Tod. Und danach? - Geteiltes Leid ist im Trauerfall oft tatsächlich halbes Leid

"Tod. Und danach?" titelt der Vortrag von Kristin Haustein und zwei Co-Referenten am 1. Dezember in Saalfeld.
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Tod und Verlust gehören zum Leben. Dennoch wollen viele Menschen möglichst wenig Worte darüber verlieren. Im Trauerfall um Beistand zu bitten, wird oft als Schwäche ausgelegt, weiß die psychologische Beraterin Kristin Haustein.

Wenn wir trauern, jemanden oder etwas Liebgewonnenes loslassen müssen, so ist das ein Sterbeprozess, der unser Innerstes berührt, weiß Kristin Haustein, Sozialpädagogin und psychologische Beraterin aus Saalfeld. Mit zwei Co-Referenten wagt sie sich am 1. Dezember in einem Vortrag an ein Thema, das zwar alle Menschen irgendwann betrifft, was aber viele lieber aus ihrem Leben ausschließen möchten. Dabei sei es möglich, friedvoll Abschied zu nehmen. Manchmal funktioniere das aber nur mithilfe dritter, nicht involvierter Personen. AA-Redakteurin Jana Scheiding hat mit Kristin Haustein über Tod, Trauer und Verlustängste gesprochen.

Was passiert, wenn wir trauern?
Mit dieser Situation geht jeder Mensch anders um. Einer ist relativ schnell wieder stabil, ein anderer gerät in einen Strudel, aus dem er nicht herausfindet. In extremen Fällen werden Menschen krank – entwickeln Essstörungen oder bekommen einen Burnout durch körperliche Überlastung. Wer ständig auf der Suche nach einem Ausgleich für den Verlust ist, gerät möglicherweise in Abhängigkeit oder denkt über Suizid nach. Mit Beistand auf geistiger Ebene können Betroffene die Dinge wieder in eine positive Richtung lenken.

Indem sie sich Freunden oder der Familie mitteilen?
Das ist eine Möglichkeit. Allerdings sind Nahestehende oft in den Trauerprozess involviert. Sie besitzen daher nicht den emotionalen Abstand, der für die Trauerbewältigung nötig ist. In meiner Praxis habe ich erlebt, dass Familien auseinander brachen, weil sich ein trauerndes Mitglied zu sehr auf die übrigen Familienmitglieder fokussierte. Das kann tragischerweise schnell zu Überforderung oder gar Abneigung führen.

Es gehört Mut dazu, sich einer außenstehenden Person anzuvertrauen…
Das ist mir bewusst. Viele Menschen sind von ihrem gesellschaftlichen Umfeld derart geprägt, dass ihnen diese Bedürftigkeit als Schwäche ausgelegt wird. Wie es im Inneren aussieht, geht niemanden etwas an - diese Haltung stammt aus einer Zeit, in der die Menschen die Zähne zusammenbeißen und eine negative Lebenssituation durchstehen mussten. Heute wissen wir: Es ist nicht hilfreich, psychische Belastungen zu ignorieren.

Es ist also ratsam, die Trauer zu bewältigen?
Ja. Dieser Prozess kann lange dauern, wobei das erste Jahr häufig die intensivste Zeit im Trauerprozess ist. Man denkt ständig darüber nach, was man vergangenes Jahr um diese Zeit mit dem Verstorbenen erlebt hat. Das verblasst erst nach und nach.

Anderswo auf der Welt sind Tod und Verlust selbstverständlich – warum wollen wir davon nichts hören?
Das Bestreben, ewig jung und gesund zu bleiben, das Leben zu genießen, ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Dabei bauen wir aber auf etwas, das der Veränderung unterworfen ist, wiegen uns sozusagen in falscher Sicherheit. Wir wollen immer weiterwachsen, immer besser sein, immer mehr anschaffen. In diesem Prozess müssen wir jedoch gelegentlich innehalten. Wir können nicht nur einatmen, sondern müssen auch ausatmen. Wir sollten uns die Zeit für Besinnung nehmen und darin das, was uns besonders gut tut, wertschätzen - das Gefühl der Dankbarkeit auskosten. Gerade weil nichts von ewiger Dauer ist, ist es lohnenswert, sich mit dem Tod zu beschäftigen, ohne dabei in Verlustängste zu geraten.

Haben Sie Verlustängste?
Ja, natürlich. Seit ich Mutter bin, bin ich verwundbarer geworden. Ich weiß, dass ich meinem einjährigen Sohn Freiheiten gewähren muss, um seine Entwicklung zu fördern. Wenn ich aber daran denke, dass ihm etwas zustoßen könnte, gerate ich in Sorge. Doch ich spüre die Sackgasse, weil ich in diesem Moment von meiner Dankbarkeit abgeschnitten bin.

Was raten Sie jenen, die den Glauben an eine Sache oder an sich selbst verloren haben?
Ihnen empfehle ich, sich jemandem mitzuteilen. Vielleicht hat die Vertrauensperson einen guten Vorschlag oder sogar die Lösung für eine ausweglos erscheinende Situation.

Weshalb ist es wichtig, loszulassen?
Um etwas Neues zu empfangen. Wenn ich eine Situation, einen Lebensabschnitt nicht abschließe, werde ich niemals kreativ und wirklich bereit sein, mich weiterzuentwickeln. Ich hatte nach einem Vorstellungsgespräch eine Absage erhalten. Drei Tage lang haderte ich mit mir, zerbrach mir den Kopf. Als ich mit Vertrauen auf dieses Ereignis blicken konnte - es wird sicher seinen Sinn haben, dass es so gekommen ist - war ich wieder zuversichtlich und voller Tatendrang. So schrieb ich an Bekannte in der Schweiz. Mit dem Ergebnis, dass ich zwei Jahre dort lebte und arbeitete. Sie hatten eine Lösung, die zu diesem Zeitpunkt für mich die richtige war. Doch ich wäre nicht dorthin gekommen, wenn ich weiter an meinen Vorstellungen und Gedankenschleifen festgehalten hätte.

Termin:
Vortrag "Tod. Und danach?", 1. Dezember, 18.30 Uhr, Apotheke Von Hirschhausen, Saalfeld, Obere Straße 1a.
www.spektrumherz.de

"Tod. Und danach?" titelt der Vortrag von Kristin Haustein und zwei Co-Referenten am 1. Dezember in Saalfeld.
Kristin Haustein ist psychologische Beraterin in Saalfeld.

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