Ein besonderes Schaustück: das diabolische Duell
Schaufechten in Jena

Eine kleine Zeitungsnotiz im Jenaer Volksblatt vom Mai 1898: „..dass der bekannte Fechtmeister Sulivian mit seiner Schülerin Petö Aranka im Jenaer Theater auftreten werden“, war Anlass mal über das Thema von halb- oder ganzkommerziellen Sportevents und die dafür genutzten Sportstätten zu recherchieren.

Eine Örtlichkeit, die schon sehr früh sowohl für sportliche Aktivitäten als auch für kulturelle und sonstige „Belustigungen“ genannt wird, ist die „Landveste“. Dieser Platz, früher vor den Toren der Stadt am Saaleufer gelegen, hatte wohl ihren Namen aus der zeitweiligen Nutzung für Verteidigungszwecke. Manche schreiben den Platz auch „Landfeste“ und interpretieren ihn nach Feiern und Festen. Dies soll hier aber nicht untersucht werden.

Vor dem Bau der Saale-Eisenbahnstrecke (1874) war dieser Platz am südwestlichen Ufer bei der Camsdorfer Brücke liegend, deutlich größer als heute. Er bildete eine freie weitestgehend ebene Fläche, auf der das eine oder andere Fest gefeiert wurde. Bis zum Umzug der Schützen auf das Gelände, wo heute das „Adolf Reichwein Gymnasium“ steht, fanden hier z. B. die jährlichen Schützenfeste statt. Gleichzeitig war die Landveste Lagerplatz für geflößtes Holz, und sogar als Richtstätte wurde sie genutzt.

1567 findet sich eine erste Erwähnung im Zusammenhang mit sportlichen Aktivitäten der Studenten: „… werden häufig das begehrte Ballspiel, das Kegeln, Pikenwerfen, Fahnenschwingen, Reiten und Zielschießen, worin die Studenten sich auf der Landveste in der Saalevorstadt übten,...“ angetroffen. Später findet man bei J. W. v. Goethe, dass er am 5. März 1785 auf der Landveste einen unbemannten Ballonaufstieg beobachtet. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Teile der Fläche saisonal verpachtet, so im Sommer 1893 als Tennisplatz. „Außerdem hat auf einem Gemeindegrundstücke - der sog. Landveste - ein hiesiger Rechtsanwalt eine Fläche zum Tennisspiel gemietet und sie öfter mit seiner Familie und Freunden derselben besucht.“
Ab dieser Zeit häufen sich die Nachrichten über die Nutzung der Landveste, so trat hier im gleichen Jahr der Zirkus von „Blumenfelds Witwe“ auf. Er wurde besonders gelobt wegen der Reichhaltigkeit und Schönheit seines Pferdebestandes. 1903 gaben die Turmseilkünstler Geschwister Feller auf der Landveste eine Vorstellung. Die vier Geschwister arbeiteten mit erstaunlicher Kühnheit. U. a. wurde mit einem gewöhnlich Fahrrad auf dem Seil gefahren, kann man im Jenaer Volksblatt lesen. Auch für bemannte Ballonaufstiege war die Landveste geeignet. Im Juli startete der bekannte Luftschiffer Herr Feller mit seinem Riesenballon „Pfeil“. Ob er mit Robert Feller gleichzusetzen ist, muss noch genauer untersucht werden. Der Kölner Polizeipräsident hatte 1894 vor diesem brieflich gewarnt, „…da er trinksüchtig sei und somit seine Passagiere gefährde“. Später trat Feller „…zusammen mit der bekannten Luftschifferin „Miss Polly“ …auf. Ihre Attraktion ist der Aufstieg an einer Strickleiter, die unter dem Ballonkorb hängt. Sie gehört, neben der bekannteren Frankfurter Fallschirmartistin und Ballonfahrerin Käthe Paulus zu den wenigen Frauen in diesem Gewerbe…“ findet man in einer Ballonsportchronik.

Ein anderer Ort für Sportdarbietungen war der Saal vom Kaffeehaus, wo Boxwettkämpfe organisiert wurden. So 1921, als acht Amateure, die sich in der Kriegsgefangenschaft kennenlernt hatten, hier auftraten. „Diese wenig bekannte Sportart soll dadurch bekannter gemacht werden“ steht im Jenaer Volksblatt. Im Herbst des gleichen Jahres gab es im Kaffeehaus einen Boxwettbewerb mit Jenaer Boxern. „Im Vorkampf trafen Strozany (Jena) auf Beyer (Apolda). Als drittes Paar kämpfte Emil Born (Halle) gegen Haase (Jena). Der Besuch ließ aber zu wünschen übrig, so dass der Veranstalter aus Weißenfels eine Einbuße erlitten haben dürfte.“
Im Jenaer Stadttheater wurde 1910 ein 14-tägiger internationaler Ringerwettkampf organisiert. Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, Russland und Barkowsky-Polen. Beim Kampf zwischen Paradanoff-Russland und Barkowsky-Polen gab es große Zuschauertumulte. Der längste Kampf zwischen dem Weltmeister (1905) Albert Hein und dem Russen Paradanoff ging 83 Minuten. Hein siegte, und Paradanoff protestierte dagegen. Er setzte anschließend 100 Mark, wenn er Hein nicht besiegt. Hein nahm die Herausforderung an. Die Endergebnisse konnten noch nicht ermittelt werden.

Zurück zu eingangs zitiertem Schaufechten: Leider wurde dazu nur eine Ankündigung gefunden. Ein Artikel aus der damaligen „Regenbogenpresse“ gibt aber einen guten Eindruck über den Auftritt, wie er wohl auch in Jena abgelaufen ist. „Fechtmeister Sulivian und seine Schülerin Petö Aranka zeigten sich mit Degen, Säbel und Dolch. Die Vorstellung zerfiel in eine Anzahl von Kämpfe, zuerst mit stumpfen, dann mit scharfem Säbel; ein Gang, indem der jungen Fechterin und Gegnerin Sulivians die Augen verbunden wurden, erinnerte allerdings stark an Artistenkunststücke. Sehr schöne Bilder bot dagegen das Stoßfechten mit Florett, und es war in der Tat erstaunlich, mit welcher Kühnheit, Sicherheit und Eleganz die junge Dame ihrem Meister gegenüber den Stoßdegen zu handhaben wusste. Ein besonderes Schaustück war das „diabolische Duell“, bei dem jeder der Kämpfer mit zwei Dolchen bewaffnet war. Auch hier erfolgte Stoß, Parade und Gegenstoß so blitzschnell, daß man kaum mit den Augen zu folgen vermochte und man sich darüber nur wunderte, daß beide Kämpfer unverletzt blieben.“

Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: In einschlägigen „Journalen“, hier aus dem „Buch für Alle“, findet sich eine Abbildung des Schaufechtens von Sulivian gegen Petö Aranka in Berlin.

In: Thüringische Landeszeitung 22. November 2017 Nr. 564

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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