Nordthüringer lehrt die Kunst des Schwertes
Hauen, stechen, parieren wie im Mittelalter

Paul Becker lehrt das Kämpfen mit Schwert nach mittelalterlichem Vorbild.
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  • Paul Becker lehrt das Kämpfen mit Schwert nach mittelalterlichem Vorbild.
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Paul Becker bringt in seinen Kursen historische Kampfkünste nahe – und die Teilnehmer ordentlich ins Schwitzen.

"Haltet das Schwert so wie einen kleinen Vogel: Nicht zu locker, sonst fliegt es davon – aber auch nicht zu fest, sonst kann es sich nicht mehr bewegen.“ Der Hinweis von Trainer Paul ­Becker kommt an: Sofort ­lockern sich ­verkrampfte Hände. Und die Anspannung, die den acht Männern und zwei Frauen in der Runde ins Gesicht geschrieben steht, weicht einem Lächeln. Aha, fürs mittelalter­liche ­Fechten braucht man also nicht nur Kraft, sondern auch ­Gefühl. Das ist eine Lektion des Schnupperkurses. Viele weitere wollen die Teilnehmer lernen. Darum sind sie hier – in der Turnhalle im nord­thüringischen Ilfeld.

Authentische Techniken

Paul Becker lehrt ­in seiner Schule „In Motu“ keinen Schaukampf, sondern die wirklichen Kampfkünste vergangener Jahrhunderte. „Es geht um ­Körpermechanik und Schwertphysik, Muskel­kraft und Technik.“ Dafür hat der 30-Jährige die Fecht­bücher ­alter deutsch­­sprachi­ger Meister gewälzt und mittelalter­liche Geschichte studiert. Dass seine Schüler anfangs mit einem Schwert aus Schaumstoff oder gar einem Stock trainieren, macht die Sache einfacher. „Da ist keine Schneide, die exakt ausgerichtet werden muss. Einsteiger können sich so ganz auf ihre Körperbewegung ­fokussieren.“
Ohnehin war der Begriff Fechten im Mittelalter viel weiter gefasst als heute. „Wir denken dabei zuerst an die Sportdisziplin mit Klingen“, sagt Becker. ­„Unsere Vorfahren aber meinten damit alle Kampf­arten: vom waffen­losen Ringen  – einschließlich Hand- und Fußboxen – bis hin zum Einsatz von Stich- und Schuss­waffen.“

Niemals Blöße zeigen

Wohl dosiert vermittelt der Trainer zwischen den ­Übungen die nötige ­Theorie. Er erklärt den Schwertaufbau und das Hau-­Diagramm aus dem Jahr 1570, dessen Linien verschiedene Schlagrichtungen visualisieren. Per Beamer projiziert er eine Zeichnung an die Wand, verweist auf eine Diagonale. „Schlagt ihr gemäß dieser Linie von rechts oben nach links unten, habt ihr durch die Körpermechanik die meiste Kraft. Das ist der Zornhau. Probiert ihn aus.“
 Die Fechtschüler postieren sich im sicheren Abstand zueinander, vollführen den gewünschten Hau. Wieder und wieder. Becker beobachtet und korrigiert. „Steht ­immer aufrecht“, ­fordert er und ­demonstriert sogleich mit ­einem Teilnehmer, ­warum das so ­wichtig ist. „Sobald ihr im Kampf den Oberkörper nach vorn beugt, ist der Kopf ungeschützt. Ihr öffnet dem Gegner eure empfindlichste ­Blöße.“
 Nein, Blöße zeigen will niemand. Obwohl es heute – im Gegensatz zum rauen Mittelalter – nicht um die Ehre oder einen Gerichts­streit geht. „Zwistigkeiten wie diese waren einst der Grund, weshalb Fechtmeister überhaupt Anleitungen ­schrieben“, erzählt Becker. „Sie wollten Stadtbürger und Adlige auf Duelle vorbereiten.“ Wohl dem, der sich nicht ahnungslos mit seinem Gegner traf, um etwas auszufechten.

Fit auch im Kopf

Sieg oder Niederlage? Im Ilfelder Kurs spielt diese Frage keine Rolle. Den Fechtschülern geht es nicht ums Kräfte­messen, ­sondern um die Kombination von Geschichte und Sport. Der Softwareentwickler, die Ladenbesitzerin, der ­Maschinenbauingenieur – sie alle fühlen sich irgendwie hingezogen zur Mittelalter­szene. Jetzt wollen sie mehr über die Kampfkünste dieser Zeit erfahren, dabei kräftig schwitzen und etwas für Kraft und Kondition tun. Für Paul Becker steht es außer Frage: „Das Fechten hält fit. Auch im Kopf.“ Bei diesem Sport muss man sehr viel denken. Zudem, betont der Trainer, schult er die ­Konzentration und letztlich auch die Selbstsicherheit. „Denn wer seinen Körper und seinen Geist beherrscht, ist selbstbewusst.“

Kein wildes Haudrauf

Bevor der Kopf die Aktionen aber steuern kann, muss der Körper erst einmal wissen, was er aus­führen soll. Hauen, Stechen und Parieren – ­dafür hielten Fechtmeister wie ­Johannes Liechtenauer exakte Bewegungsabläufe fest. Becker lehrt diese Prinzipien, die noch heute gelten, „weil sich der mensch­liche Körper nicht geändert hat.“
 Der Nordthüringer kennt sich aus in dieser Welt, die er schon im Teenie-­Alter für sich entdeckte. Und zu der auch seine Berufswahl passt: Der zweifache Familienvater ist Ethiklehrer und ­Ausbilder im Gefechtsdienst der Bundes­wehr. Nach Dienstschluss taucht er ab in die Vergangenheit, schreibt sogar an einer Doktorarbeit zum Thema.
Ein Wissen, das er mit Leidenschaft an Fortgeschrittene, Lehrer und eben auch Neulinge weitergibt. Die staunen nicht schlecht, als sie plötzlich Medizinbälle werfen sollen. „Übertragt eure gesamte Kraft auf den Stoß“, fordert Paul Becker und erklärt die Körpermechanik. Beim Üben festigt sich im Nu seine nächste Lektion: „Um ein Schwert zu führen, muss die Kraft nicht aus der Hand, sondern aus dem ­ganzen Körper kommen.“

Kontakt: Paul Becker, Tel. 01 52 - 37 03 84 49, E-Mail: info@in-motu.de
www.in-motu.de und auf Facebook

Autor:

Sibylle Klepzig aus Nordhausen

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