DDR-Rocklegende
"Die waren anders als ich" - aus dem Musikkästchen plaudert Rocker "Kani" aus Weimar

Rocklegende Bernhard Kanhold "Kani"
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Bernhard Adolf Kanhold „Kani“, Jahrgang 1944, startete mit den „Amigos“ 1961/62 im Weimarer Volkshaus seine Bühnenkarriere. Er spielte in den 1970er-Jahren bei „Polyphon“ und „Elephant“ mit Ute Freudenberg. Das Weimarer Urgestein sang mit Nina Hagen, rockte und alberte mit „Fritzens Dampferband“ - ab 1984 "Berliner Dampferband" - zwölf Jahre durch die Lande, sorgte mit „Rest of Best“ bei Olympischen Spielen für Stimmung, wird zur Hochzeit von Ex-Boxer Axel Schulz in die Staaten eingeflogen und hat stets einen lockeren Spruch drauf. 

Der Weimarer King Of Rock 'n' Roll ­„Kani“ ­antwortet auf Schlagworte von ­AA-Redakteur Thomas Gräser

Kani bedeutet im Kurdischen „die Quelle“, im Walisischen „hübsch, schön“ und im Afrikanischen: „der Kraftvolle, der Starke, der Energievolle“.
Stimmt alles. Da muss ich erst 73 Jahre werden, um das zu erfahren. Bisher kannte ich nur meinen Spitznamen als Modelabel. 

Rock 'n' Roll
Mein älterer Bruder war 1954 zum Deutschlandtreffen der Jugend in Berlin und holte sich in Westberlin eine Platte von Bill Haley. Da wurde ich von dieser Musikrichtung infiziert. Weihnachten 1957 erhielt ich eine Gitarre, die lag ein Jahr rum. Dann habe ich mich an sie auto­didaktisch rangewagt.

„Kani“ – der Querolant
Ich habe keinem was getan, wollte nichts Böses. So ist es heute noch. Doch die DDR-
Obrigen, vor allem in Weimar, sahen das wohl anders. 1967 haben sie mich aus dem Weimarer Schwanenseebad heraus mitgenommen und in den Knast gebracht. Dort wurden mir die Haare geschnitten. Für damals waren die halt zu lang. Als bei uns der Film „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ rauskam und ich daraufhin die Frisur von Yul Brynner trug, hieß es wieder: „Wollen sie uns mit der Glatze provozieren?“ Die waren anders als ich und ich anders als sie. Schließlich wurde ich sieben Mal verboten.

Michael Fritzen
Das war eine Zeit. „Fritzens Dampferband“, später „Berliner Dampferband“ war eine Granate. Die haben mich 1980 um 4 Uhr morgens abgeholt mit den Worten: Jetzt bist du kulturmäßig verhaftet und ins Auto verfrachtet. Zwölf Jahre war ich in dieser Berliner Band.
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Anglizismen
Schon wenn ich auf die Bühne kam, mein Hemd aufriss und rief „Are You Ready?“, zuckten die Aufpasser zusammen. „Herr Kanhold, wir sind hier nicht in Amerika.“ Schon so ein Ausruf brachte Ärger. Oder wir tanzten Kalinka. Das Programm wurde unterbrochen wegen Verunglimpfung sowjetischer Kultur. In der Sowjetunion haben sie uns dafür gefeiert. Da tanzten Menschen mit uns auf der Bühne. In der DDR wurde halt vieles zu eng gesehen.  

Stripperin
Damals überlegten wir in „Fritzens Dampferband“: Wir müssen was machen, die schlafen ja alle ein. Mensch, wir bauen eine Striptease-Nummer ein. Im Kasseturm hieß es: Du kannst hier spielen, wenn du die Nacksche mitbringst. Ich hab die Puppe angerufen, halbe Stunde 400 Glocken. Sie setzte sich in den Zug und kam. Die haben gesagt, Mensch der ist bei „Fritzens Dampferband". Der hat bestimmt eine Sondergenehmigung. Quatsch, das haben wir einfach so gemacht. 

Anmache
Deine spaßige Anmache war stets: „Let's Spend the night together“ (Lass uns die Nacht miteinander verbringen) von den Rolling Stones. Das ist Rock'n Roll, Baby. Heute sage ich eher: Ich bin kein Mann für eine Nacht. Der Spruch geht auch ab.

Erfurter Stadtgarten

Hier habe ich in den 1970er-Jahren meine Einstufung erlebt, die sogenannte „Auftrittspappe“ erhalten. Da musste ich zwei Programme vorführen. In Erfurt war das lockerer als in Weimar. Ich bin doch damals wie große westliche Musiker in Rüschen­hemden aufgetreten. Da haben sich so manche von der Kulturabteilung abwertend geäußert: „Die Musiker sind durchgedreht, die tragen jetzt Frauenblusen.“ Das war schon grausam vor solchen Hinterwäldnern aufzutreten. 

Peter "Eingehängt" Meyer („Puhdys“)
Während meiner Berliner Zeit habe ich bei Peter gewohnt. Nach der Wende – bei den Puhdys lief es nicht so – kam er nach Weimar und spielte 1989 mit mir im „Dampfermix“ für ein halbes Jahr.

Die Bühne
Das lebe ich aus. In früheren Jahren bin ich da auch mal von hinten nach vorn auf dem Bauch gerutscht, um mir das Mikrofon zu schnappen. Da war was los. Dann ist da aber ja noch die ernste Bühne. Schauspieler und Regisseur Thomas Thieme holte mich mit den Worten „Kani, du bist der König von Weimar“ ans DNT. Wenn dann von Rang ertönt: „Kani, lass die Sau raus“, musst du dich zusammenreißen. Dagegen konnte ich es mit Thomas – im Gasthaus in Taubach während der Kunstfeste – deftiger angehen. „Anna Amalia, Darling“.

Walk of Fame
Ich habe auch einen Stern, aber nicht in Hollywood. Der ist neben meiner Schwelle in der Brauhausgasse ins Pflaster gesetzt worden. Ein Geschenk von einem Fan, Horst Rudolph. Dessen Tochter, Malermeisterin Kathrin Nittel und ihr Mann Peter, veranlassten das zu meinem 70. Geburtstag.  

Nachwuchs
Zum Zwiebelmarkt stehe ich schon mal mit jungen Talenten auf der Bühne. So geschehen mit Paula Malou Dolinschek, Agnes Weidenbach oder Jacob Heidel. Die Jugend muss man fördern.

Politik und Zeitgeschehen
Ich habe mich 20 Jahre in der CDU engagiert. Doch dann habe ich mich losgesagt, da ich nicht mehr mit der Politik zufrieden war. Hauptsache ist aber, das Frieden bleibt. Und uns erspart bleibt, was unsere Eltern erlebt haben. Und ich möchte mich weiterhin sozial engagieren, für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stehen. Deshalb sind mir auch „Weihnachten bei Sophie“ und Benefizkonzerte für die Weimarer Tafel so wichtig.

Termin

Viele solche Episoden über Muggen in der DDR werden wohl zum Stadtgarten-Treffen am 2. September, 20 Uhr, zu hören sein. Da werden auch „Passat“, „Joys“, die Gebrüder Sack, Kani, Sifte und „Hans die Geige“ dabei sein. Karten: Pressehaus Erfurt (Meyfartstraße) und Touristinformation


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