 1952 ernsthaft über eine Umbenennung der Unisportplätze diskutiert wurde. Albert Heintz von der Sportplatzkommission schlug u. a. folgende Namen vor: Dr. Otto-Schott-Gedächtniskampfbahn, Rudolf-Harbig-Sportplatz, Friedrich-Schiller-Kampfbahn, Eucken-Sportplatz u. a.. Keiner der Namen konnte sich durchsetzen, so dass man sich auf die Bezeichnung, die bis 1990 offiziell galt: „Gemeinschaftssportanlage Oberaue“ einigte.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Zum Rudolf-Harbig-Sportfest 1954, brachten Sportler des SC Motor Jena eine Linde als Geschenk mit, hier bei der Übergabe v.l. Siegfriede Weber, Irmgard Piep, Annemarie Clausner und Gisela Köhler.

In: Thüringische Landeszeitung vom 10. Oktober 2018 Nr. 607

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