Jenaer Sporthistorie
Zehn Jahre Dreifelderhalle an der Muskelkirche

Nachdem jetzt die USV-Sporthalle an den Teufelslöchern seit 10 Jahren im Betrieb ist, kann man rückblickend sagen, dass sich diese mehr als vier Millionen teure Investition für den Verein gelohnt hat.

Es gibt wohl in ganz Thüringen keinen gemeinnützigen Sportverein der mit insgesamt fast 10 Millionen Euro seit der politischen Wende 1989/90 soviel Geld in seine Infrastruktur gesteckt hat. Bis dahin war es üblich, dass, wie bei allen Betriebssportgemeinschaften (BSG) in der DDR, die sogenannten „Trägerbetriebe“ und die Kommunen für die sportliche Infrastruktur sorgten und diese den BSG’n kostenlos zur Verfügung stellten. Bei dem direkten Vorläufer des USV, der Hochschulsportgemeinschaft (HSG) war die Uni der Träger. Da diese damals im Sport zwei „Pflichtaufgaben“ hatte, die Ausbildung der Sportlehrer und den Pflichtsport aller Studenten, verfügte sie auch über, zwar im Umfange nicht ausreichende, eigene Sportstätten. Zusätzlich konnte die HSG noch Schulsporthallen in der ganzen Stadt nutzen.
Mit der Umstellung der gesetzlichen Rahmenbedingungen nach 1990 fiel diese Pflicht der Uni weg, ja nach Lesart einiger ministerieller Bürokraten war die kostenlose Bereitstellung von Sportstätten an einen juristisch selbstständigen Verein, wie den USV, haushaltsrechtlich sehr bedenklich. Mit entsprechenden Verträgen und der Institutionalisierung des USV als Förderverein des Universitätssports konnten diese Schwierigkeiten in einem jahrelangen Entwicklungsprozess ausgeräumt werden. Größere Investitionen in Sportneubauten durch die Uni war nach 1990 auch deshalb nicht möglich, da Mitte der 1990er Jahre die „Muskelkirche“ für das Sportinstitut grundhaft saniert worden war.

Mit der starken Zunahme von Turn- und Spielformen als Freizeitbeschäftigung der Studenten um 1900 wurde der Wunsch nach dem Bau oder Erwerb einer eigenen Turnhalle immer öfter an die Unileitung und die Regierungen der Erhalterstaaten herangetragen. Man verwies dabei gerne auf andere Universitäten wie Göttingen, die bereits über eigene Turnhallen verfügten. Als 1911 die akademische Turnlehrerausbildung in Jena begann, wurde der Bau einer dazu geeigneten Übungsstätte immer dringlicher. 1914 wurde das jetzige Unisportzentrum in der Oberaue dafür gekauft und eine Halle geplant. Der erste Weltkrieg und die wirtschaftlich schwierige Nachkriegszeit verschob eine Realisierung um Jahre. Erst mit dem Bau der heute als Muskelkirche apostrophierten „Universitätssporthalle und Landesturnanstalt“ 1929 konnte hier Abhilfe geschafft werden.
Bis 2002 blieb der Gebäudekomplex in der Seidelstraße der „modernste“ Sportbau an der Uni. Der Bestand an Sporthallen hatte sich in den 1950er Jahren durch die Übereignung der Turnhalle des Jenaer Turnvereins (gebaut 1885) und des Saals des Hotels „Nollendorfer Hof“ (1896) erweitert. Nach 1990 erhöhte sich die Zahl der Sportstudenten ständig und die Uni brauchte zusätzliche Kapazitäten, auch für den freiwilligen Hochschulsport der zahlenmäßig „explodierte“. Die Idee des Baus einer Dreifelderhalle durch den USV fand daher Befürworter in verschiedensten Leitungsgremien. Unter Berücksichtigung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudeensembles der „Muskelkirche“ sah das Projekt ca. 3,5 Millionen Euro Baukosten vor. Fördermittel in Höhe von 40 % vom Land wurden Anfang der 2000er Jahre in Aussicht gestellt. Die restlichen 60 % musste der USV selber beschaffen, wobei auch Arbeitsfördermaßnahmen von Jenarbeit und der GFAW sowie ein Eigenkredit der Uni genutzt werden konnten. Der „Rest“ wurde durch alle, zeitweilig bis zu 4.000 USV-Mitglieder, gestemmt. 2004 hatten die USV-Mitglieder nach langer demokratischer Diskussion eine Sportstättenumlage beschlossen, die als Finanzierungsgrundstock diente. Dies ist damals den Vereinsmitgliedern nicht leichtgefallen, da mehr als 2/3 der Mitglieder Kinder, Jugendliche, Studierende und Rentner waren. Einige Mitglieder haben deswegen in der Folge den Verein verlassen, wie die vollständige Abteilung Ski, eine Seniorenwander- und eine Volleyballgruppe. Die Turnabteilung löste sich „Defakto“ auf.
Vorrangig die Spielsportarten sollten in der neuen Halle untergebracht werden aber allen Abteilungen wurde ein direkter Nutzen aus dem Hallenbau zugesichert. Für Abteilungen wie Badminton, Basket- und Volleyball sowie Tischtennis verbesserten die Trainings- und Wettkampfbedingungen substantiell. Für andere Abteilungen wie Seniorensport, Tennis oder Rhythmische Sportgymnastik, eröffneten sich Möglichkeiten, neue Mitglieder durch bessere Trainingsbedingungen in der USV-Sporthalle zu gewinnen. Sogar für Sportarten, die sonst keine Hallenzeiten benötigten, wie Orientierungslauf (OL) oder Ausdauerlauf gab es „Kompensationen“, da auch diese Mitglieder nach den Solidarprinzip ständig in den Sportstättenfond einzahlten. So bekamen die Oler eine Wintertrainingszeit und die Ausdauerläufer Vorzugszeiten in den „Vereinssaunen“.
Eine Abteilung wurde besonders berücksichtigt, das war die Abteilung Fitness, die bis dahin lediglich über kleine und spartanisch ausgestattete Trainingsräume im Unisportzentrum verfügte. Die Abteilung, heute Fitness/Gesundheit, hatte den Auftrag, durch besonders viele Neuzugänge sowohl als Abteilung als auch im Hochschulsport für den Verein einen deutlichen Beitrag zur Erwirtschaftung von Einnahmen zu leisten, mit denen die kontinuierlich anfallenden Betriebskosten teilweise gesichert werden sollten.

Dr. H.-G. Kremer

Bildunterschrift: Eine der unmittelbar nach der Halleneröffnung gegründeten neuen Trainingsgruppen, die „Dienstags-Senioren-Fitnessgruppe“ konnte dieser Tage ihr 10jähriges Bestehen feiern.

In: Thüringische Landeszeitung vom 14. Februar 2018

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