Sportgeschichte der Universität Jena
Über ministerielle Besuche in Jena

Nachdem schon 1930 erstmals die Nationalsozialisten (NSdAP) in Thüringen mit in der Regierung saßen, gibt es keine Nachweise mehr, dass Minister oder gar der Ministerpräsident Sportveranstaltungen der Uni besuchten. Mit der Machtübernahme 1933 durch die Nazis ändert sich da auch nichts, obwohl während des „III. Reichs“ der Sport einen sehr hohen Stellenwert hatte. Gelegenheit hätte es außer bei den Unisportfesten, die bis Anfang der 1940er Jahre die jährlichen Hohepunkte des sportlichen Lebens an der Uni waren, genügend gegeben. Auch bei der wohl größte Sportveranstaltung, die die Uni Jena bis 1945 organisiert hatte, die Deutschen Hochschulmeisterschaften 1935, die in den Disziplinen Leichtathletik, Tennis, Fußball und Schwimmen ausgetragen wurden, und an denen sich mehr als 1000 Studentinnen und Studenten beteiligten, sah man keine hohen Regierungsvertreter unter den vielen Ehrengästen.
Nach dem Ende des II. Weltkriegs waren Sportveranstaltungen durch die „Siegermächte“ durch Kontrollratsbeschlüsse erst mal verboten. Dann begannen Studierende unter Leitung des Sportreferats des Studentenrates spätestens ab 1947 ein Wettkampfsystem in verschiedenen Sportarten, wie Fußball, Handball und Leichtathletik aufzubauen. Sowohl im Sportreferat, als auch im Studentenrat insgesamt bestimmten lange Zeit Studierende, die nicht der immer mehr zur Staatspartei sich festigenden Sozialistischen Einheitsparte Deutschlands (SED) angehörten, die Entwicklung. Vor allem mit dem Sportreferenten, dem stud. med. Wolfgang Möhring, der Mitglied der Liberal Demokratischen Partei Deutschlands (LDP) war, und eine starke Studentengruppe aufgebaut hatte, gab es immer wieder Auseinandersetzung mit der Thüringer Volksbildungsministerin Marie Thorhost (SED). Dies trug nicht dazu bei, dass Regierungsvertreter bei Sportveranstaltungen der Universität wohlwollend gegenüberstanden. Dies ist umso verwunderlicher, weil gerade Studierende und Sportfunktionäre der Uni einen wichtigen Beitrag leisteten, das studentische Wettkampfsystem in der 1949 gegründeten DDR für Thüringen wieder aufzubauen.

Das begann am 9. November 1949, als Sportler der Universität Göttingen zu einem Fußball- und Handballspiel nach Jena eingeladen wurden. Einen Monat nach Gründung der DDR, gilt dies in der Sportgeschichte als erster „deutsch-deutscher“ Sportvergleich.
Anfang Juli 1950 wurden unter Leitung von Jenaer Studentensportfunktionären die I. DDR-Studentenmeisterschaften im Schwimmen in Weimar organisiert. Hier konnte der ansonsten für Erfurt startende Spitzenschwimmer Gerhard Giera über 100m Schmetterling und 200m Brust gewinnen. Gerhard Giera konnte übrigens dieser Tage seinen 90. Geburtstag feiern. Er lebt in Ettlingen und ist noch regelmäßig beim Schwimmen anzutreffen. Bei Senioren-Europa-und Weltmeisterschaften (Masters) findet man ihn häufig in den Ergebnislisten auf vorderen Plätzen. 2018 stellte er z. B. über 50m-Brust mit 0:48,94 Min. einen neuen Deutschen Rekord in seiner Altersklasse auf.
Einen Monat später gab es dann den nächsten studentischen Wettkampfhöhepunkt, die 1. Studentenmeisterschaften der DDR in der Leichtathletik. Insgesamt 13 Medaillen gingen an Jenaer Studenten. Goldmedaillen holten: Karl-Heinz Ludwig (Hammer 42,16m), Paul Dern (800m 2:02,0), Horst Götze (Stabhoch 3,15m), Gerhard Junghähnel (Weitsprung 6,70m) und Lothar Hinz (Diskus 33,92m). Ehrengäste von der Landregierung wurden damals in Jena nicht gesichtet.
Nachdem die Länder 1952 in der DDR aufgelöst und Bezirke gebildet wurden, sind bis 1990 auch keine hochrangigen Regierungsvertreter bei Studentenwettkämpfen in Jena ausfindig gemacht worden, sieht man von einem DDR-Fachminister, der 1975 den DDR-Studenten-Pokalwettkampf im Orientierungslauf besuchte, an dessen Organisation die Uni Jena maßgeblich beteiligt war, ab.
Mit der Wiedervereinigung und der Wiedergründung des Freistaates Thüringen änderte sich dies. Lassen wir den Rennsteiglauf mal außerhalb unserer Untersuchungen, obwohl der USV Jena zu den Gründungsvereinen dieses wichtigen Laufs und seines Vereins gehört. Hier traten seit 1990 alle Ministerpräsidenten als Schirmherr oder Teilnehmer auf.
1999 war der Wissenschaftsminister Gerd Schuchardt der erste, der den Weg ins Universitätssportzentrum fand. Er konnte dabei einen Förderbescheid über 648 250, - DM für den Bau eines Kunstrasenplatzes an den ehrenamtlichen USV-Geschäftsführer Wilhelm Tell übergeben. 2001 startete der Thüringer Finanzminister Andreas Trautvetter beim Jenaer Kernberglauf. Ab Anfang der 2000er Jahre weilte regelmäßig der Ministerpräsident Dieter Althaus mit seiner Fußballmannschaft zu Freundschaftsspielen gegen die Uniprofessoren in der Oberaue. 2006 ließ er es sich auch nicht nehmen, zur Grundsteinlegung der USV-Sporthalle an den Teufelslöchern zu kommen, obwohl dies eigentlich ins Resort des „Sportministers“ gehörte, da die Halle ja vom USV als Verein und nicht von der Uni gebaut wurde. Dies kann als Anerkennung des Jenaer Modells des Hochschulsports gesehen werden, der viele Jahre eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Uni, Institut für Sportwissenschaft und USV im Interesse des gesamten Unisports zum Inhalt hatte.

Als Fußnote in Sachen „hoher“ Gäste beim Unisport könnte man noch den Besuch von Prinz Michael 2016 in der Oberaue ansehen. Ohne Novemberrevolution 1918 wäre er ja heute der Großherzog von Sachsen-Weimar und Eisenach. Er weihte damals das Hermann-Peter-Denkmal ein und war Zuschauer bei einem Rugbyspiel, einem Tennisturnier sowie einem Fußballspiel des FF USV und des FCC.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Aus dem Fotoarchiv Kremer stammt das Foto von 1999, als Minister Schuchardt dem USV-Geschäftsführer Wilhelm Tell einen Förderbescheid übergab.

In: Thüringische Landeszeitung vom 21. November 2018 Nr. 613

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