Das Wartburgfest und das Turnen in Jena
Turnerei ermutigt und kräftigt Seele und Geist

Turnerei ermutigt und kräftigt Seele und Geist

Thüringische Landeszeitung vom 2. November 2011 Nr. 561

„200 Jahre Wartburgfest“ war für viele Medien Anlass über die Bedeutung und die Auswirkungen dieses Festes nachzuforschen. Bisher kaum eine Veröffentlichung beschäftigte sich mit der Frage, welche Funktion das Turnen bei dieser Veranstaltung hatte.

Als sich am 18. Oktober 1817 mehrere hundert Studenten aus ganz Deutschland auf der Wartburg trafen, gab es eine längere Vorbereitungsphase, die durch eine intensive Anteilnahme vom später als „Turnvater“ bezeichneten, Friedrich Ludwig Jahn geprägt war. Im Rahmen des Festes führten Studenten aus Berlin und Jena ein Schauturnen, bestehend aus Laufübungen, Bockspringen, Tauziehen und Klettern, vor. „Das Wartburgfest, bei dem öffentliche Turnübungen der Studenten auf dem Eisenacher Markplatz ein wichtiger Bestandteil des Festprogrammes waren, kann in gewissen Sinne sowohl in seinem äußeren Ablauf als auch seinem Ideengehalte nach geradezu als ein patriotisches Turnerfest bezeichnet werden,“ schrieb der Kulturhistoriker Günther Steiger vor Jahren in seinem Buch über die Urburschenschaft in Jena.

F. L. Jahn hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Urburschenschaft in Jena. Sein mehrfacher Aufenthalt in Jena liegt im „Dunkel“ der Geschichte. Verlässliche Quellen wurden bisher kaum gefunden, da er in der Zeit vor 1813 meist unter falschen Namen unterwegs war. Allerdings gab es in Jena in der Löbderstraße ein Gasthaus mit seinem Namen, wo er gewohnt haben soll. Eindeutig ist sein Mitwirken bei der Eröffnung des ersten Universitätsturnplatzes am 1. Juni 1816 gesichert. Die Initiative dazu ging von der „Urburschenschaft“ aus, in dessen Vorsteherkollegium die Jahnschüler Maßmann und C. E. Dürre führend wirkten, die auch die ersten „Übungsleiter“ im Paradies waren.

Bei der Entwicklung des Turnens als Teil der Wehrertüchtigung in Vorbereitung auf die Befreiungskriege gegen Napoleon wurde in der Geschichtsschreibung vor allem Jahn eine dominante Rolle zugewiesen. Kaum bekannt ist, dass Johann A. K. Roux durch den preußischen Ministers K. A. v. Hardenberg als Professor an der Universität Erlangen angestellt wurde, wo er 1806 die erste Turnanstalt an einer deutschen Uni gründete. Seine „turnerischen und sportlichen“ Wurzeln lagen in Jena, wo er bis 1799 den Kreußlerschen Fechtboden leitete.

Das Turnen der Studenten im Jenaer Paradies wurde von den Professoren G. Kieser und H. Luden maßgeblich unterstützt, indem sie eine Wiese privat pachteten und als Turnplatz zur Verfügung stellten. Diese beiden waren es auch, die dafür sorgten, dass Jahn eine Ehrendoktorwürde der Jenaer Uni erhielt. Abgesegnet wurden diese Aktivitäten vom zuständigen „Kultusminister“ J. W. v. Goethe. In seinem Tagebuch findet sich 1816 der Vermerk: „Zum Turnplatz gefahren.“ Nach Peter Eckermann soll er gesagt haben: „Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfrischt nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen Verweichlichung.“ Hätte er im November 1817 sich für den Antrag des Jenaer Burschenschafters K. L. Sand eingesetzt und den Ankauf des Ballhauses, um es für das Winterturnen nutzen zu können, gefördert, wäre die deutsche „Demokratie- und Turn-Geschichte“ vielleicht anders verlaufen. Das Attentat vom Sand 1819 auf A. F. von Kotzebue, hätte vielleicht nicht stattgefunden. Dieses Attentat wurde von den deutschen Fürsten als Anlass genommen ab spätestens 1820 die Burschenschaften und die Turnerbewegung in ganz Deutschland und Österreich zu verfolgen. Viele Burschenschafter und Turner, wie Jahn wurden verurteilt und eingesperrt oder mussten emigrieren. Die Weimarer großherzogliche Regierung ließ sich mit dem rigorosen Verbot des Turnens, sicher unter Goethes Einfluss, bis 1824 Zeit. Auf Druck vor allem von Preußen und Österreich verfügt der Weimarer Großherzog Carl August dann „...daß der Turnplatz in dem Zusammenhang, in welchem das Turnen mit jenen Verbindungen hier und da gestanden haben mag, schon um des Rufes der Universität willen, wenn es noch nicht geschehen sein sollte, sofort gänzlich geschlossen werde.“ Goethe sagte zu diesem Turnverbot: „Ich bin den deutschen Turnübungen durchaus nicht abgeneigt. Umso mehr hat es mir Leidgetan, daß sich sehr bald allerlei Politisches dabei einschlich, so daß die Behörden sich genötigt sahen, sie zu beschränken oder wohl gar zu verbieten und aufzuheben. Damit ist nun das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Aber ich hoffe, daß man die Turnanstalten wiederherstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es...“

Es dauerte dann bis in die Revolutionsjahre 1848/49, dass die Turner wieder eine Massenbasis fanden und sich noch einmal unter die demokratischen Kräfte in ganz Deutschland, teilweise auch als revolutionäre Kämpfer, einreihten. Jahn hatte sogar einen Sitz im ersten deutschen Parlament in der Frankfurter Paulskirche, wo er allerdings eher durch Bekenntnisse zum preußischen König als zur Demokratie fördernde Reden auffiel.

In Jena, Apolda und Weimar entstanden damals erste Turnvereine, zum Teil mit bewaffneten Bürgerwehren. So konnte man in der Jenaischen Zeitung vom 21. Juni 1848 lesen: „Der allgemeine Turnverein möge sich nächsten Freitag abends ½ 8 Uhr in der Krone versammeln. Zur Beratung kommt 1.) das Grundgesetz. 2.) eine Einladung zur Gründung eines thüring. Turnvereins. Daß viele als Mitglieder sich einstellen werden, versteht sich wohl von selbst. Der Ausschuß. D. Stoy.“
Wie es weiterging, kommt in einer nächsten Geschichte.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Aus der Postkartensammlung von Wieland Knetsch stammt diese Ansicht des Hauses, wo F. L. Jahn gewohnt haben soll.

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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