Sportgeschichte Jena
Schnapsmarken gegen Rennrad

Thüringische Landeszeitung vom 11. Oktober 2017 Nr.558
In einem früheren Artikel haben wir über die Familie Preuß berichtet, deren Söhne gute Wintersportler waren. Joachim Preuß kam dies
zu Gute als er 1947, damals als Mechaniker-Lehrling bei Zeiss, sich
verpflichtete für die Firma im Thüringer Wald zum Holzeinsatz zu fahren. Nach
einem starken Sturm im Sommer 1946 gab es im Thüringer Wald sehr viel
Windbruch. Da es an Männern fehlte, viele waren im Krieg gefallen oder noch in
Gefangenschaft und Technik war auch nicht vorhanden, blieb das meiste Bruchholz
liegen. Der kommende Sommer (1947) war besonders heiß und trocken, was zu einer
rasanten Verbreitung des Korkenkäfers führte. Die Thüringer Landesregierung
verkündete Notstandmaßnahmen und erließ Sondergesetzte um so schnell wie
möglich ca. 20.000 Hektar Windbruch, hauptsächlich in Hanglagen, aufzuarbeiten.
Zeitungen und Rundfunk verbreiteten Aufrufe, sich zu melden. Auch Betriebe
sollten sich mit Arbeitskräften beteiligen und im Gegenzug zusätzliche
Holzlieferungen bekommen. Auch Zeiss nutzte diese Möglichkeit und eine Brigade,
vorwiegend junge Männer, wurde im Stutenhaus untergebracht und im Raum
Schmiedefeld/Rw. eingesetzt. Zu dieser Gruppe gehörte auch Joachim Preuß. Ein
Winter mit viel Schnee erschwerte die Arbeit. Joachim übernahm es häufig, die
morgendliche Meldung über die geschlagene Holzmenge zum Bahnhof Schmiedefeld zu
bringen. Dafür machte er sich noch vor dem Frühstück mit Skiern auf die ca. 3-4
Kilometer lange Strecke, damit der Transport nach Jena fertiggestellt werden
konnte. Das Holz wurde bei Zeiss zum Teil für die Produktion als Verpackungs-
aber auch als Heizmaterial verwendet.
Es war eine übliche Praxis, dass große Firmen inNotzeiten für ihre Betriebsangehörigen zusätzliche Versorgungsgüter beschafften
und verteilten. So wurden sowohl im I. als auch im II. Weltkrieg zum Teil die
Sportplätze, auch die der Universität, in Gärten oder Ackerland umgewandelt. Im
Frühjahr 1939, also noch vor Ausbruch des II. Weltkriegs, versuchte die
Zeiss-Stiftung Teile des Gutes des ehemaligen Herzogs von Altenburg in
Schöngleina zu kaufen. Sie boten der Universität dafür Flächen unterhalb der
Lobdeburg an, damit diese einen geplanten Segelflugplatz bauen könne. Alle
möglichen Dienststellen des Landes und des Reichs waren an den Verhandlungen
beteiligt, bis sich dann herausstellte, dass die von Zeiss gewünschten Flächen
bei Schöngleina besser als Flugplatz geeignet wären. Das Land Thüringen kaufte
für 75.000 Reichsmark das Gelände, auf dem dann von der Uni ein Flugplatz errichtet
wurde, etwa dort, wo heute der Verkehrsflugplatz liegt.
Die Universität hatte bei der Nutzung von landwirtschaftlichenGütern seit ihrer Gründung umfangreiche Erfahrungen. Da die ernestinischen
Herzöge als die „Nutritoren“ nie über genügend Geld verfügten, übereigneten sie
sowohl zur Erwirtschaftung zusätzlicher Gelder als auch direkt zur Versorgung
mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen Landgüter an die Uni. Nach dem Aussterben
des Adelsgeschlechts der Vitzthume 1631 zogen die sächsischen Herzöge die Stadt
Apolda, die diese zu Lehen hatten, ein und übergaben sie 1633 der Universität
Jena als Dotalgut. Die Universität übte bis 1837 die Gerichtsrechte in Apolda
aus und verfügte bis 1922 über das dortige Landgut. Nach 1945 hatte die
Universität Güter in Remda, Dornburg, Zwätzen, Kötschau, Stadtroda, Altenberga
und Martinsroda. Diese Güter standen zur Ausbildung am Institut für Landwirt,
bzw. an der landwirtschaftlichen Fakultät zur Verfügung. Dort erzeugte Lebensmittel
wurden z. B. auch an die Mensa geliefert. Aus heutiger Sicht zu den Kuriosa
gehörte, dass z. B. 1947 Erich Leitel als einziger Student zu den
Leichtathletik-Meisterschaften in Berlin delegiert wurde, die man als erste
Ostzonenmeisterschaft ansehen kann. Als Reiseproviant erhielt er ein Glas
Melasse und ein Pfund Mehl, welches wohl aus dem Kontingent der Abgabe der
Versorgungsgüter der Uni stammte.
Auch die Umwandlung des Sportgeländes hinter der„Muskelkirche“ 1948 in eine Schrebergartenanlage und einen Werksküchengarten muss
unter diesen Aspekt gesehen werden. Das Uni-Gut Zwätzen hatte einen Teil des
brachliegenden Geländes umgeackert. Die Wohnungskommission konnte 26
Kleingärten an Uniangehörige verlosen, darunter an viele Professoren wie Ernst
Kordes, Karl Griewank, Albert Preedek, Friedrich Zucker, Franz Hein, Martin
Kersten, Eduard v. Jahn, Stefan Winkler und den Direktor Walter Wolf. Es gab
sogar den Versuch des Kurators (heute etwa der Kanzler) solche Kleingärten bei
den „Rufverhandlungen“ als Zusatzangebote für Professoren zu nutzen.
Zurück zu Joachim Preuß, der bei der Holzaktion wohlauch die Tatsache im Auge hatte, dass dort eine gute Essenversorgung gesichert
war. Dazu kamen noch Sondergratifikationen, wie Schnapsmarken. Da Joachim
Sportler war und keinen Schnaps trank, nutzte er die gesammelten Schnapsmarken
um sie gegen ein gutes Rennrad einzutauschen. Mit dem Rad konnte er sogar
einige Siege erringen. Eines seiner ersten Rennen startete als „Vorrennen“ zu
einem Motorradrennen am Kupferhütchen. Bei dem Rennen „Rund um die Hainleite“
gewann er in der Altersklasse. Den gewonnenen wertvollen Siegerteller und
Blumenstrauß verehrte er bei der Rückfahrt mit dem Rad seiner späteren Frau,
die in Leutra wohnte.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildnachweis: Privatfotos Preuß: Auf dem Foto siehtman Joachim Preuß (li.) und Dieter Schmeißer auf ihrer Heimfahrt, teilweise aufder Autobahn, vermutlich nach dem Rennen „Rund um die Hainleite“, hier kurz vor
Leutra. Joachim hat noch den Siegerblumenstrauß in der Hand.
In: Thüringische Landeszeitung vom 11. Oktober 2017 Nr.558

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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