Jenaer Sporthistorie - Orientierungslauf
Start in Eisenberg und Ziel an der „Muskelkirche“

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Die Orientierungsläufer (Oler) Jenas, die heute alle beim USV organisiert sind, machen regelmäßig durch gute Wettkampfergebnisse in der Presse auf sich aufmerksam, wie kürzlich der fünfte Platz von Susen Lösch bei den Studentenweltmeisterschaften belegt. Der erste internationale Studentenwettkampf eines Jenaer Olers wurde vom Autor der Serie 1968 in der CSSR besucht, zwei Tage vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der CSSR startete er bei einem internationalen Studenten-OL unweit von Prag. Am Abend bevor die Truppen in Prag einmarscheierten musste er nach Hause reisen. Einige Gruppenmitglieder seiner Trainingsgruppe blieben noch in Prag und fuhren einige Tage später heim. Von ihnen wurden drei beim Grenzübertritt in die DDR verhaftet und kurze Zeit später zu Haftstrafen verurteilt, was aber eine andere Geschichte ist.
Der bedeutendste OL, den der USV organisiert ist der „Internationale 24-Stunden-OL“, der alle zwei Jahre ausgetragen wird. 1985 erstmalig, dann lange Zeit jährlich wird die Vorbereitung immer aufwendiger. Sportartspezifisch ist, dass immer in ein anderes Waldgebiet umgezogen wird und dadurch die gesamte Logistik an die jeweiligen Örtlichkeiten anzupassen ist. Schwierigkeiten bringen auch zunehmend bürokratische Hürden, die häufig von den Waldbesitzern oder vom Thüringer Forst aufgebaut werden. So hat man die notwendigen Genehmigungen für 2019 noch nicht vollständig zusammen.
Die Tradition der Organisation von OL-Wettkämpfen in Jena begann in den 1960er Jahren. Mitte Juni 1961 wurde bisher als erster OL in Jena ein Wettkampf gefunden, der von der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Schott mit 91 Teilnehmern organisiert worden war. Im Gegensatz zu heute gab es damals nur Mannschaftwettkämpfe, d. h. es mussten immer zwei Läuferinnen oder Läufer zusammen die gesamte Streck absolvieren. Es gab bei dem Schott-OL auf dem Jenaer Forst eine Nacht- und eine Tagetappe. Bei den Männern siegte Deus/Klimas vor Kästner/Müller (beide Schott). Bei den Frauen waren ebenfalls mit Deus/Vollrath Jenaerinnen auf den ersten Platz. Ab 1962 organisierten die rührigen Sportler der Sektion Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf von Schott erstmals einen Langstrecken-OL über 30 Kilometer, der 1967 sogar als I. DDR-Meisterschaften im 30km-OL ausgetragen wurden. Start war dabei in Eisenberg und Ziel an der „Muskelkirche“ in Jena.
Ab Ende der 1960er Jahre verlagerte sich der OL-Schwerpunkt in Jena zunehmend zur Hochschulsportgemeinschaft (HSG) Universität Jena, später kam die Fachschulsportgemeinschaft (FSG) der Ingenieurschule für wissenschaftlichen Gerätebau, vor allem mit den Sportlehrern Günther Scharf und Bernd Schaarschmidt als Akteure, die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Handel und die Schulsportgemeinschaft (SSG) der Fichte-Schule mit dem in Jena ausgebildeten Sportlehrer Klaus Nägler hinzu.
Neben Wettkämpfen in der Region unterstützten die Jenaer Oler auch Wettkämpfe in anderen Regionen, besonders im Studentensport. So wurde die 1. DDR-Studentenmeisterschaft 1972 in Bad Berka im Orientierungslauf, die die Hochschule in Weimar übernommen hatte, bei der Herstellung der Wettkampfkarte und der Bahnlegung unterstützt. Da inzwischen in Jena mehrere OL-Gruppen existierten, lohnte es sich auch Kreismeisterschaften zu organisieren. Dabei zeigte sich, dass die Trainingsgruppe der HSG schon Anfang der 1970er Jahre das Leistungsniveau bestimmte. Bei den ersten Kreismeisterschaften 1972 gingen fünf Titel (Gabriele Pannek, Erika Boehm, Kersten Roselt, Detlev Putze, Hans-Georg Kremer) an HSG-Sportler. Im gleichen Jahr stellten die Jenaer noch den Bahnleger bei den erstmalig ausgetragenen DDR-Studentenmeisterschaften im Staffelorientierungslauf, die in Greiz-Waldhaus stattfanden. Im Rechenschaftsbericht an die HSG Leitung für 1973 war zu lesen, dass die Sektion die DDR-Meisterschaften im Dauer-Orientierungslauf organisierte, dass im Oktober eine Wandergruppe gegründet wurde, dass 818 NAW (Nationaler Aufbauwerk)-Stunden zum Ausbau des Sportlerheims in Obergneus geleistet wurden, dass fünf Sportfreunde in einem Fackellauf das Spartakiadefeuer von Buchenwald nach Jena brachten und dass Günther Krusch in die Nationalmannschaft für Geländeorientierungsfahren aufgenommen wurde. Bei 22 Wettkämpfen gab es 215 Starts von HSG Sportlern. Das wohl wichtigste Ereignis, wenn man die sporthistorische Bedeutung nach 45 Jahren bewertet, war der Nebensatz: „dass vier Sportfreunde den 50 Meilen Rennsteiglauf erfolgreich durchgeführt haben.“ Hierbei handelte es sich um den I. GutsMuths-Rennsteiglauf, der heute Thüringens wichtigste Breitensportveranstaltung ist. Mitte der 1970er Jahre hatte die Sektion-OL der HSG 41 Mitglieder, davon acht Kinder und Jugendliche, 14 Studierende und 19 Erwachsene, davon 16 Ausdauerläufer. 1981 wurden gemeinsam mit der Ingenieurschule für wissenschaftlichen Gerätebau „Carl Zeiss“ die V. Pokalwettkämpfe im Orientierungslauf organisiert. 1984 war die Uni Ausrichter der VII. DDR-Studentenmeisterschaften im Orientierungslauf. Einer damals üblichen Tradition folgend übernahm der kürzlich verstorbene Prof. Bernd Wilhelmi, als Rektor der Uni, die Schirmherrschaft. Als Gesamtleiter fungierte der sonst eher als Kanute bekannte Studentensportlehrer Hans Dumke, technischer Leiter war sein Kollege Reinhart Hecker. Das ehemalige HSG Mitglied Martina Nägler wurde für die TH Karl-Marx-Stadt DDR-Studentenmeisterin. Die Studentinnenstaffel Anke Navratil, Kerstin Hertwig und Angela Mahn von der Uni Jena wurden Vizemeister.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Fotonachweis: Fotosammlung Kremer: Am Start bei den Studentenmeisterschaften 1984, links die „Offiziellen“ v.l. Hans Dumke, Bernd Wilhelmi, Günther Scharf u. a.

In: Thüringische Landeszeitung vom 1. August 2018 Nr. 597

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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