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Animateure mit sechs Beinen: Treppenkäfer in Nordhausen

Wo: Petersberg, Nordhausen auf Karte anzeigen
Auf ihrem Weg zum ­Kindergarten ­begegnet die ­fünfjährige Soraya Tag für Tag dem Rosenkavalier an der Frauenberger Stiege in Nordhausen.
Auf ihrem Weg zum ­Kindergarten ­begegnet die ­fünfjährige Soraya Tag für Tag dem Rosenkavalier an der Frauenberger Stiege in Nordhausen.
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Käfer sind winzig uns scheu? Nicht unbedingt. In Nordhausen besiedeln XXL-Exemplare die Steinstufen inmitten der Stadt. Eine einzigartige Spezies, Treppenkäfer genannt.

Ein stattlicher Vertreter dieser Krabbeltiere trägt den klangvollen Namen Rosenkavalier. Er ist kniehoch, aus Bronze gegossen – und will mehr sein als reine Deko. Er möchte - wie seine Artgenossen - Leben auf die Stufen bringen.

Soraya spurtet fröhlich auf ihn zu. „Guck mal, ich habe neue Schuhe“, dreht die Fünfjährige kokett den Fuß. Der Rosen­kavalier hat‘s längst gesehen. Er ist Experte in ­ Sachen Schuhmode. Schlendern, laufen oder hasten Menschen an ihm vorbei, sind die Füße das erste, was er erblickt. Er ist ein Treppen­käfer – Vertreter einer Spezies, die es nur in Nordhausen gibt.

Der Lebensraum

Ein kleines Steinpodest an der Frauen­berger Stiege ist sein Zuhause. Klar könnte sich ein Kerl wie er auch auf die Stufe hocken, doch das ist nicht gestattet. Der Laufweg muss frei bleiben. Vorschriften, weiß er inzwischen, sind so ein Menschending. Drei Ämter müssen ihr Okay geben, will sich ein Treppenkäfer im öffentlichen Raum ansiedeln. Doch alle drei sind seiner Spezies wohlgesonnen, reckt er die Nase gleich ein bisschen höher.

Die Erscheinungsform

Findulin, Froebicus, Moneti – der Rosenkavalier hat viele ­Treppenkäfer-Freunde in der Stadt. So vielfältig wie ihre ­­Namen ist auch ihr Äußeres. Einer gleicht dem Marien-, der nächste dem Hirschkäfer. Manche üben sogar ein Handwerk aus – wie der Ziegler von der Nachtigallenpforte, der Wasser­träger an der Wassertreppe oder Max, der Gärtner am Landesgartenschau-Areal. Aber keiner ist so sehr Gentleman wie der Rosenkavalier.

Die Mission

Voll Anmut hält er die Rose und blickt in die Ferne. Degradiert man ihn aber zum Deko-­Objekt, könnte er sich die Fühler raufen. Er hat einen Auftrag, so viel ist mal klar. Er kann es nicht hinnehmen, dass Zweibeiner immer mehr Auto, Bus und Straßenbahn fahren – und animiert sie darum zur Bewegung. Von wegen, ein Käfer kriegt das nicht gewuppt. Will man ihn und die anderen Sechsbeiner entdecken, funktioniert das nur treppauf, treppab.

Das Liebesleben

Trifft er sich des Nachts zum Käferstündchen? Sendet seine Angebetete Duftstoffe oder gar Leuchtsignale aus? Es bleibt das Geheimnis des Rosenkavaliers. Der Gentleman genießt und schweigt. Und verrät dann doch, dass die Vermehrung auf außergewöhnliche Art erfolgt.

Die Metamorphose

Ei, Larve, Puppe, Käfer – das kann doch jeder, winkt er ab. Sich aber aus einem Ton-Entwurf über ein Gips­modell in eine stattliche Bronze-­Skulptur zu verwandeln, das vermag einzig und allein seine Spezies. Freilich nicht ganz ohne menschliche Hilfe, gibt er zu. Das Ergebnis jedenfalls kann sich sehen lassen, lockt immer wieder Betrachter an.
 Auch Vorschulkind Soraya hat es der Rosenkavalier angetan und sie sagt zu ihm „Tschüss, bis morgen.“

Nachgefragt bei Ines Gast,

Mitarbeiterin im JugendSozialwerk Nordhausen e.V. und Projektleiterin der Treppenkäfer-Aktion

Wie entstand die Idee für die Käfer-Skulpturen?
Die Inspiration lieferten Zwerge in Polen. Sie begegneten meinem Kollegen Rüdiger Neitzke und mir während einer Dienstreise in Wroclaw. Überall in der Stadt tauchten die Bronze-Gnome auf und weckten die Neugier, immer weiter zu suchen, um neue zu entdecken. Wir dachten: So etwas brauchen wir in Nordhausen auch, um den Blick auf eine Besonderheit unserer Stadt zu lenken – die vielen Treppen. Daraus ­entwickelten wir im Sommer 2008 die Käfer-Idee.

Wann krabbelten die ersten Exemplare auf die Stufen?

Das ging ziemlich schnell, denn das Vorhaben gefiel auch im Rathaus. Schon im Frühjahr 2009 starteten erste Töpfer-Workshops, um Modelle zu formen. Unsere Treppenkäfer stammen nämlich allesamt von kreativen Laien. Aus fünf ausgewählten Tonmodellen wurden die Gipsvorlagen für den Bronzeguss gefertigt. Im Herbst 2009 bevölkerten diese ersten fünf Treppenkäfer ihre Podeste.

Wie viele sind es heute?

Insgesamt 19 an der Zahl. Das heißt: leider nur noch 18. Ecki, der Um-die-Ecke-Käfer, wurde von der Wassertreppe gestohlen. Er ist nicht zu ersetzen, denn ein Gipsmodell wird ja beim Guss zerstört. Aber wir machen natürlich weiter.

Gibt es schon eine ­Vorstellung vom nächsten Zuwachs?

Zum nunmehr neunten Treppenfest am 3. September stellen wir wahrscheinlich ein neues Modell vor: Rosika. Die Käferdame macht gerade eine Lesepause, schaut in den Spiegel und schminkt sich die Lippen. Wir werden Spenden sammeln, damit sie bald – in Bronze gegossen – ihre Reize ausspielen kann. Ein Standplatz in der Nähe des Rosenkavaliers wäre für sie ideal. Er wartet schließlich schon lange auf ein Rendezvous.

Apropos Begegnung: Das JugendSozialwerk Nordhausen bietet viele Aktionen rund um die Treppenkäfer an...
Ja, wir nutzen sie für unsere pädagogischen Programme – auch im Jugendgästehaus Rothleimmühle. Es gibt eine spezielle Rallye, Treppensport, ein Suchspiel. Zudem beziehen auch Stadtführer die Käfer ein. Und am Sonntag, den 3. September, bitten wir ab 13 Uhr zum 9. Treppenfest auf den Petersberg.

Flotte Käfer überall - die Auflistung:

1. Max, der Gärtner an der Rähmen-/Schlunztreppe
2. der Rosenkavalier an der Frauenberger Stiege
3. Selina Marie, der Kinderkäfer, an der LGS-Treppe (Weberstraße)
4. Ecki, der Um-die-Ecke-Käfer (bis Mai 2017 an der Wassertreppe, wurde abmontiert und gestohlen)
5. der Wasserträger an der Wassertreppe
6. Treppenkäfer-Zug  an der LGS-Treppe (Weberstraße)
7. Froebicus vorm Rathaus
8. der Ziegler von der Nachtigallenpforte, an gleichnamiger Pforte
9. Moneti vor der Kreissparkasse
10. Jakob an der Neuen Lesserstiege
11. Doppelkörner Henry und Henriette an der Rähmentreppe (LGS-Gelände)
12. Lehi am Petriturm
13. Tele-Funny in der Rautenstraße
14. Humrich an der Altendorfer Stiege
15. Familie Käfer am Familienzentrum in der Puschkinstraße
16. Findulin an der Bibliothekstreppe der Hochschule, Weinberghof
17. Plasmolino in der Rautenstraße
18. Demokratikus vor dem Bürgerhaus/Stadtbibliothek
19. Parkwächter am Park Hohenrode

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