Sportgeschichte Universität Jena
Vom Jurastudent zum Tischtennisfunktionär

Wir hatten in einem Beitrag zur Turngemeinde Jena e. V. darauf aufmerksam gemacht, dass aus der Zeit von vor 1945 bisher nur wenige Beispiele gefunden wurden, wo Absolventen des Instituts für Leibesübungen der Jenaer Uni ehrenamtliche Funktionen in Jenaer Sportvereinen übernommen haben. Einer von diesen war Dr. Hans-Joachim Benecke, der zeitweilig stellvertretender Vorsitzender der Turngemeinde gewesen war. Er war kurzzeitig auch Lehrkraft am Institut für Leibesübungen und wurde nach einer Kriegsverletzung als Institutsdirektor nach Königsberg eingezogen.
Noch seltener sind Funde über Studenten anderer Fakultäten, die im Sport später in ihren Wohn- oder Heimatorten als Funktionäre das sportliche Leben mitgestaltet haben.
Jetzt fiel uns bei Recherchen eine Festschrift zu „150 Jahre MTSV (Männer Turn- und Sportverein) Jahn v. 1864 e. V.“ Eschershausen in die Hände, wo ein Jurastudent der Jenaer Universität erwähnt wird, der nach dem II. Weltkrieg den Sport wieder mit aufbaute, Vorstandsmitglied wurde und sogar eine sehr erfolgreiche Tischtennisabteilung gegründet hatte.
Am 10. Februar 1912 in Meuselwitz geboren, wuchs Rudolf Göpel als ältester von vier Geschwistern in Weimar auf. Sein Vater Oskar, der vom heute noch existierenden Göpelschen Bauernhof in Raitzhain bei Ronneburg stammte, hatte nach dem Ablegen des Abiturs im Gymnasium Rutheneum in Gera eine Beamtenlaufbahn in Sachsen-Altenburg eingeschlagen. Er zog nach der Auflösung der Thüringer Fürstentümer 1918 als junger Beamter mit seiner Familie in die Landeshauptstadt Weimar, wo er es bis zum Regierungsrat brachte. Die Kinder besuchten alle das Gymnasium und Rudolf begann nach der Ablegung des Abiturs ein Jurastudium an den Universitäten in Jena und Tübingen. Seine sportliche Karriere ist nur teilweise bekannt. Auf jeden Fall taucht er auf Fotos in einer Weimarer Hockeymannschaft als Spieler und als Sportfunktionär auf. In späteren Unterlagen gibt er an, dass er bereits als junger Mann Leiter der Hockeyabteilung des Weimarer „Hockey- und Tennisvereins“ war. Ob er in Verbindungen zum Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) Jena stand, ist nicht bekannt aber die Hockey- und Tennisspieler Weimars standen in enger Beziehung zum VfB. Schon der legendäre Begründer der Tennisabteilung des VfB, Hermann Peter war regelmäßig in Weimar und unterstützte die Weimarer beim Bau von Tennisplätzen und der Organisation von Turnieren. Der Hockeysport in Weimar wurde sogar offiziell von der seit 1911 existierenden Hockeyabteilung des VfB gegründet. Nach einem „Hockeypropagandaspiel“ der Jenaer wurde im Dezember 1912 eine Hockeyabteilung in Weimar gegründet, der 18 Mitglieder beitraten.
Zurück zu Rudolf Göpel, der auch als Tennisspieler aktiv war, wie Fotos belegen. Als Student gehörte er zu den Aktivisten der 1872 gegründeten Landsmannschaft Hercynia Jena. Die Landesmannschaft, die heute wieder mit Sitz in Halle existiert, hatte ihr Verbindungshaus dort, wo heute der „Intershop-Tower“ steht. Bei sportlichen Aktivitäten wie den Universitätssportfesten führte Göpel die Abordnung der Hercynia in seiner aktiven Zeit regelmäßig an.
Nach Ablegung seiner Jura-Staatsexamen und seiner Dissertation erhielt Rudolf Göpel eine Anstellung als Assessor bei der Thüringischen Landesregierung. Mit Beginn des II. Weltkrieges 1939 wurde er zum Reserveersatzdienst eingezogen. Im Gegensatz zur sonst üblichen Praxis, dass Abiturienten und Akademiker eine Offizierslaufbahn einschlugen, wurde Göpel als Unteroffizier und später als Feldwebel geführt, was auf einen Einsatz auf einem Verwaltungsposten hindeutet. Zwei Kriegsverletzung 1941 und 1942 führten zu längeren Lazarettaufenthalt. 1944 wurde er zum Leutnant befördert. Seine Beamtenkarriere lief dabei weiter, wie man aus dem erhalten gebliebenen Wehrpass ersehen kann. Er wurde 1942 zum Regierungsrat und dann für einen Einsatz im inneren Dienst, im Regierungsbezirk Posen nach dem „Endsieg“ vorgesehen. 1942 hatte er Liselotte Burgmann, die Tochter eines Kollegen seines Vaters, des Amtmanns Karl Burgmann in Weimar geheiratet. 1943 wurde ihm eine Tochter geboren. 1944 kam er in amerikanische Gefangenschaft, die er bis Kriegsende in den USA verbrachte. Nach seiner Entlassung und Entnazifizierung geht er nach Eschershausen zu seinem Bruder Gerhard. Nach Weimar, wo seine Frau und Tochter bei den Schwiegereltern lebten, traut er sich nicht zurück, da er eine Verhaftung und Einlieferung ins Sowjetische Speziallager 2 Buchenwald befürchtet, wie es kurzzeitig sein Schwiegervater erleben musste.
In Eschershausen bekommt er durch Vermittlung seines Bruders Gerhard kleinere Aufträge als Jurist. Wohl auch auf dessen Initiative tritt er dem Männerturnverein bei, wo er bald zum Vorstand gehörte. Als II. Vorsitzender oblagen ihm die Rechtsfragen im Verein. Gemeinsam mit seinem Bruder hat er schon November 1946 eine Tischtennisabteilung gegründet. Innerhalb kürzester Zeit gelingt es den Göpelbrüdern trotz schwerer Nachkriegszeit bereits im Februar 1947 das erste Tischtennisturnier gegen den THK Hannover zu organisieren.
Völlig unerwartet verstarb Rudolf Göpel im April 1949 nach einer Typhuserkrankung. Zur Beerdigung kamen weit über 1000 Trauergäste aus Eschershausen und vom Sport, die seinem Sarg nach einer öffentlichen Aufbahrung das letzte Geleit zum Friedhof gaben.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Nachlass von Rudolf Göpel stammt dieses Foto, wo er (ganz vorne links) um 1937 mit einer Weimarer Hockeymannschaft nach einem Turnier zu sehen ist.

In: Thüringische Landeszeitung vom 3. Oktober 2018 Nr. 606

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.