Jenaer Schwimmsporthistorie
Saul von den Wasserfreunden Jena - Fehlender Eintrag in goldene Ehrenbuch der Stadt

Wenn am 9. Februar 2018 die Olympischen Winterspiele eröffnet werden, ist es mal wieder Zeit in der Jenaer Sporthistorie nach Geschichten und Erfolgen zu Olympia zu suchen. Medaillen bei Winterspielen sind von Jenaer Sportlern nicht überliefert, wenn es auch immer mal erfolgreiche Skiläufer mit Bezug zu Jena gab. Heidi Preuß, die in Jena ihre familiären Wurzeln hat, konnte sich Platz vier im Abfahrtslauf bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid erkämpfen. Sie startete für die USA.
Auch über den dienstlichen Vorgänger des Autors dieser Serie bei der Uni, Hermann Eitel, der Langlauf-Startleiter bei den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch Partenkirchen war, hatten wir schon berichtet. Ebenso gab es wiederholte Berichte über die mehr als 40 Olympiamedaillen im Rodel- und Bobsport, an denen Forscher des heutigen Sportinstituts um die Professoren Gutewort und Pöhlmann beteiligt waren. Inwieweit der Geologe Prof. Dr. Wilfried v. Seidlitz, der Gründer des Skiklubs im Zusammenhang mit den Winterspielen von 1936 stand, wird gegenwärtig noch untersucht.
Bei den Sommersportarten haben Jenaer Sportler, vor allem die Leichtathleten eine ausgesprochene positive Medaillenbilanz. Wer früher ins goldene Ehrenbuch der Stadt eingetragen wurde ist nicht genau bekannt, da das Original derzeitig als verschollen gilt. Auf jeden Fall vergessen wurde die Schwimmerin Barbara Göbel, die immerhin die erste olympische Medaille für Jena errang. Allein diese Tatsache ist eigentlich ein Eintrag ins goldene Ehrenbuch der Stadt würdig. Schon 2008 hatte Udo Gräfe auf den Fall von Barbara Göbel und ihren Trainer Gerhard Saul aufmerksam gemacht und erwähnt, dass bei einem Empfang für Barbara Göbel ihr Jenaer Trainer nicht mit eingeladen worden war.
Bei den gesamtdeutschen Olympiaausscheidungen 1960 konnte sich die Jenaer Oberschülerin qualifizieren. Sie startete zusammen mit Wiltrud Uselmann (BRD) für das gesamtdeutsche Olympiateam. In Rom schwamm sie die 200 Meter Brust in 2:53,6 Minuten und gewann Bronze hinter der Anita Lonsbrough (GBR) und Wiltrud Urselmann. Wohl weil sie in der unmittelbaren Olympiavorbereitung vorwiegend in Magdeburg trainierte und dann auch nach Magdeburg wechselte, wurde sie in der Jenaer Sportgeschichtsschreibung immer vernachlässigt.
Ihr Trainer Gerhard Saul wurde 1905 in Budapest geboren, wo seine Eltern damals lebten. Gerhard wurde zum Holzbildhauer ausgebildet. Nach Aussagen seiner Tochter Inge, stammt von ihm das Fuchsturmmodell im Rempter der Fuchsturmgaststätte. Schon als Schüler war er ein guter Schwimmer. Im Sommer fand man ihn fast täglich im „Schleichersee“ beim Training. Er gewann als Jugendlicher mehrere Thüringer Meistertitel. Die älteste Zeitungsnotiz über ihn stammt aus dem Jahre 1921, als er mit dem 1. Sportverein Jena (1.SV) bei einem Schwimmwettkampf in Eisenberg das Jugendschwimmen gewann. 1927 schaffte es Gerhard Saul sogar in die Überschrift im Jenaer Volksblatt: „Saul, Wasserfreunde Jena, schwimmt 100 Meter in 1:08,8“, und weiter „im Freistilschwimmen über 100m bot Saul eine feine Leistung. Er gewann… mit 1.08,8 und zeigte somit eine Leistungssteigerung um 1,03 Sek. Die nächsten Starts werden zeigen, ob er nun endgültig die Zeit von 1:10 hinter sich hat.“
Gerhard Sauls Mutter und Schwester gehörte waren erfolgreiche „Figurenschwimmerinnen“ heute als Synchronschwimmen bezeichnet.
Seine berufliche Entwicklung führte ihn zuerst zum Jenaer Messgerätehersteller „Schietrumpf“ und dann zu Zeiss, wo er als Konstrukteur für Brillen arbeitete. Als Sportler blieb er auch nach dem Krieg dem „Schleichersee“ treu und wurde Mitglied bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Carl-Zeiss Jena, bzw. bei deren Vorläufervereinen. Zeitweilig spielte er in der Jenaer Wasserballmannschaft, die es bis in die DDR-Liga schaffte. Seine erfolgreiche Arbeit als Übungsleiter im Schwimmen und sein stetes Engagement für den Schwimmsport trugen mit dazu bei, dass in den 1950er Jahren im Schleichersee ein 50m-Becken mit Betonstegen und Startblöcken eingebaut wurde, wodurch sich die Trainingsbedingungen deutlich verbesserte. Allerdings stand im Winter nur das Volksbad zur Verfügung. Bei Schließungen, die öfters vorkamen, musste zum Training nach Pößneck, Gera oder Erfurt ausgewichen werden.
Während es andere Sportarten in Jena neben den Stammsportarten Leichtathletik, Fußball, Kegeln, Fechten, Ringen, Tischtennis und Turnen oder auch nur kurzzeitig, wie Handball, Basketball und Wintersport es zum Sportclub (SC) Motor Jena schafften, wo eine gesonderte Förderung u. a. mit hauptamtlichen Trainern erfolgte, blieben die Schwimmer immer bei der BSG. Unter Leitung von Jutta Hübscher als Sektionsleiterin und „Mutti für alles“ konnte sich besonders Ende der 1950er Jahre mit ihrem ehrenamtlichen Übungsleiter Gerhard Saul eine leistungsstarke Mädchengruppe entwickeln, der neben der Olympiadritten Barbara Göbel auch Sauls Tochter Inge angehörte. Barbara Göbel war eine Ausnahmeschwimmerin, die nach Aufnahme in den DDR-Kader dann regelmäßig nach Magdeburg musste, wo der Frauentrainer der Nationalmannschaft Trainingslehrgänge organisierte.
Die Stadt und Zeiss ehrten ihre Olympiabronzemedaille mit einem Empfang im Schwarzen Bären, wozu ihr Übungsleiter Gerhard Saul nicht eingeladen worden war, was ihn sehr ärgerte.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotoalbum von Inge Werner, der Tochter von Gerhard Saul stammt dieses Foto aus den 1950er Jahren. Links hinten Jutta Hübscher, davor Inge, daneben Gerhard Saul, vorne in der Mitte, Barbara Göbel.

In: Thüringische Landeszeitung 17. Januar 2018 Nr. 571

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen