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Domstufen-Festspiele: Troubadour einmal ganz gesehen/ Fortsetzung des Premierenartikels

Andrea Schilling (Lunas Kampfhure), Todd Thomas (Conte di Luna)
Andrea Schilling (Lunas Kampfhure), Todd Thomas (Conte di Luna) (Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt)
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Eifersucht, Racheschwur und Scheiterhaufen aber auch Nonnenweihe und Zigeunerlager, das sind Zutaten zu Verdis Troubadour. Das Theater Erfurt räumte mir die Möglichkeit ein das Stück, nach Premierenabbruch wegen Gewitters, über die gesamte Spieldauer noch einmal zu beurteilen. (siehe Text zur Premiere)

Im dritten und vierten Akt entwickelt sich der Verdische Troubadour enorm dramatisch. Samuel Bächli dirigiert mit Umsicht, obwohl er auch bei der dritten Vorstellung nicht immer die Verdischen Spannungsbögen vermitteln kann. Dafür gelingen ihm die dramatischen Momente besser. Die könnten zwar manchmal forcierter sein, aber es gelingt Bächli schon die Tiefen auszuloten. Jedes spöttische Lächeln vergeht, wenn Bächli mit dem Orchester den Feuer-Atem der Verdi-Musik im 3. und 4. Akt spielt. Da ist er stärker als in den Akten vor der Pause. Lodernde Flamme wird das Orchester auch in der Szene zu Manricos Kampflied, wo Azucena und Manrico eine glühende Canzone anstimmen. Vom Chor der Nonnen und Krieger grundiert, gelingt auch das große „Pezzo Concertato“ des zweiten Finales.

Elena Stikhina beteuert als Leonore ihre hingebungsvolle innige Liebe zu Manrico mit einer Kantilene und mit einem wuchtigen Akzent beschließt Bächli diese Szene. Auch das Miserere im letzten Akt wird zu einer Schauerballade aus einem mythischen Hell-Dunkel-Raum. Gespeist von Urkräften blüht der wundersame mehrstimmige Gesang, der über den vereinzelten Glockenschlägen ertönt. Hier treiben die Akteure die Gesangslinien bis an die Spitze des sinnlichen Ausdrucks, der auch mit den Bildern der Regie harmoniert. Der Geist der getöteten Zigeuner-Mutter schlägt diesen Gong, umhüllt von sphärischem Licht. Das ist ein Sternaugenblick der Aufführung.

In Höhen und Tiefen brillieren auch die Sängerinnen Elena Stikhina als Leonora und Agnieszka Rehlis als Zigeunerin Azucena. Elena Stikhina als Leonora singt in allen Registern brillant, nur die Lautsprecheranlage will da nicht immer mitgehen. Das ist sehr schade, denn der Hörer wird damit um den Genuss müheloser Koloraturen gebracht. Die Arie: D’amor sull’ali rosee im 4. Akt singt sie mit solcher Vollendung, dass die Zuschauer minutenlang applaudieren. Was für ein Hörgenuss!

Agnieszka Rehlis als Zigeunerin Azucena erweist sich als stimmliche Traumbesetzung und sie ist auch noch schauspielerisch großartig. Ihre Rollenverkörperung muss man als perfekt einschätzen. Ein angemesseneres Kostüm hätte den Eindruck auch optisch vervollkommnet. Ihre Stimme zwischen Mezzo und Alt trifft jeden Ton mit Volumen und innerer Wärme. Hörgenuss und Ohrenschmaus!

Nicht ganz so brillant sind die Männer: Eduard Martynyuk als Manrico und Todd Thomas als Luna. Beide spielen ihre Rollen immer besser, haben aber in den oberen Lagen ihre Schwierigkeiten. Vor allem Martynyuk quetscht die hohen Töne aus, da hilft ihm auch keine Technik. Todd Thomas mit seinem Eifersucht-Hinterlist-Bariton singt mit gefährlicher Stimme den Grafen Luna. Die Höhen-Register liegen ihm aber auch weniger.

Der Chor entfaltet sich besser als in der abgebrochenen Premiere, beim Gesang über die Zigeunerfreuden entsteht weniger Leiereffekt und mehr südländischer Schwung. Dazu kommen die scharf hämmernden Begleitakkorde im Dreiviertel-, Dreiachtel- und Sechsachtelrhythmus nicht verschleppt, sondern realistisch scharf vom Orchester unter der Bühne.

Neben dieser musikalischen Qualität wirkt die Bühnenregie Jürgen R. Webers eher durchwachsen. Es gibt einige starke Bilder: der Beginn mit Hinrichtung, die Kriegsszene mit der Flammenprojektion auf den ganzen Dom, die schon erwähnte Gongszene zum Miserere, da zieht er den Zuschauer hinein und schafft starke Bilder. Bei allen kämpferischen Szenen findet aber mehr Kampf-Posing als realistisch anmutende Auseinandersetzung statt. Auch die kampfbereiten Fächerwedel-Auftritte Leonoras ändern daran nichts. Seine Personenführung bleibt oft statisch und ähnelt mehr einer Familienaufstellung in der Psychotherapie als einer Theater-Dramaturgie. Gerade die großen Projektionsflächen des Dom-Ensembles nutzt er nur einmal wirklich, ansonsten konzentriert er das Geschehen auf das links platzierte Bühnenpodium, womit er auch alle rechts sitzende Zuschauer von der Handlung weghält.

Viele Chorszenen spielen sich unbeleuchtet ab, dabei kann man gerade auf der Bühne Dunkelsituationen auch mit entsprechenden Lichteffekten gut suggerieren. Durch die beigefarbenen Kostüme nimmt der Zuschauer den Zigeuner-Chor zwar als Ganzes wahr, weiß aber im Detail nicht so genau, was da passiert. Einige der Hauptakteure sind in diesen Situationen fast gar nicht wahrnehmbar.

Die Kostüme Hank Irwin Kittels tragen wenig zu einem besseren Verständnis der Handlungsabläufe bei. Vor allem die Einkleidung des Chores in seltsame Beduinen-Außerirdische schafft eine surreal-archaische Uniformität, der man die Freuden des freien Zigeunerlebens nur bedingt abnimmt.

Den musikalisch auf einen finalen Höhepunkt getriebenen Schluss vergeudet Jürgen R. Weber dann wirklich vollkommen sinnlos. Mit einem unglaublich dilettantischen Schmierentheatereffekt lässt Regisseur Weber den Grafen Luna seinem Liebeskontrahenten Manrico mit einem Riesentaschenmesser den Kopf abschneiden und hochhalten. Dieses so ungeschickte Ende hat dieses starke Stück wirklich nicht verdient!

Jeder neugierige Zuschauer kann sich allerdings selbst ein Urteil bilden. Musikalisch lohnt sich ein Besuch der diesjährigen Domstufen-Festspiele auf jeden Fall.

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