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Sporthistorie des USV Jena
„Waghalsiger Mut und Tollkühnheit“

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Schon mehrfach konnten wir auf Fotos des „Sport-Memorabiliensammlers“ Wieland Knetsch zurückgreifen. Jetzt hat er einen ganz außergewöhnlichen Fund zur USV-Geschichte gemacht. Aus den Gründerjahren des USV, damals Verein für Bewegungsspiele Jena e. V. (VfB), vor dem I. Weltkrieg lagen uns bisher keine Fotos von Sportlern oder Funktionären vor. Die Namen des Vorstands findet man im Vereinsregister und in den Adressbüchern.
Auf der ersten Hauptversammlung des im April 1911 gegründeten VfB wurde als I. Vorsitzender der Jura- und Cameralistik-Studenten Oskar Leonhardt gewählt. Zweiter Vorsitzender wurde der Kaufmann Emil Brand, Schriftführer war der Bankbeamte Richard Welzel, Kassierer der Mechaniker Curt Willers und Sportwart der Bankbeamte Eugen Popp.
Zu Oskar Leonhardt konnten wir schon einiges veröffentlichen. Sein Vater, ebenfalls Oskar Leonhardt, war Inhaber der Pension und Gaststätte „Zur Schweiz“. Er taucht in Jena 1900 zuerst als Gastwirt der Vereinsgaststätte des Jenaer Turnvereins 1859 in der Lutherstraße auf. Ab 1902 war er Inhaber der „Schweiz“. Wie sein Sohn zum Sport kam, ist nicht überliefert. Er wurde am 27.7.1888 in Berlin geboren. Sein schulisches Führungszeugnis kam aus Sonneberg. 1910 immatrikulierte Leonhardt an der Jenaer Uni zuerst in der Cameralistik, dann an der juristischen Fakultät. Während des I. Weltkrieges war er freigestellt. Im Sommersemester 1919 ist er wieder in Jena. Ostern 1919 erhielt er sein Abgangszeugnis. Danach hat er als Jurist promoviert, wobei nicht bekannt ist, an welcher Universität. Spätere Zeugnisse über ihn belegen, dass Leonhardt der Organisator im Verein, heute würde man sagen Geschäftsführer, war. Als Sportler taucht er vor allem als Schwimmer und Wasserballer auf. „In weitsichtiger Erkenntnis wußte er immer mehr den Gedanken des Sportes in die breite Oeffentlichkeit zu tragen und entferntere Kreise für uns zu interessieren. Wenn in Jena die Rasensportvereine sich zu gleicher Zeit auch die Aufgabe gestellt hatten, die anderen Sportarten zu pflegen, und sie haben das mit großem Erfolgegetan, so ist das auch ein Verdienst von Dr. Leonhardt. Die großen Schwimmfeste des VfB beweisen dies im Besonderen. In der Sportverwaltung hat Dr. Leonhardt mehrere Jahre als Vorsitzender vom Gau Ostthüringen die Geschäfte geführt und auch hier zeigte er eine seltene Tüchtigkeit. Er gehört mit zu den hervorragendsten Kämpfern, die der Jenaer Sport oder besser der Thüringer Sport gehabt hat…“ kann man 1921 in der Verbandszeitschrift Mitteldeutscher Sport lesen.
Aus beruflichen Gründen ging er um 1923 nach Altenburg zur Allgemeinen Handelsbank auch „Altenburger Sparbank“ genannt, wo er bis 1931 als vertretungsberechtigter Vorstand tätig war. Sportlich findet man ihn in Altenburg beim Männerturnverein Altenburg bis 1929. Nach 1931 verlieren sich seine Spuren.
Zum Sportwart und „zweitwichtigsten“ Mann in der frühen Geschichte des USV, Eugen Popp, gibt es noch weniger Daten als zu Leonhardt. In einer der ältesten bekannten Ergebnislisten von Thüringer Leichtathletik-Meisterschaften aus dem Jahre 1907 unter der Bezeichnung „Athletische Wettkämpfe des Gaus Thüringen im V. M. B. V. die auf dem Sportplatz in Erfurt ausgetragen wurden, taucht im Weitsprung auf Platz zwei ein E. Popp (F. C. Gotha) mit 5,08 Meter und als Dritter ein Eitel ebenfalls FC Gotha mit 4,82 Meter auf. Letzterer ist mit großer Wahrscheinlichkeit der spätere Universitäts- Turn- und Sportlehrer Hermann Eitel, da dieser um diese Zeit in Gotha lebte, von dort zum „Turnlehrerstudium“ ging und anschließend bis zu seiner Anstellung 1914 in Jena als Turnlehrer tätig war.
Ob der Gothaer Eugen Popp mit dem Mitgründer des VfB identisch ist, konnte noch nicht ermittelt werden. 1911 ist er auf jeden Fall regelmäßig in Ergebnislisten für den VfB als Leichtathlet so 1911 im Speerwurf mit 43,15 Meter, über 100 und 200 Meter und auch im Kugelstoßen und Weitsprung als Mehrkämpfer zu finden.
Als Fußballer gehörte er zur Stammaufstellung der I. Mannschaft des VfB. 1912 beim 1. Nationalen Olympischen Spielen der akademischen Abteilung des VfB, welches von den besten Sportlern Deutschlands besuchten, wurde er zweiter über 200 Meter. Letztmalig taucht sein Name am 15.August 1915 bei den Mitteldeutschen Meisterschaften in Leipzig auf, als er im Speerwerfen und im Handgranatenwerfen Platz drei belegt. In einer späteren Würdigung in der Verbandszeitschrift Mitteldeutscher Sport wurde er wie folgt gewürdigt: „Seit Auftreten dieses hervorragenden Sportsmannes beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des Jenaer Sportes. Er gab den Anlaß zur Gründung des Vereins für Bewegungsspiele Jena im Jahre 1911. Während bis dahin lediglich der Fußballsport gepflegt wurde, wurde nunmehr der Sport auf eine viel breitere Basis gestellt. Der Leichtathletik und dem Stockball wird nunmehr in Jena eine Pflegstätte bereitet…Hätte nicht der Ausbruch des Krieges auch hier allem Streben ein Ziel gesteckt, so hätte zweifellos der VfB unter Führung von Popp höchste Ziele erreicht. Popp wurde dann auch Soldat, und zwar einer, der durch seine Tüchtigkeit und seine Leistungsfähigkeit bald das ganze Regiment in Erstaunen setzte. Er war nur ganz kurze Zeit im Felde. Sein waghalsiger Mut und seine Tollkühnheit wurden ihm zum Verhängnis. Bei einem Sturmangriff in Frankreich traf ihn eine Kugel.“
1919 berichtet dann der VfB, dass zum zweiten Mal ein Vereinsgedenkwettkampf um den Eugen Popp-Pokal ausgetragen wurde. Genaueres dazu konnte aber noch nicht ermittelt werden.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Der eingangs erwähnte Fund von Wieland Knetsch betrifft Eugen Popp. Dabei handelt es sich um eine von ihm unterschriebene Postkarte, die speziell für den VfB gedruckt worden war.

In: Thüringische Landeszeitung vom 20. Dezember 2017 Nr. 568

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