„Ich versuche es auf meine Art“

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Jürgen Reinhardt ist auf den Rollstuhl angewiesen und zeigt wie er die Gegebenheiten in seiner Heimatstadt meistert.

Langsam nähert sich Jürgen Reinhardt im Rollstuhl dem Bordstein, verlagert das Gewicht nach hinten, sodass vorn die beiden kleinen Räder leicht in die Höhe gehen. Vorsichtig fährt er den Absatz hinunter. Geschafft. Im Jonglieren auf zwei Rädern ist Jürgen Reinhardt geübt, die kleinen Bordsteine sind kein Problem für ihn. Denn der 33-Jährige versucht sich auch im Rollstuhl den Gegebenheiten der Gehwege und Zugänge anzupassen, sie auf seine Art zu passieren. Was wir mit einem größeren Schritt bewältigen, muss er auf andere Art schaffen.

In seiner Heimatstadt Kölleda kennt sich Jürgen Reinhardt bei den Wegen und ihren Beschaffenheiten wohl am besten aus. „Ich weiß genau, wo ich über abgesenkte Bordsteine fahren kann. Sie dürfen nur nicht zugeparkt sein.“ Auf dem Gehweg der Weimarischen Straße beispielsweise fährt er linksseitig problemlos und barrierefrei. Zur Rathaustreppe schaut er dagegen hilflos hinauf. Doch der Rollstuhlfahrer hat sich an vieles gewöhnt und weiß sich zu helfen.

„Wenn ich aus dem Rathaus jemanden sprechen möchte, fahre ich ins Bürgerbüro, trage mein Anliegen vor und bitte darum, dass jemand zu mir kommt.“ Denn ins Bürgerbüro kann er ungehindert auf einem angeschrägten Weg hineinfahren. Das ist auch ein Vorteil für die Kölledaer, die auf einen Rollator angewiesen sind. „Sie haben ähnliche Probleme wie ich“, schätzt Jürgen Reinhardt und Kerstin Zienecke bestätigt dies. Jedoch nicht im vollen Umfang. „Ich schicke lieber meinen Mann ins Rathaus, denn die Treppen dort schaffe ich auch nicht mehr. Aber im Gegensatz zu den Rollstuhlfahrern überqueren wir die Straße langsamer, da wir auch nur langsam laufen können. Hier wären noch mehr Fußgängerampeln in Kölleda ein Vorteil. Und die Grünphasen dürfen nicht zu kurz eingestellt sein.“

Unterwegs mit ihrem Rollator erlebt Kerstin Zienecke oft hilfsbereite Menschen und auch der Busfahrer hilft gern. Bei Jürgen Reinhardt kann ein Busfahrer allein nicht viel ausrichten. Zudem ist die Bordsteinkante am Busbahnhof sehr hoch. „Hier kann ich nur in Niederfuhrbusse problemlos einsteigen. Doch die fahren selten“, bedauert Jürgen Reinhardt.

Erreichen Gehbehinderte leicht die Räume des sanierten Rittergutes, sieht es bei den Treppen zum Heimatmuseum anders aus. „Da komme ich nicht rein. Man hat mich mal hochgetragen, aber das war anstrengend“, erinnert sich Jürgen Reinhardt. „Ich bin aber Realist und lege mehr Wert auf Barrierefreiheit bei Neubauten, als im Nachgang bei älteren Häusern. Denn im Großen und Ganzen, kann man sich mit einem Rollstuhl gut und ungehindert durch Kölleda bewegen.“ Wege mit altem Granitstein gibt es auch noch, aber da muss er nur selten entlang. Und Umwege gehören der Vergangenheit an, so wie damals als in den 90er-Jahren die Brückenstraße noch nicht saniert war.

„Manchmal ist mir das Fragen peinlich. Dann mache ich es ­lieber selbst.“

Wenn der 33-Jährige Rollstuhlfahrer in die Zukunft schaut, sieht er allerdings die mit dem Alter weniger werdende Kraft als Problem. „Bergan kostet viel Kraft. Noch ist es für mich leicht. Aber ich weiß, dass es für ältere Rollstuhlfahrer ein Problem ist.“ Solange es geht, will Jürgen Reinhardt es allein und ohne Hilfe schaffen. „Ich bin abgehärtet. Manchmal ist mir das Fragen zu peinlich, da mache ich es lieber selbst, versuche es auf meine Art.“

Autor:

Sandra Rosenkranz aus Sömmerda

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