Jenas Sporthistorie in Wort und Bild
Zur Geschichte des Ringens in Jena

Nachdem von der Thüringischen Landeszeitung und der Ostthüringer Zeitung meine seit 11 Jahren erfolgreich gelaufene Artikelserie „Jenaer Sporthistorie in Wort Bild“ eingestellt worden ist, habe ich den Bestand nach noch vorhandenem Material gesichtet, welches für noch mindestens 15 Beiträge gereicht hätte. Dieses will ich noch aufarbeiten, da die Quellen und Fotos der Gesamtserie zur Grundlage eines „Lexikons der Jenaer Sportgeschichte“ werden sollen.
Mindestens ein Beitrag war noch Jenas Ringern gewidmet. Bei einer Recherche dazu bei Wikipedia stellte ich fest, dass ich offensichtlich den 70. Geburtstag von Peter Germer übersehen hatte. Persönliche Nachfragen ergaben aber, dass noch bis 2023 Zeit ist. Eine Korrektur bei Wikipedia wurde bisher wieder rückgängig gemacht.
Jetzt zu den Jenaer Ringern der BSG Motor Schott bzw. Chemie: Sie waren schon Anfang der 1950er Jahre so leistungsstark, dass sie im Rahmen „gesamtdeutscher“ Wettkämpfe gegen Ringer aus der Bundesrepublik antreten durften. So titelte die damalige wichtigste Zeitung in Jena „Das Volk“ 1952 „Hamburger Ringer unterlagen in Jena“. Die Ringerstaffel des SV Goliath Hamburg, die zum achten Mal in der DDR antrat, war ins Jenaer Gewerkschaftshaus, gekommen um mit den Ringern der BSG Chemie einen Freundschaftswettkampf zu bestreiten. „Die Kämpfe auf der Matte brachten dem Landesklassenvertreter Chemie Jena einen 5:3-Erfolg, der schon gesichert war, nachdem die Thüringer die fünf Kämpfe bis zum Weltergewicht gewonnen hatten. Erst in den letzten drei Treffen kamen die Hamburger zu ihren Punkten, da sowohl Bauer II im Mittel- und Zillich im Schwergewicht durch Selbstfallerniederlagen das Nachsehen hatten. Einen hervorragenden Kampf lieferte der nun gegen 46 Jahre alte thüringischen Ex-Weltmeister Kurt Plonka, der den Hamburger Schiffer nach 7:45 Min. durch Armzug aus der Bank und Eindrücken der Brücke bezwang. Diesem Weltergewichtssieg voran gingen Erfolge von Panse über Lüttge (H) nach 12:39 Min., im Leicht-, von Preß über Duppis (H) nach 4:15 Min im Bantam- und Wagenführer über Köster (H) nach 4:23 Min. im Fliegengewicht“ kann man lesen.
Ein großes internationales Turnier gab es Pfingsten 1956 im Volkshaus mit Gästen aus der Sowjetunion, der Schweiz, Volkspolen und den Mannschaften DDR-A und -B. Im gleichen Jahr gehörte mit Alfred Tischendorf ein erster Ringer aus Jena zur gesamtdeutschen Olympiamannschaft. Insgesamt werden außer Tischendorf in den Statistiken noch Peter Germer (1972), Christian Luschnig (1960), Jürgen Möbius (1972, 1976), Uwe Neupert (1980, 1988) Silbermedaille, Hartmut Reich (1980), Siegfried Schäfer (1956), Andreas Schröder (1988) Bronzemedaille und Helmut Strumpf (1976) als Olympiateilnehmer geführt. Schäfer startete allerdings 1956 noch für Motor Zella-Mehlis und kam erst später nach Jena.
Peter Germer gehört zu den Jenaer Ringern, die auch als Trainer sehr erfolgreich waren. Germer, ein Jenaer „Eigengewächs“, stammt aus dem Ortsteil Ziegenhain. Hier sind die Germers schon seit Generationen, meist als Handwerker, ansässig. Peters Großvater war Tischler und sein Vater ein gelernter Buchdrucker, hatte eine Zeit lang eine Gaststätte und war der „Feuerwehrhauptmann“ des Ortes. Er war sportlich als Motorradfahrer aktiv. Peter Germers „Einstieg“ beim Ringen war Zufall. Als Schüler war er in einem Ferienlager, wo die Ringer des SC Motor Jena eine Werbevorführung organisiert hatten. Diese wurde von Alfred Tischendorf geleitet, der am Ende die Schüler fragte, ob nicht Jemand Lust hätte einen Proberingkampf mit ihm zu probieren. Peter, der durch seine Körpergröße und seinen stabilen Körperbau auffiel, den er auf Grund der regelmäßigen Mitarbeit in der kleinen Landwirtschaft der Familie erworben hatte, meldete sich. Gegen Tischendorf hatte er natürlich keine Chancen aber dieser erkannte sofort Peters Talent und sprach ihn an, ob er nicht mal zum Training kommen wolle. Die ersten Übungseinheiten brachten eher Misserfolge mit sich, Tischendorf gelang es aber, Peter für das Ringen zu begeistern. Schon bald zeigte sich sein großes Talent, speziell für den freien Stil. Im Jugend- und Juniorenbereich gehörte er in seiner jeweiligen Alters- und Gewichtsklasse bald zu den besten Ringern in der DDR. Er entwickelte sich bis zu seinem 20. Lebensjahr zu einem „leichten“ Superschwergewichtler, der durch seine gute Technik und seine Schnelligkeit überzeugte, kann man bei Wikipedia lesen. 1969 wurde er erstmals DDR-Meister bei den Senioren im Schwergewicht, worauf er bei den Europameisterschaften in Sofia antreten durfte und mit einer Bronzemedaille nach Hause kam. Den dritten Platz konnte er bei den Europameisterschaften 1970 in Berlin verteidigen, diesmal im Superschwergewicht. Mit einem dritten Platz bei den Weltmeisterschaften im gleichen Jahr schloss er eine sehr erfolgreiche Serie ab. 1972 startete er bei den Olympischen Spielen in München, wo er Platz sechs belegte. Nach 1974 beendete Germer seine sportliche Laufbahn, legte sein Diplom als Trainer bei der DHfK in Leipzig ab und übernahm eine Trainingsgruppe beim SC Motor Jena. Sehr erfolgreich war auch sein Sohn Ralf Germer im Kinder- und Jugendalter, was aber eine andere Geschichte ist. Zu Peters Germers erfolgreichsten Schützlingen gehörte Andreas Schröder, der mit Uwe Neupert trainierte. Mit einem 3. Platz bei der Weltmeisterschaft 1982 trat er in die Fußstapfen seines Trainers im Superschwergewicht. Bei insgesamt 20 internationalen Meisterschaftsturnieren gewann er 13 Medaillen. Der größte Erfolg in seiner langen Laufbahn war der Gewinn des Weltmeistertitels 1991. „Den Europameistertitel gewann er insgesamt viermal, davon von 1990 bis 1992 dreimal in Folge. Ein Olympiasieg blieb ihm versagt, er gewann aber bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul eine Bronzemedaille.“(Wikipedia) Nach sieben DDR-Meistertiteln ging Schröder nach der politischen Wende in der DDR in den „Westen“. Dort wurde er 1991 auch deutscher Meister.
Die Sportler des SC Motor Jena holten insgesamt drei Weltmeistertitel und sechs Europameistertitel nach Jena. Die erste Medaille bei Deutschen Meisterschaften gewann 1953 Werner Prell mit Silber im Bantamgewicht noch für die BSG Motor Schott Jena. Insgesamt gab es für die Jenaer Ringer im Erwachsenenbereich 213 Medaillen in 20 Gewichtsklassen, davon 69 Gold, 81 Silber und 63 Bronze.
Dr. H.-G. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotoalbum von Peter Germer stammt dieses Foto von seinem Europameisterschaftskampf in Sofia 1969.

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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