Jenaer Sporthistorie - Wintersport
Über Tausend Zuschauer in Lichtenhain

Jena war und ist keine Wintersporthochburg. Trotzdem findet man immer wieder Zeiträume, wo verschiedene Wintersportarten in Jena intensiv betrieben wurden. Das beginnt beim Eishockey, wo die BSG Chemie sogar im Punktspielbetrieb stand. Gespielt wurde auf den Tennisplätzen in der Oberaue, die dazu regelmäßig bei Frost zur Eisbahn hergerichtet wurden. Manchmal trainierte man auch auf dem Schleichersee. Einzelne Eiskunstläuferinnen, die im Sommer Rollkunstlauf trainierten, zogen auf den Tennisplätzen ebenfalls ihre Pirouetten. Darunter gab es mit Ingrid Dahmen kurzzeitig eine Spitzenläuferin der DDR-Jugendklasse.
Auch im Rodeln gab es kleinere Wettkämpfe in den Jenaer Bergen. Die Sportstudenten Horst Hohlweg und Günter Hörselmann wurden 1950 bei einem Wettkampf gegen die Sportgemeinschaft Oberhof sogar Dritte. Kreismeisterschaften im Wintersport wurden je nach Schneelage in Jena oder im Thüringer Wald z. B. in Cursdorf organisiert.
Welche Resonanz solche Wettkämpfe hatten, kann man in einem Artikel in der Tageszeitung „Das Volk“ finden. Am Silvestertag 1950 organisierte die BSG Schott die erste große Skiveranstaltung in Jena nach dem Krieg. Bei gutem Schnee war Start und Ziel am „Chemiesportheim“, heute Universitätssportzentrum, in der Oberaue. In der Männerklasse gingen beim Langlauf drei DDR-Meister- Forkel, Fleischhauer und Mrklas- an den Start. In Lichtenhain war eine provisorische Sprungschanze gebaut worden. Über 1000 Zuschauer waren beim Springen anwesend.
„Es gab folgende Sieger: Männer 12km: 1. Forkel (1:04,01), AK 1 Fleischhauer (1:06), AK 2 Deus (1:22,35), Jungmannen 6km: Spelter, Jugend A Lotz, Jugend B Helmisch, Junge Pioniere Mathey, Frauen 3km: Geisenhainer, weibliche Jugend Wilhelm, Springen: Müller 17,50m. In der nordischen Kombination siegte Eichhorn.“

Kurzzeitig sollte sich Jena zu einem Skilaufzentrum im Bezirk Gera entwickeln, weniger wegen ausgerichteter Wettkämpfe, sondern vor allem, weil es ausgesprochen talentierte Skiläuferinnen und –läufer gab. Diese waren Mitglieder bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Schott bzw. Chemie und bei der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV). Die wichtigsten Akteure kamen meist beruflich bedingt oder durch das Studium an der Uni aus dem Thüringer Wald.

Unter letzteren war der Sportstudent Lothar Eichhorn-Bayer, der aus Lauscha kam und ein sportliches Multitalent war. Man findet ihn Anfang der 1950er Jahre bei DDR-Meisterschaften im Skilanglauf, Waldlauf und im Rasenkraftsport auf Medaillenrängen. Zusammen mit Hugo Forkel, der kurzzeitig für Jena startete, konnten sie mit Artur Fleischhauer sogar DDR-Meister in der 4x10km-Staffel werden. Der aus Schmiedefeld/Rennsteig stammende Hugo Forkel war übrigens mehrfacher DDR-Meister über 30- und 50km-Skilanglauf bei wechselnden Sportgemeinschaften. Dazu kamen noch weitere gute Skisportler in der HSG aus dem Thüringer Wald mit Horst Baacke, Hans Gessner, Werner Kühnert, Detlev Wintzer, Lothar Köhler, Klaus Franke und andere.

Eichhorn-Bayer, der nach dem Studium Lehrkraft im Institut für Körpererziehung geworden war, versuchte Jena als Wintersportzentrum zu etablieren. Auf ihn gehen die Versuche zurück in Jena eine Sprungschanze zu bauen und beim SC Motor Jena eine Skiabteilung zu etablieren. In der Volkswacht vom 3. März 1955 kann man dazu lesen: „Am Wochenende werden Skiläuferinnen der DDR erstmalig in Westdeutschland an den Start gehen. An den für Donau-Eschingen ausgeschriebenen DSV-offenen Skiwettkämpfen werden die Frauen des SC Motor Jena teilnehmen und mit der Elite des Schwarzwaldgebietes und…anderen Teilen Westdeutschlands den Kampf aufnehmen. Die DDR-Vertreterinnen - unter ihnen E. Uhlig, H. Luck, M. Drechsel und M. Liebau (SC Motor Jena) treffen dabei auf die Zweite und Vierte der westdeutschen Langlauf-Meisterschaft Rita Blasl (Freiburg) und Gisela Dubac (Heidelberg). In den Staffelläufen trifft der SC Motor Jena auf den westdeutschen Meister Schwarzwald. Die weibliche Jugend mit E. Thiel, A. Otto und R. Engelhardt wird ebenfalls zum ersten Mal in Westdeutschland starten.“ In der Volkswacht vom 31. Januar 1955 wurde in einem Bericht zu den DDR-Jugendmeisterschaften sogar ein „Nordisch Kombinierter“ Helmut Recknagel unter SC Motor Jena geführt. Hier handelt es sich sicher um den Olympiasieger von 1960. Ob er wirklich kurzzeitig bei Jena angemeldet war, muss noch untersucht werden.
Da Lothar Eichhorn-Bayer um 1955 eine Anstellung beim SC Motor Zella-Mehlis annahm, schliefen die Aktivitäten zur Bildung eines Leistungszentrums Wintersport in Jena nach und nach ein.

In den frühen 1950er Jahren sind noch die Brüder Preuß zu nennen, die im Langlauf und auch im Sprunglauf erfolgreich waren. Der älteste, Remo, ging in den späten 1940er Jahren „in den Westen“, wo er es bis in die sogenannte Kernmannschaft schaffte, die sich auf die Olympischen Winterspiele 1952 vorbereitete. Der etwas jüngere Joachim Preuß gehört zu den wenigen gebürtige Jenaern, die sowohl im Skilanglauf als auch im Sprunglauf im Bezirksmaßstab auf vorderen Plätzen zu finden war. Hubert Preuß, der wesentlich jüngere Bruder, konnte sich als Jugendlicher im Bezirk Gera im Langlauf einen guten Namen machen. Zu einem besonderen Langlaufergebnis kam es 1951 oder 52, als Joachim seinen Bruder im „Westen“ besuchte und mit diesem bei einem „FIS-Rennen“ (Fédération Internationale de Ski) startete. Beide bekamen die Genehmigung außer Konkurrenz am Staffelwettbewerb teilzunehmen. Da die Staffeln aber aus vier Startern bestanden, lief jeder der Preußbrüder zwei Mal. Am Ende waren sie unter den ersten und bekamen bei der Siegerehrung sogar eine gesonderte Belobigung.

Dr. Hans-Georg Kremer

Fotonachweis: Aus der Fotosammlung von Joachim Preuß stammt dieses Foto von 1952, als die Preußbrüder beim Großstaffellauf in Braunlage an den Start gingen; hier wechselt Joachim auf Remo.

In: 
Thüringische Landeszeitung vom 7. Februar 2018 Nr. 574

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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