Zur Geschichte der Jenaer Turnvereine Teil 9
Zwei vortreffliche Vereine

In den bisherigen Beiträgen zur Geschichte der Jenaer Turnvereine haben wir uns ausführlich mit den beiden ältesten Turnvereinen, dem Turnverein Jena 1859 e. V. (TVJ 1859) und der acht Jahre später ausgegründeten Turngemeinde Jena e. V. (TGJ) beschäftigt.
Der 1885 gegründete Turnverein Wenigenjena (TVW) e. V. entstand in einem Jenaer Vorort, der 1909 eingemeindet wurde. Dieser Vorort war stark geprägt durch ein starkes Wachstum der Bevölkerung besonders durch Arbeiter der Jenaer Großbetriebe und das Kleinbürgertum, da die Grundstückspreise deutlich unter denen von Jena lagen. Dazu kamen große Siedlungen von Eigenheimen besonders nach dem I. Weltkrieg. Diese Besonderheiten wirkten sich in der sozialen Struktur der Mitgliedschaft der Turn- und Sportvereine aus. Ein 1920 gegründeter Sportverein, der sich der Arbeitersportbewegung zugehörig fühlte (Sportklub Wacker) gewann zahlenmäßig keine größere Bedeutung. Dieser reine Fußballverein stand kaum in Konkurrenz zum TVW, da letzterer keine Fußballabteilung hatte. Der Sportverein nutzte den städtischen Sportplatz am Gries, der sich nördlich der „Wiesenbrücke“ befand. Auch ein eigenständiger Arbeiterschwimmverein im Saalebad am Gries konnten inzwischen ausfindig gemacht werden.

Der erste Turnplatz des TVW lag in unmittelbarere Nähe der Schillerkirche in nord-östlicher Richtung. Dieses Gelände wurde wegen des Baus von Wohnhäusern später aufgegeben und mit umfangreichen Eigenleistungen ein Turn- und Sportplatz mit Vereinsheim am Jenzigweg gebaut, der heute vom FC Thüringen Jena e. V., dem SV Post und den anliegenden Schulen genutzt wird.

Eine erste Zeitungsnotiz über den TVW wurde im Jahr 1893 gefunden, als Ende Juli das 12. Mittelthüringisches Gauturnfest in Kahla stattfand. Beim Musterriegenturnen erhielten u. a. der TVJ 1859, die TGJ und der TVW Preise überreicht. Von 78 Wettturnern erhielten 36 Preise, davon 11 der Jahnbund Apolda, sechs der Verein Turner Apoldas, einen die Turngemeinde Apolda. Die andere Hälfte ging an Jenaer Vereine: zwei an den TVW (E. Liebig, L. Bauer, H. Brieg), drei die TGJ (H. Müller, O. Böhmke, E. Keßler) und einen der TVJ 1859 (G. Böhm). Der vom Herzog von Sachsen-Altenburg, der sich gerade in Hummelshain befand, in Aussicht gestellte Besuch, war wegen Unpässlichkeit des Herzogs und schlechtem Wetter nicht zustande gekommen. Die Teilnehmer sandten aber ein Telegramm an den Herzog Ernst, welches vom diesem herzlich erwidert wurde.

Im September des gleichen Jahres gab es einen weiteren Zeitungsartikel, bei dem es um die Nutzung der neuen Turnhalle des TVJ 1859 ging. „Von heute ab finden die Turnstunden des Turnvereins in der Turnhalle statt. Mit dieser Mittheilung verbinden wir den Wunsch, daß auch im Winter das Turnwesen in den hiesigen Vereinen eifrig gepflegt und gefördert werde, besonders auch durch den Eintritt solcher Kreise, die sich bedauerlich noch immer zurückhalten. Zu ihrem eigenen Nachteil!“ Weiter kann man lesen: „Wir haben hier, abgesehen von dem akademischen Turnvereinen, zwei vortreffliche Vereine, Turnverein und Turngemeinde Jena und in unserer unmittelbaren Nähe gleichfalls den sehr zu schätzenden Turnverein Wenigenjena.“
Eine Notiz über die Leitung des TVW findet sich um 1900, als bei der Anmeldung ins Vereinsregister ein Optiker Gustav Wagner als Vorsitzender, Carl Wagner als II. Vorsitzender und Carl Hanemann als Schriftwart genannt werden. Bei den Vorstandwahlen 1903 erhielt Gustav Wagner als Vorsitzender 55 Stimmen, was wohl 100% entsprach, August Lange als 2. Vorsitzender 50 Stimmen, J. Wagner als Turnwart und der Schriftwart Max Meichsner 50 Stimmen. Beim 39. Stiftungsfest des TVW 1924 gibt es eine interessante Notiz zur Vereinsentwicklung und zum Vorsitzenden Gustav Wagner: „Der Turnverein Wenigenjena feiert am 20. Juli sein 39. Stiftungsfest. An den Turnvorführungen werden die besten vier Turner, die in der Städtemannschaft turnen, vorgestellt. Die Hockeyabteilung hat sich gut eingeführt. Neben sportlichen Erfolgen beteiligt sie sich auch an den Turnübungen. Die Handball-Abteilung ist die stärkste der Stadt. Der Vorsitzende Wagner ist seit 37 Jahren im Amt…Ihr Turner jenseits der Saale, macht Eurem Senior das Amt nie schwer, tragt mit ihm Freud und Leid, dann werden die Früchte nicht ausbleiben.“
Ein Jahr später, zum 40. Stiftungsfest wurde über die Vereinsgründung berichtet, dass am 4. Juli 1885 einige wenige junge Leute, alles Turner, zusammenfanden um einen Turnverein zu gründen. „Sechs Jahre später, 1891, hatten sie schon einen Turnplatz. 27 Turner ließen ihr Leben im Krieg fürs Vaterland. Ihnen zum Gedenken wurde auf dem Turnplatz hinter der Schillerkirche ein Ehrenmal gesetzt. Nach dem Kriege entstanden eine Handball- und eine Leichtathletikabteilung. 1923 wurde eine Hockeymannschaft gegründet, die deutschlandweit als starker Gegner geachtet ist. Dank der zielbewußten Arbeit des Lehrers Strube ist die Schülerinnen- und Schülerabteilung gut entwickelt. Der Verein hat über 500 Mitglieder.“
1925 ist der Vorsitzende des TVW Gustav Wagner verstorben. In einer Festschrift zum 12. Thüringer Turnkreisfest, welches in Jena stattfand, wurde Wagner in einem Artikel von Adolph Hamberger gewürdigt, der wohl auch Mitglied im TVW war.
Auf die weitere Entwicklung des TVW werden wir noch eingehen. Da uns umfangreiches Material von der Ortsteilbürgermeisterin Rosa Maria Haschke und von den Familien Otte und Meichsner zur Verfügung gestellt wurde, kann bis 1945 ein umfangreiches Bild über die Entwicklung des TVW gezeichnet werden.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus der Festschrift zum 12. Thüringer Turnkreisfest entstammt das Foto des Vereinsvorsitzenden Gustav Wagner.

In: Thüringische Landeszeitung vom 26. September 2018 Nr. 605

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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