Ilja Richter über Georg Kreisler, "Disco"-Zeiten und alte Gewohnheiten
Sei ein liebenswürdiger Zeitgenosse

Ilja Richter, geboren im November 1952, agierte schon als Kinderstar im Theater und Fernsehen. Von 1971 bis 1982 moderierte er die Kultsendung „Disco“. Seither arbeitet der Berliner als Schauspieler und Autor.
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  • Ilja Richter, geboren im November 1952, agierte schon als Kinderstar im Theater und Fernsehen. Von 1971 bis 1982 moderierte er die Kultsendung „Disco“. Seither arbeitet der Berliner als Schauspieler und Autor.
  • Foto: Hannes Caspar
  • hochgeladen von Sibylle Klepzig

Ilja Richter bereichert die 25. Thüringer Tage jüdisch-israelischer Kultur mit einer Hommage an Georg Kreisler. Ich bat ihn vorab am Telefon, einige Sätze zu vervollständigen:

Georg Kreisler
ist für mich...
der größte Kabarett-Poet deutscher Feder. Deutscher Feder, weil er als ­Österreicher seine berühmtesten Lieder in deutscher Sprache geschrieben hat. Er war ein großer Wortschöpfer und ein Virtuose der klassichen Musik, hat das Chanson und das Couplet veredelt. Im Programm gebe ich – nicht nur wegen der jüdischen Kultur­tage – auch einige sehr typisch jüdische Lieder von ihm zum Besten, wie "Mein Weib will mich verlassen".

Durch Kreislers Brille...

so lautet der Titel des Programms. Was nicht heißt, dass ich Kreisler den ganzen Abend lang kopiere. Sondern: Er wird angetippt, kopiert, dann wieder fallengelassen bis zur nächsten Geste. Ich als Ilja betrachte die Welt durch Kreislers Brille – und habe immer noch meine eigene.

Als junger Mann schlug mein Herz...
schon für das Kabarett und das Chanson in dieser Form. So, wie manche aus ihrer Jugend Lieder von den Rolling Stones auf den Lippen haben, so singe und pfeife ich Georg Kreisler, wenn ich privat vor mich hinspaziere.

Den ersten Kontakt zu ­Kreisler hatte ich...

Mitte der 70er-Jahre, als ich ihn anrief und um die Melodie von „Onkel Joschi“ bat – für einen Sketch in meiner Musikshow „Disco“. Und ich war sehr erstaunt, dass er mich überhaupt kannte. In den 80ern haben wir uns in Berlin dann persönlich getroffen.

Der schlaksige Junge aus „Disco“-Zeiten...
erscheint mir heute – mit 64 Jahren – wie ein mir sympathischer entfernter Verwandter. Weil man, je älter man wird, nicht mehr die Person ist, die man einmal war. Es ist dassselbe Herz, aber ein anderes Bewusstsein.

Der Spruch „Licht aus! Spot an!“ von damals...

wurde von mir aus der Not geboren. Weil es mir peinlich war, einen Quizsieger zu hoffieren, der eigentlich keine besondere Leistung vollbracht hatte. Aber die Menschen kamen gern ins Fernsehstudio, um live dabei zu sein. Also wollte ich ein Ritual manifestieren – und präsentierte den unbekanntesten Menschen der ganzen Sendung so, als wäre es Liz Taylor oder Richard Burton. Ohne das Ganze zu ernst zu nehmen oder jemanden lächerlich zu machen.

Mein biederer Anzug in der ­glitzernden „Disco“-Show...
wurde oft als Konservatismus ausgelegt. Aber ich würde sagen: Ich bin ein ­Traditiona­list. Als Sohn alter Eltern und Verehrer von Kreisler wurde ich geprägt von älteren Menschen – was Erziehung, Mode und Haltung angeht. Ich liebe die traditionellen Formen der Höflichkeit und eine gewisse Form von Eleganz.

Der Weg vom „Disco“-Moderator zum Schauspieler mit Tiefgang war…
ein sehr direkter. Ich glaube, dass ich immer Tiefgang hatte. Nur ließ sich das in einer Show wenig umsetzen. Schwer war es danach vor allem, der Presse zu vermitteln, dass ich jetzt etwas mache, was mit dem vorherigen nichts mehr zu tun hat. Zehn bis 15 Jahre hat es gedauert, bis man mir das attestierte. „Er ist ein seriöser Schauspieler geworden“, ist aber ein falsches Kompliment, auf das ich gern verzichte. Ist denn das, was man im Entertainment macht, unseriös? Eine versaute "Pension Schöller" kann unterm Strich viel furchtbarer sein, als ein versauter Schiller. Denn da gibt es nicht diesen edlen Klassiker-Text, da stehen die Schauspieler in einer schlechten Inszenierung viel nackter da. Ob Schiller oder Schöller – es kommt drauf an, wie originär du das machst. Woher du das nimmst, warum du das machen möchtest.

Meinem 15-jährigen Sohn gebe ich mit auf den Weg...

sei ein liebenswürdiger Zeitgenosse. Das halte ich nach wie vor für eine erstrebenswerte Lebenshaltung. Denn es bedeutet nicht, buckelnd und widerspruchslos durchs Leben zu gehen. Die Kunst besteht darin, fortschrittlich zu denken und trotzdem sehr wohl von älteren Menschen bestimmte Formen des Umgangs zu übernehmen – ohne sich als Spießer im Lager der Angepassten zu befinden.

Von Beruf bin ich...
ein schreibender ­Schauspieler. Dass ich in einem Musical auch mal singe und tanze, das sollten Schauspieler können. Deshalb bin ich noch kein Sänger und Tänzer. Und dass ich zwei markante Disneyfiguren gesprochen habe – Erdmännchen Timon im „König der Löwen“ und Mike Glotzkowski von der „Monster-Uni“ – macht mich noch nicht zum Synchronsprecher. Aber ich bin eben auch Autor.

Meine Inspiration finde ich...
oft unterwegs. Ich kann sehr gut im Zug schreiben, auch im Tourneebus. Wenn alles vorbeischwebt – Bäume, Landschaften, Dörfer – das ist für mich inspirierend. Ich habe aber auch nichts gegen die private Atmosphäre des Ungestörtseins zu Hause im Sessel in meinem Salon, wenn alle elektronischen ­Störquellen abgeschaltet sind.

Ein Laptop ist für mich...
ein Gerät zum Schreiben. Ich nutze ihn erst seit zwei Jahren als Arbeitsmittel, schreibe nach wie vor gern mit dem Füllfederhalter. Aber seit ich entdeckt habe, dass das Korrigieren am Laptop eine so große Freude ist, möchte ich ihn nicht mehr missen. Ansonsten bin ich nicht technikaffin, nutze den Computer viel weniger für andere Dinge, als viele es tun.

Wenn ich einen Film anschaue,…
mache ich das nicht mal so nebenbei, sondern in einem geschlossenen Raum, wo sich alles auf den Fernsehschirm oder die Leinwand fokussiert. Da bin ich einfach zu sehr geprägt von Gewohnheiten, die aus einem anderen Jahrhundert stammen. Ich sehe den Film und schalte danach aus. Ich höre Radio und mache es danach wieder aus. Ich bin ein Hasser von Berieselung. Im Restaurant will ich nicht, während ich ein Schnitzel verspeise, parallel dazu die Katastrophen dieser Welt serviert bekommen. Trotzdem bin ich ein informierter Mensch. Aber Nachrichten möchte ich getrennt wahrnehmen. Ich bin auch kein Zapper, zappen macht mir schlechte Laune. Ein bisschen von dem, ein Häppchen davon und davon – das ist ein ekelhafter Cocktail. Ich mag es nicht.

Äußerlichkeiten sind…
nur Schein. Es kommt nicht darauf an, wie du aussiehst, sondern was du bist. Ich habe in meiner Verehrung für Kreisler mal folgende Liedzeile erfunden: „Ja wer sagt Ihnen denn, dass ich im Frack keine Bombe hab“. Das ist keine Gutheißung der Bombe, sondern ein Lied über die Voreingenommenheit. Nehmen Sie Kreisler: Er sah mit seinem Anzug und Schlips auf der Bühne aus wie ein Anwalt oder Börsianer – und sang dann Zeilen, die anarchistisch waren, etwa „Die Generäle sterben nicht von selber weg“.

Lieblingslieder von Kreisler…
habe ich einige. Dass ich „Mein Weib will mich verlassen“, „Zwei alte Tanten tanzen Tango“ und „Der Musikkritiker“ singe, ist selbstverständlich, weil das seine Fans lieben – und ich auch. Aber es gibt im Programm auch ein paar relativ unbekannte Chansons. Eins davon heißt  „Der Mann ohne Liebe“. Ein  ganz besonderes Lied über einen Mann, der unfähig ist, Liebe zu geben und der dann zwangsläufig auch keine Liebe erhält. Es ist nun mal ein Geben und Nehmen. Dieses Lied bringt es in affenartiger Geschwindigkeit mit unglaublichen Wortkaskaden pointiert auf den Punkt.

Mit einer Puppe auf der Bühne…
singe ich das politische Chanson „Anders als die anderen“.  Weil ich mir ähnlich wie Kreisler vornehme, das Messerscharfe, Wortwitzige, Kritische in etwas Liebenswürdiges, Freundliches einzupacken. So wie Kreisler die Worte mit Musik freundlich eingekleidet hat. Umso besser kann man die Inhalte transportieren.

Pianistin Sherri Jones ist…
eine Meisterin am Flügel. Kreisler selbst hat sie als die beste Interpretin seiner Kompositionenfavorisiert. Das gilt auch für ihre „Ausgrabungen“. Denn sie holte die von Kreisler vergrabenen Konzertstücke wieder ans Licht, die er in der Emigration in New York als sehr junger Mensch komponiert hatte. Sie arbeitete ihm zu, doch zum gemeinsamen Auftritt kam es nicht mehr: Kreisler ist vor der Uraufführung gestorben. Es ist wunderbar, dass Sherri Jones mit mir diese Hommage gestaltet.

Nach Kreislers Tod 2011 bat ich ihn in einem Nachruf, etwas von da drüben zu simsen…
und meinte das nicht ganz so konkret. Aber ich glaube schon, dass es eine gedankliche Verbindung zu den Vorangegangenen gibt. Wo genau kommt er her, der kreative Gedanke, der da plötzlich ist. Das wird immer ein Phänomen bleiben. Man kann sich zwar das Gehirn betrachten und bis zu einem bestimmten Punkt ergründen, warum einer eine solche Idee hat – aufgrund seiner Herkunft, seines Wissens, seiner Muster, nach denen er lebt. Aber die Idee selbst? Sie scheint aus der Luft gegriffen. Wer will mir da widersprechen, dass das nicht sehr oft Telefonate sind, ich nenne sie Lufttelefonate. Dass, wenn wir nachdenken über etwas, uns die, die schon vorangegangen sind, als Sphäre zur Hand gehen. Eine wunderbare Idee von Mozart ist doch nicht wirklich zu erklären. Oder lassen wir es im bescheideneren Rahmen: Du stehst irgendwo, denkst und fühlst etwas, was du dir nicht erklären kannst. Ohne sichtbaren Anlass bildest du eine Assoziationskette aus irgendetwas. Alles Telefonate, wir müssen sie nur anwählen.

Termine

„Durch Kreislers Brille“ – Ilja Richter singt Georg Kreisler,am Klavier Sherri Jones. Ein Beitrag zu den 25. Thüringer
Tagen der jüdisch-israelischen Kultur. Das komplette
Programm in allen Städten hier: www.juedische-kulturtage-thueringen.de

Hörproben von Georg Kreisler:
Mein Weib will mich verlassen

Der Musikkritiker

Zwei alte Tanten tanzen Tango

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