Werner Kühnert - ältestes Fördermitglied des USV Jena ist verstorben

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Der Meister des Rasenkraftsports

Vor wenigen Tagen ist Werner Kühnert mit 95. Jahren das älteste Fördermitglied des USV Jena in Weimar verstorben. Der in Piesau bei Neuhaus am Rw. geborene Werner Kühnert war von Kind auf Turner und Wintersportler. Seine Jugend verbrachte er mit seinem Zwillingsbruder und seiner Schwester unter einfachen Verhältnissen, aber sehr glücklich, in der kleinen Thüringer Waldgemeinde unweit des Rennsteigs. Schon zeitig lernte er den Wald lieben, wo er mit seiner Mutter und den Geschwistern oft auf Beeren- und Pilzsuche war. Im Schulsport sehr aktiv, kamen die Kühnert-Zwillinge auf eine Art Eliteschule für die Landjugend nach Gotha. Hier interessierten sich er und sein Bruder für die Segelfliegerei. Der Weg der Kühnert-Zwillinge führte zum Ende des II. Weltkrieges zur Luftwaffe, wo Werner beim Bodenpersonal glücklich überlebte, sein Bruder aber seit einem Bombenangriff in den letzten Kriegstagen verschollen ist.
1949 kam Kühnert als Student an die Jenaer Universität, wo er Pädagogik und Körpererziehung belegte. Bereits im Gründungsmonat des USV-Vorläufers der Hochschulsportgemeinschaft, (HSG) im April 1949, trat Werner Kühnert dieser Sportgemeinschaft bei. Vier Wochen später ging er für die HSG erstmalig bei einem Leichtathletikwettkampf an den Start. Bei dem im Stadion organisierten Sportfest gewann übrigens Heinz Stephan von BSG Motor Schott mit einer Ost-Zonenbestleistung über 110m Hürden in 16,4. Im Speerwurf siegte Werner Kühnert. Als guter Wintersportler startete er in der Folge auch regelmäßig bei Skiwettkämpfen. Bei den 1. Studenten-Wintersportmeisterschaften der DDR 1951 in Brotterode wurde er Sechster über 18km und Studentenmeister im Spezialsprunglauf. Seine sportlichen Meriten waren Grundlage dafür, dass er nach Abschluss des Studiums für eine Dozentenstelle an der Arbeiter- und Bauern Fakultät vorgeschlagen wurde. Da er parteilich „..zu wenig in Erscheinung…“ trat wurde daraus nichts aber er wurde 1952 Mitarbeiter in der neu gebildeten „Abteilung studentische Körpererziehung“, die für den Pflichtsport aller Studenten zuständig war. In diesem Bereich, der heute als Hochschulsport an der Universität einen guten Namen hat, blieb er bis zu seinem 65. Lebensjahr tätig. Er war unter anderem verantwortlich für Übungsgruppen im Turnen, in der allgemeinen Körpererziehung, in der Leichtathletik, im Wintersport und in den letzten Jahren auch im Judo. Immer war er dabei sportlich aktiv. Seine Skierfolge waren neben dem Lang- und Sprunglauf auch im alpinen Skisport beachtlich. So wurde er z. B. 1953 bei der ersten Zentralen Spartakiade der Sportvereinigung Wissenschaft in Oberwiesenthal Zweiter in der Nordischen Kombination, und bei Bezirksmeisterschaften in Lobenstein gewann er sogar einmal den Torlauf, obwohl er einen Stock unterwegs verloren hatte.

Weniger bekannt ist, dass er in der Mitte der 1950er Jahre für den SC Motor Jena, dem Vorläufer des in Konkurs gegangen TuS, als Rasenkraftsportler an den Start ging. Nach eigenen Erzählungen gegenüber dem Autor dieser Serie gab es zwei Gründe für Werner Kühnert für den SC Motor zu starten: Der erste Grund war, dass er als Leistungssportler zusätzliche Verpflegung in Form von Schwerst- oder Schichtarbeitermarken bekam. Fast alle Grundnahrungsmittel gab es nur auf Karten oder Marken im Handel zu kaufen. Die Menge der einzelnen Lebensmittel richtete sich nach dem Alter und teilweise der beruflichen Tätigkeit. Schwerstarbeiten, Bergleute und ähnliche Berufsgruppen bekamen dabei vielfach höhere Rationen als Zusatzkarten. Solche Karten bekamen manchmal auch Leistungssportler, die als „Clubsportler“ organisiert waren. Auch zusätzliche Verpflegung in einer eigenen Mensa gehörte dazu, was wenige Jahre nach Kriegsende ein besonderes Privileg war. Der zweite Grund war, dass Werner Kühnert unbedingt „Meister des Sports“, der höchsten Auszeichnung im DDR-Sport werden wollte. Die Abteilung Ski beim SC Motor Jena hatte nur kurzzeitig Bestand, so dass Werner Kühnert Bestenlisten und Normen studierte. Für die Wurfdisziplinen in der Leichtathletik reichten seine Leistungen jedoch nicht für die geforderten Normen. Im Rasenkraftsport ging es etwas gerechter zu. Da wurden die Leistungen in Gewichtsklassen, ähnlich denen in den Kampfsportarten und Gewichtsheben üblich, gewertet. Werner Kühnert, der damals um 1,60 Meter groß und etwas über 50kg schwer war, rechnete sich hier gute Chancen für einen Meistertitel und damit die Auszeichnung als Meister des Sports aus.
Dem Hobbysporthistoriker Klaus Brendel ist es zu verdanken, dass die Kraftsportler des SC Motor Jena nicht vergessen wurden. So schrieb Brendel in seiner „Geschichte des Hammerwurfs in Jena“: „Kühnert errang 1955 mit der Mannschaft des SC Motor Jena im Rasenkraftsport einen DDR-Meistertitel, und im Einzel wurde er Dritter. 1956 und 1957 belegte er sowohl in der Mannschaft als auch im Einzel dritte Plätze. Als Mittelgewichtler brachte er es im Hammerwerfen auf eine Bestleistung von 45,26 m.“
Seit Anfang der 1980 verschrieb sich Werner Kühnert zunehmend dem Ausdauerlauf und nahm erfolgreich am GutsMuths-Rennsteiglauf, am Jenaer-Kernberglauf und Läufen der Umgebung teil. Beim Kernberglauf stand er zwischen 1980 und 2001 siebenmal auf dem Treppchen. Und ausgerechnet bei seinem letzten Lauf mit 80 Jahren wurde er „nur“ Vierter. Die Organisatoren hatten die AK 80 eingespart, hier wäre er Zweiter geworden, und ihn in die AK 75 gesetzt. Als Besonderheit bei diesem Lauf darf aber gelten, dass er die ganze 15km lange Strecke mit seinen Skilanglaufstöcken lief, so wie er es immer beim Sommertraining der Skiläufer getan hatte.
Bei der Gründung des Förderkreises des USV um 2000 wurde er sofort Mitglied. Er blieb es bis zu seinem Tode. Die letzten Jahre lebte Werner Kühnert im Sophienstift in Weimar. Er hinterlässt einen Sohn.

Dr. H. Kremer

Drei Bildunterschriften: 1. Werner Kühnert in seiner typischen Skirennkleidung Anfang der 1950er Jahre.
2. Werner Kühnert (2.v.r.) mit einer Studentengruppe Anfang 1982 am Dreistromstein auf dem Rennsteig.
3. Der damalige USV-Präsident Prof. Dr. Andreas Freytag überreicht 2009 Werner Kühnert das goldene Ehrenabzeichen des USV.

Thüringische Landeszeitung vom 1. März 2017 Nr. 530

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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