Bergwandern als sportliche Herausforderung
USV Jena und das Wandern

Die 100km Wanderung „Rund um Jena“ mit über 1700 gemeldeten Teilnehmern, hat wieder einmal gezeigt, dass Jena als „Wanderhochburg“ zählen kann. Das organisierte Wandern als „Sportart“ begann um 1900 seinen Siegeszug. Schon vorher wurde es ausgiebig bei den Turnvereinen unter dem Terminus der „Turnfahrt“ gepflegt. Mit der Entwicklung des Alpenvereins in ganz Deutschland wurde das Bergwandern als sportliche Herausforderung anerkannt. Für Thüringen gab es mit der Gründung des Thüringer Waldvereins eine wichtige Institution für das Wandern, die sich nicht nur um die sportliche Komponente sondern auch um die Infrastruktur, wie Wanderwege, Beschilderung, Kartenmaterial und Übernachtungsmöglichkeiten kümmerte. In Jena wurde der Zweigverein des Thüringer Waldvereins um 1900 gegründet. Constantin Helmrich wurde einer der gefragtesten Wanderleiter, zu dessen Wanderungen manchmal bis zu 300 Teilnehmer kamen.

Im Universitätssport taucht das Wandern erstmals 1911 mit dem Beginn der Turnlehrerausbildung auf. Der Oberrealschullehrer Adolf Hamberger unterstützte die Ausbildung als Nebenamtler im Turnen, Gerätekunde und im Wandern. Der Vorläufer des USV, der Verein für Bewegungsspiele, der 1911 gegründet wurde, hatte das Wandern nicht unter seinen angebotenen Sportarten, dafür waren die akademischen Turnerschaften der verschiedenen „Couleur“ eifrige Wanderer. So ist belegt, dass die „Gothanen“ von ihrem Verbindungshaus in der Wöllnitzer Straße über Wöllnitz zur Lobdeburg wanderten, von dort weiter nach Wogau, wo sie in der heutigen „Deutschen Eiche“ ihr Stammlokal hatten. Nach ausgiebigen Ballspielen mit der Dorfjugend und einem zünftigen Umtrunk wurde auf kürzestem Wege nach Jena zurück gewandert.
Spätestens ab 1928 hat der Rektor der Uni dem Jenaer Turnverein 1859 (JTV) die Bildung einer akademischen Abteilung genehmigt, deren Mitglieder sich dem Turnen, volkstümlichen Spielen, Fechten, Schwimmen, Wandern, Radfahren widmen konnten. Der erste Übungsleiter für Wandern im Studentensport, was etwa dem heutigen Hochschulsport entsprach, nur, dass die Studenten der ersten vier Semester dies als Pflicht auferlegt bekommen hatten, war Hans Hehne, der dazu im „Hochschulsportprogramm“ schrieb: „Wanderungen, Fahrten und Reisen im Semester, besonders aber zu Pfingsten und in den großen Ferien, kann das Wanderamt in vielem unterstützen und so dazu beitragen, daß alle Kommilitonen, vor allem die aus anderen deutschen Landschaften, im Sommer nicht nur die grauen Hallen der Universität, sondern auch Jenas nähere und weitere Umgebung und damit unser schönes Thüringer Land kennen und lieben lernen.“
1935 wurde in einer Statistik des städtischen Amts für Leibesübung über die Sportvereine Jenas beim JTV, in der Turngemeinde, im Turnclub und in der Akademischen Turnvereinigung Gothania das Wandern als Abteilung benannt. Als „Wandervereine“ waren die zwei Sektionen des Alpenvereins, der „Kanu- und Touristikverein“ und die Naturfreunde registriert.
Nach dem Ende des II. Weltkrieges gehörte das Wandern, trotz vieler Beschränkungen durch die Alliierten, zu den ersten organisierten sportlichen Betätigungen. So haben 1948 Studenten unter Leitung von Walter Wurzler eine Wanderfahrt über den Rennsteig organisiert. Die 1949 gegründete Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV)) führte Pfingsten des gleichen Jahres Hochtouristik-Wandern als eigene Sparte.

In den 1950er und 60er Jahren hatte die HSG keine Wandersektion mehr. Erst 1970 entwickelte der Autor dieser Serie für den Deutschen Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf (DWBO) einen Stoffverteilungsplan zur Ausbildung der Sportstudenten im OL, der wichtige Elemente des Wanderns enthielt und in der Praxis in den Wasserfahrsport- und Touristiklehrgängen der Uni getestet und zur Grundlage des zentralen Ausbildungsprogramms der Sportlehrerstudenten der DDR wurde. Im Studentensport übernahm er 1974 den Ausbau des OLs und Ausdauerlaufs sowie die Einführung des Reha-Wanderns. Nach bescheidenen Anfängen führte Feo Gutewort diese Aufgabe weiter und hatte dann Mitte der 1980er Jahre den Durchbruch erreicht. So beteiligten sich 1983 am Sportfest zur 425 Jahrfeier der Uni 1600 Studierende, davon 850 beim Wandern über 12-Kilometer „Rund um die Kernberge“.
Mit dem Wegfall des Pflichtsports nach der politischen Wende, ging es mit dem Wandern „bergab“, so dass sich dieses Sportangebot, abgesehen von Wanderkursen in die Alpen nicht mehr lohnte. In die „Bresche“ sprang die neu gebildete Abteilung Seniorensport, wo Manfred Danker als honorierter Übungsleiter das Bildungswandern aufbaute. Die sportliche Form des Wanderns unter dem aus den USA eingeführten Begriffs des Walkings fand im USV 1994 eine Heimstadt, als Hartwig Gauder und Jana Leidenfrost eine entsprechende Gruppe aufbauten, die heute noch existiert. Die parallel einsetzenden Bemühungen in der Abteilung Ski eine Nordic Walking-Gruppe zu installieren, scheiterten trotz umfangreicher Hilfeleistungen des Sportdirektors des Deutschen Skiverbandes, Dr. Hubert Brühl.

Vor genau 20 Jahren war es dann Doris Glotz aus Camburg, die mit einer Handvoll Seniorensportlern eine Nordic Walking Gruppe schuf. Nach einigen organisatorischen Anlaufschwierigkeiten, konnte sie in der Seniorenabteilung des USV eine Heimstatt finden. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Mitgliederzahl auf über 50. Neben dem wöchentlichen Training in der Oberaue werden auch heute noch regelmäßig Wanderfahrten organisiert.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Die Nordic-Walkinggruppe 2018 bei ihrem dreitägigen Wanderlehrgang in Bad Blankenburg; hier vor der Destillerie „Gölitzwänder“.

In: Thüringische Landeszeitung 27. Juni 2018 Nr. 592

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