Die Geschichte des Frauenfußballs in Jena
Unerwartete Wende

Als kürzlich in unserer Serie ein Beitrag zu den Ursprüngen des Frauenfußballs erschien, hat dies zu einigen Diskussionen geführt. Dabei ging es explizit garnicht um die Rolle und Bedeutung von Hugo Weschenfelder als Nestor des heutigen FF USV, sondern um die Tatsache, dass er historisch gesehen nicht der erste Übungsleiter war, der in Jena eine Frauenfußball-Mannschaft betreute.
Da unsere Artikel in regelmäßigen Abständen zu kleinen Büchern zusammen gefasst werden, die sich durch eine historisch chronologische Reihung auszeichnen, gegenwärtig ist die limitierte sechste Auflage im Pressehaus am Holzmarkt und der Buchhandlung Steen noch erhältlich, wollen wir zeitnah einige neueste Rechercheergebnisse zur frühen Jenaer Frauenfußballgeschichte veröffentlichen. Dadurch werden sie bei einer siebten Auflage der Sammlung von Beiträgen zur Jenaer Sportgeschichte dann direkt hintereinander eingeordnet werden.
Schon bei den Untersuchungen zum „Damenfußballspiel“ von 1971, bei dem die Mannschaft als BSG Carl Zeiss Jena-Süd geführt wurde, war aufgefallen, dass in der sehr ausführlichen zweibändigen Chronik dieser BSG zwar ein Fußballsektion vorkommt, aber die Frauenmannschaft keine Erwähnung fand. Die Fußball-Männer bezogen ihre Traditionslinie auf Maua und einen Turnverein, dessen Geschichte bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht.
Ein zweiter diskutierter Gegenstand war der Name des Übungsleiters Werner Reichert, der unter Fußballkennern der 1970er Jahre unbekannt war. Eine erste Idee hatte Uwe Dern vom FC Carl Zeiss Jena, der zu DDR-Zeiten im Rahmen seines Sportlehrerstudiums zur Fußballgeschichte geforscht hatte. Ihm war auch das kleine aber feine „Traditionskabinett“, heute würde man es als Vereinsmuseum bezeichnen, zu verdanken, welches heute leider nicht mehr existiert. Ihm war ein Werner Richert, auch „Mephisto“ genannt, in Erinnerung, der bei der BSG Post Fußballübungsleiter gewesen war.
Licht ins Dunkel brachte dann ein Anruf von Norbert Teichmann beim Autor der Serie, der erzählte, dass er Werner Richert persönlich kannte und manchmal aushilfsweise für ihn die „Damenfußballerinnen“ trainieren durfte.
Was war geschehen? Ende der 1960 Jahre gab es gravierende Änderung in den Sportstrukturen der DDR. Einerseits wurde mit einem sogenannten „Olympiabeschluss“ die massive Förderung medaillenintensiver Sportarten in Vorbereitung auf die olympischen Spiele 1972 in München beschlossen, was andererseits zur Streichung der Förderung bei Sportarten, von Basketball über Hockey bis Ski-alpin, führte, die weniger „medaillenträchtig“ waren.
Gleichzeitig rief die SED-Parteiführung Losungen aus, wie „Jedermann an jedem Ort-mehrmals in der Woche Sport“. Dies stieß aber auf starke Schwierigkeiten u. a. bei der Bereitstellung von Sporthallen usw. Daher wurde die Entwicklung des Breitensports, damals unter dem Begriff Freizeit- und Erholungssport, in den Mittelpunkt von Dokumenten und Maßnahmeplänen auf allen Ebenen gestellt. So sollten die Sportverbände, die ihre Schwerpunkte bisher auf den Wettkampfbetrieb gelegt hatten, breitensportliche Aktivitäten und Übungsgruppen entwickeln. Als eine Reserve dafür wurde ganz allgemein der Frauensport genannt, worauf der DDR-Fußballverband die Gründung von Frauenfußballgruppen in seinen Sportgemeinschaften empfahl.
Wo die genauen Motive von Hugo Weschenfelder und Werner Richert lagen, sich dieser Aufgabe zu widmen, ist nicht bekannt. Sicher gab es aber dafür Unterstützung bei der jeweiligen BSG.
Werner Richert war u. a. Fußball-Übungsleiter der Junioren bei der BSG Post, die auf der Sportanlage in Wenigenjena ihre Heimstatt hatte. Richert, im Zeiss-Lehrlingsbetrieb in Göschwitz in der Werkzeugausgabe tätig, war bekannt dafür, dass er intensiv unter den Lehrlingen für seine Junioren geworben hat. Mussten sich Lehrlinge Werkzeuge bei ihm abholen, da wurden sie schon mal nach ihren Fußballinteressen befragt. Wer sich dann der Trainingsgruppe bei der Post anschloss, der konnte davon ausgehen, dass er auch mal bei der Werkzeugausgabe bevorzugt wurde.
Über diesen Weg hatte Richert nach und nach auch einige weibliche Lehrlinge gewinnen können, die er parallel zu den Junioren trainierte. Bei bestimmten Übungseinheiten stellte er dann auch hin und wieder Junioren seiner Mannschaft als „Hilfsübungsleiter“ ab. So kam Norbert Teichmann mehrfach in den Genuss, die „Damen-Mannschaft“ zu trainieren. Teichmann, der aus einer Fußballerfamilie stammt, hatte als Neunjähriger mit dem Training begonnen, zeitweilig bei den BSG’n Carl Zeiss und Aufbau, blieb er dann doch bei der Post als Spieler, wo er später sogar Sektionsleiter Fußball und BSG-Leiter wurde, dem es oblag, um 1990 die BSG Post in den noch heute existierenden SV Post umzuwandeln, was aber eine andere Geschichte ist.
Werner Richert initiierte wohl das Spiel „seiner Mädchen“ gegen die lange Zeit beste DDR-Frauenfußballmannschaft von Empor Dresden im Rahmen der Betriebsfestspiele des Kombinats Carl Zeiss. Damit aber Gelder, z. B. für die Fahrtkosten der Gäste fließen konnten, wurde die „Post-Damen“, die fast alle Zeiss-Lehrlinge waren, einfach in eine Mannschaft der gerade entstandenen BSG Carl Zeiss Jena-Süd umbenannt. Das weitere wurde schon geschildert. Über das Ende dieser Mannschaft gibt es bis jetzt keine genauen Angaben, was damit zusammenhängen könnte, dass Werner Richert seine Übungsleitertätigkeit bei der BSG Post um 1974 aufgegeben hatte. Vielleicht gibt es ja noch ehemalige Spielerinnen in Jena, die darüber Auskunft geben können?
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Norbert Teichmann fotografierte die Damenmannschaft nach dem Spiel gegen Dresden, rechts Werner Richert.

In: Thüringische Landeszeitung vom 6. Februar 2019 Nr. 623

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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