Samstag 21.Oktober 20:00 Uhr
Scorbüt

Ceci n`est pasl`EUROPE!Caroline du Bled  & scorbüt machen Rio Reiser.Ihre Fassungen sind deutsch und französischdurchwoben, mal gegen die Welle schwimmend mal mit dem Sturm brüllend. Die impulsiveFranzösin greift nach dem König der deutschen Rebellions-Poesie. Sie streichelt
sensibel über seine mit Zorn geladenen Textzeilen, um sich dann plötzlich
infizieren zu lassen: aus alten Scherben blitzen neuartige Splitterkanten.            Im Zeichen europäischer Grenz-Krisewerden Reisers Lieder übers Meer genauso brisant wie seine utopischen Würfe.
Ein Pop-Song der 80er erklingt in Fado-Traurigkeit als Chanson Existentialiste; oder aus einem rauen Protestsong entfaltetdie Sängerin eine zeitgemäß-provozierende Erotik des Politischen. Diese
zeitgenössischen Interpretationen gehen unter die Haut. Dabei spielt Heiko
Michels seine „unklassische” Konzertgitarre mit viel Flamencowut und
interveniert auch immer wieder gesanglich. Am Schlagwerk sitzt der klassische
Perkussionist Gilson Cardoso. Er trommelt, schlägt und pulsiert auf Cajon,
Ölfass und vielem anderen.             Man erlebt drei Künstler, die sichmit minimalistischem Instrumentarium live auf der Bühne am spannenden Material
einer verstrichenen Epoche abarbeiten. Mal nah am Original, mal hämisch bis
melancholisch zurückblickend, fischen sie in unserem kollektiven Gedächtnis.Rio Reiser aufeuropäisch?„Mach Dich bereit fürden Kampf ums Paradies!“, brüllt Rio ins Mikro. Um dann wieder sanft das
Publikum zu beschwören: „Ich bin jetzt wach... gib mir Deine Hand... es geht
Schritt für Schritt ins Paradies“. Dieses Pathos berührt heute peinlich bis
ironisch. Und gleichzeitig: die Wortwahl könnte 1:1 aus einem IS-Bekennervideo
stammen.Die Utopien scheinenvor die Mauern Europas ausgewandert zu sein. Und gleichzeitig schwimmen die
„Blinden Passagiere“, die Reiser in seinen früher oft belächelten Meerliedern
als Metapher aufruft, heute sehr real im Mittelmeer. 
Die feinsinnigen Bearbeitungen von scorbüt machen den Blick für diese
Interferenzen frei. Und gerade wenn alte Hits und Schlagwörter teils auf
französisch auftauchen, erkennt man neu ihre Schönheit und die sehr eigene
Kraft, die Rio in sie hineinzulegen verstand. Und dabei fragt man sich
plötzlich, wo wir da heute stehen. Wo Reiser noch sehr sicher immer und immer
wiederholen konnte „Dieses Land ist es nicht!“, scheint Bedrohung und Angriff
auf Freiheit und Menschlichkeit heute von jenseits des Nationalstaats zu
greifen. „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?“. Scorbüt finden keineInseln. Aber ihr Konzert legt die Brüche zwischen damals und heute frei, die
Wunden und Ironien. Und damit das allgemeine Unwohlsein in Europa zwischen
Finanzgewalt und Stacheldrahtaußengrenzen: denn eins spüren wir sicher, DIESES
Europa kann es nicht sein, Ceci n`est pas l`EUROPE!
Eintritt 10 Euro/ 7 Euro ermäßigt.

Autor:

mon ami aus Weimar

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