Vom Sportreferent zum Bibliotheksdirektor
Straßenbahnen gegen russische Panzer

  • Wenige Wochen vor seinem 95. Geburtstag ist Prof. Dr. Walter Barton (geb. 8.2.1924, verst. 16.11.2018) in Oldenburg verstorben. Im Lexikon der Jenaer Stadtgeschichte sucht man den in Jena geborenen Barton vergeblich, genauso wie Prof. Dr. Heinz Domdey, Dr. Wolfgang Möhring und Dr. Heinz Gebert oder den Studentenratsvorsitzenden Günter Bindernagel. Sie waren alle Akteure im Studentenrat an der Uni nach der Wiedereröffnung 1945. Dieser zeichnete sich bis 1949 dadurch aus, dass er frei gewählt wurde und dadurch auch „bürgerliche“ Parteien, wie die Liberaldemokraten und Christdemokraten eine Chance hatten. Zeitweilig hatten sogar die „bürgerlichen“ Gruppierungen eine Mehrheit, was wiederholt zu Konfrontationen mit der Landesregierung führte, die von der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland) gestellt wurde. Lediglich Georg Buschner fand den Weg ins Lexikon, allerdings nicht als letzter Studentenratsvorsitzender 1949, der auch von der studentischen SED gewählt worden war, sondern als erfolgreicher Fußballtrainer. 1949 wurde der Studentenrat aufgelöst. Die FDJ (Freie Deutsche Jugend) übernahm die Interessenvertretung der Studierenden an der Uni anfangs auch im Sport. 

Während bei Barton der Nichteintrag nachvollziehbar ist, da er zum Zeitpunkt der Herausgabe des Lexikons noch lebte, hätten der erste Sportreferent Prof. Dr. sc. Dr. habil., Dr. h. c. Karl Heinz Domdey einen Eintrag verdient, zumal er sich später als Wirtschafts- und Politikwissenschaftler verdient gemacht hatte. Ebenso hätte man einen Eintrag für Dr. med. Wolfgang Möhring erwarten können, der sich besonders nach der Wende bei der Aufarbeitung der Geschichte der Uni zwischen 1945 und 1949 engagierte. Möhring und Barton verbindet, dass sie sich als Studenten des ersten Matrikels an der Uni nach 1945 stark politisch engagierten. Möhring gilt als Begründer der starken Liberaldemokratischen Studentengruppe und Barton war aktives Mitglied der CDU-Studentengruppe. Beide saßen zeitweilig auf Grund ihres politischen Engagements in Haft und flohen anschließend in den „Westen“.
Zurück zu Walter Barton: Er wurde 1924 in Jena geboren. Sein Vater, Willy Barton, war Studienrat am Jenaer Gymnasium. Walter legte 1942 sein Abitur ab und wurde danach sofort zur Wehrmacht eingezogen. Als Panzersoldat kämpfte er sowohl bei Stalingrad als auch nach dem „D-Day“ an der Westfront, wo er verwundet wurde. Nach Kriegsende marschierte er zu Fuß aus der Tschechei nach Jena zurück. Nach seiner Rückkehr war er an Aufräumungsarbeiten an der zerbombten Universitätsbibliothek beteiligt. Im Herbst 1945 wurde er zum Studium der klassischen Philologie und Geschichte in Jena zugelassen. Als Vertreter seiner Fakultät wurde er zum Mitglied des ersten und zweiten Studentenrats gewählt, konnte dieses Amt anfangs nicht antreten, da die zuständige Thüringer Volksbildungsministerin Marie Thorhost (SED) dies aus politischen Gründen unterband. Sie wurde in Quellen zitiert mit: „…weil sie (Barton und Möhring) sich während der Verhandlungen zur Konstituierung des Studentenrates antidemokratisch verhalten haben“.

Als Nachfolger von Heinz Domdey kam Barton dann als Sportreferent zum Zuge. In seine Amtszeit bis 1948 fallen wichtige Schritte zur Wiederherrichtung der Unisportplätze und der Vertragsverhandlungen mit dem Sportverein Schott zur gemeinsamen Nutzung der Anlage. Außerdem organisierte er erste Studentensportgruppen und Wettkämpfe. Nachdem 1948 Möhring Sportreferent geworden war, konzentrierte sich Barton auf sein Studium, dass er 1950 mit dem Staatsexamen und 1951 mit einer Dissertation abschloss. Danach begann er eine Ausbildung an der Unibibliothek. Im Rahmen dieser Ausbildung ging er an die Deutsche Bücherei in Leipzig und an die Staatsbibliothek in Berlin. Schon 1952 konnte er die Fachprüfung als Bibliothekar ablegen und wurde an der Unibibliothek Jena angestellt. Am 17. Juni 1953 war er aktiv an den Demonstrationen auf dem Jenaer Holzmarkt und beim Barrikadenbau beteiligt. „Ich habe geholfen, Straßenbahnen gegen russische Panzer zu schieben“ sagte er in einem Interview mit dem Autor der Serie. Verhaftet wurde er auf Grund einer Denunziation wegen angeblicher Erstürmung des Mensafunks, was aber nicht stimmte, weshalb er nach 14 Tagen Untersuchungshaft entlassen wurde. Die Uni wollte ihn aber nach Greifswald strafversetzen, was vom damaligen Bibliotheksleiter verhindert wurde. Letztendlich entschloss er sich dann zur Flucht in den Westen, als im Herbst 1953 die Wiederaufnahme aufgeschobener Verfahren drohte.
Trotz des Status eines politischen Flüchtlings musste er um die Anerkennung seiner ostdeutschen Qualifikation durch ein Praktikum und eine Nachprüfung in Köln kämpfen, was er erfolgreich schaffte. Damit begann Bartons Karriere als wissenschaftlicher Bibliothekar zuerst an der Landesbibliothek Oldenburg. Von Oldenburg wechselte er später an die Staatsbibliothek Bremen. Da er eine Stelle als leitender Bibliotheksdirektor anstrebte, hatte er 1972 die Chance sich zwischen der in Gründung befindlichen Uni Osnabrück und fünf im Aufbau befindlichen Gesamthochschulen (Duisburg, Essen, Paderborn, Siegen, Wuppertal) zu entscheiden. In einem Nachruf von Jochen Johannsen im Internet kann man nachlesen, dass die Verhandlungen in Osnabrück nicht zufriedenstellend verliefen, worauf er sich letztendlich für Siegen entschied „…aus landschaftlichen Gründen, wie er später sagte: ihn habe die bergige Umgebung an seine thüringische Heimat erinnert.“
Nach seiner Pensionierung ging er wieder nach Oldenburg, wo er bis zuletzt publizistisch tätig war.

Dr. Kremer

Bildunterschrift: Von Walter Barton ist ein Passfoto in den Studienunterlagen im Uni-Archiv Jena überliefert.

In: Thüringische Landeszeitung vom 13. März 2019 Nr. 629

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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