Zur Geschichte des Orientierungslaufs in Jena
Wurzeln in Skandinavien

Die Abteilung Orientierungslauf (OL) des USV ist die erfolgreichste Abteilung des Vereins seit dessen Neugründung 1990. Bis dahin waren es beim Vorgänger des USV, der HSG Uni Jena, vor allem die Leichtathleten aber auch die Kanuten und Judoka, die sehr viele Medaillen bei Nationalen Meisterschaften sammelten. Die Oler sind heute die bedeutendste Medaillenschmiede der Stadt Jena überhaupt.
So richtig ging es mit den „Erfolgen“ 1998 los, als Sören Lösch in der Altersklasse 12 seinen ersten „Meistertitel“ holte. Zu DDR-Zeiten hatten die Uni-Oler 54 Meisterschaftsmedaillen auf ihrem Konto. Heute sind es 360, davon 141 von der Familie Lösch. Mit diesen „Pfunden“ wuchern die Oler auch mit ihrer regelmäßigen Pressearbeit, die sich schon seit der Gründung der Abteilung im Jahre 1968 unter Leitung von Barb Obstfelder, wie ein roter Faden durch die Medienlandschaft zieht. Daraus schlussfolgern heute viele sporthistorisch Interessierte, dass diese schöne Natursportart beim Uni-Sport entstanden ist. Die bisherigen sporthistorischen Artikel zum OL stützten diese Schlussfolgerung. Neueste Untersuchungen zeigen aber, dass die Sportgemeinschaft in Jena, bei der zuerst und auch sehr intensiv und erfolgreich OL betrieben wurde, die BSG Motor Schott gewesen ist.

Recherchen zur Zeit vor dem II. Weltkrieg belegen einen ersten Mannschafts-Orientierungslauf als Uni-Meisterschaft im November 1935, der aber wohl starke wehrsportliche Akzente hatte, da der damalige Institutsdirektor Hans Ebert sich auch bei anderen Sportveranstaltung als „strammes“ NSdAP-Mitglied durch wehrsportliche Aktivitäten hervortat.
Die Wurzeln des Orientierungslaufs sind schon vor 1900 in Skandinavien zu finden, wo anfangs vor allem beim Skilanglauftraining Karten verwendet wurden und daraus erste Wettbewerbsformen entstanden. Ersten nationalen Meisterschaften ohne Ski gab es in Schweden und Norwegen 1937.
Ob es einen Bezug zu diesem immer populäreren Sport in Skandinavien zu dem im Frühjahr 1937 stattgefundenen OL bei Weimar gab, muss offen bleiben. Aus den Zeitungsberichten kann aber geschlossen werden, dass es sich um einen Wettkampf handelte, der eine ähnliche Organisationsform wie in Skandinavien hatte. Er wurde vom Deutschen Reichsbund für Leibesübungen organisiert. Dieser OL wurde als zweite Veranstaltung dieser Art bezeichnet, so dass militärisch orientierte Patrouillenläufe oder Gepäckmärsche in der weiteren historischen Betrachtung ausscheiden, da es diese Wettkampfform in großer Vielzahl schon vor dem I. Weltkrieg gab.
Hauptzielgruppen waren 1937 in Weimar die Turn- und Sportvereine, aber auch Mannschaften der Wehrmacht und der NS- Gliederungen traten an. 12 Mannschaften wurden von Sportvereinen, davon drei vom 1. SV Jena, je zwei vom SC Weimar und TV Apolda und je eine von den Turnverein Wenigenjena, Turn-, Sport und Musikverein (TSM) Glaswerk Jena und vom Turnverein Mörsdorf, die mit Männermannschaften und auch mit Jugendlichen antraten, gemeldet. Dazu kam noch eine Jugendmannschaft des Turnvereins Berlstedt, sowie Militärmannschaften und von NSdAP-Gliederungen. Start und Ziel war am Gut Lützendorf bei Weimar und die Strecken führten durch das Waldgelände des Ettersberges. Bei der Jugend gewann über die 12 Kilometer lange Strecke die Mannschaft des SC Weimar, die mit „… 52:17 allen Mitbewerbern hoch überlegen (war). Erst sieben Minuten später, in 59:12 kam die Mannschaft des Glaswerks Jena durchs Ziel, die damit den zweiten Platz belegte…Der Wettbewerb der Männer wurde in drei Klassen zur Durchführung gebracht. Bei den NS.-Formationen war der Sieg der zweiten Mannschaft der SS.-Sammelstelle Ranis nicht zu nehmen…“ kann man im Jenaischem Volksblatt lesen.
Ob es weitere Wettkämpfe in dieser Form bis Kriegsbeginn gab, konnte bisher nicht geklärt werden. Der im Mai 1937 von Jenaer Kanusportlern (Wassersport-Verein Jena) besuchte reichsoffene Findigkeitswettbewerb, der auch als Orientierungslauf bezeichnet wurde, war wohl eher ein „vormilitärischer“ Wettkampf. Der Mehrkampf bestand aus Kleinkaliberschießen, acht Kilometer Rennpaddeln, Entfernungsschätzen, Geländelauf und dem Auffinden von Geländepunkten (Orientierungslauf). Bei der Einzelwertung kam Jena mit der Mannschaft Martinissen/Gerber auf Platz zwei.

Nach dem II. Weltkrieg tauchen dann in den 1950er Jahren bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Schott sehr erfolgreiche Oler auf. Ob es zwischen diesen und den Vorläufern von 1937 eine direkte Verbindung gab, soll später geklärt werden. Günter Müller berichtet, dass in den Jahren 1955 bis 1963 bei der Sektion Wandern, Bergsteigen und Skilauf der BSG Schott recht aktiv OL betrieben wurde. Er schrieb dazu: „Als in den 50er Jahren der Ski-OL aufkam, waren wir froh noch eine Wettkampfdisziplin vorweisen zu können. Später kam dann erst der OL dazu. Die ersten Sommer- Orientierungsläufe bestanden immer aus Tag- und Nachtlauf. Anfangs stand in der Bezeichnung der Veranstaltung „touristischer“ Wettkampf. Spezielle OL-Landkarten gab es zu dieser Zeit noch nicht. Es wurden Messtischblätter verwendet, in die wir am Start oft die Punkte selbst von einer Vorlage eintragen mussten und dabei mitunter schon Fehler gemacht haben. Nach der OL-Zeit haben wir etliche Langstreckenwanderungen organisiert, aus denen später die Ausdauerläufe geworden sind.“
Über die weitere Geschichte des OLs werden wir später noch mal berichten.

Dr. H. Kremer

Fotonachweis und Bildunterschrift: Von Peter Deus stammt dieses Foto von der DDR-Staffelmannschaft, die beim Internationalen Pokal-OL in Hohnstein 1963 gewann; v.l. Harry, Rolf Heinemann (Dresden), Grosse und Peter Deus (Jena).
 In: 
Thüringische Landeszeitung vom 17. April 2019 Nr. 634

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