Geschichten aus dem Museum für Ur- und Frühgeschichte Weimar
Teil 2: Ammonshörner und Kelten

Ich stamme aus Apolda. Mein Vater war am Wochenende und eigentlich jede freie Minute unterwegs. Er war Hobbyarchäolge und buddelte vornehmlich in der Weimarer Umgebung und dem Ilmtal herum, immer auf der Suche nach Schätzen und in seiner Fantasie vielleicht sogar noch Gold.
Nun war ich in der Pubertät also alt genug, seiner Meinung nach, um mitzukommen und mitzubuddeln.
Es war eine mühselige, oftmals schlammige oder staubige Angelegenheit aber es dauerte nicht lange und ich fand erste "Schätze". In der Hauptsache waren es Ammonshörner. Immer wieder fand ich diese Kopffüssler aus der Zeit des Unterdevons bis zum Ende der Kreidezeit. So viele hatte ich irgendwann, dass ich eine kleine Ausstellung bei mir zu Hause eröffnete und mich fühlte wie ein Museumsdirektor.
Doch das sollte nicht alles sein. Eines Tages machte ich ganz in der Nähe Weimars einen spektakulären Fund. Ein Artefakt aus der Keltenzeit. Ich behielt diesen Fund für mich. Zunächst wollte ich das Objekt selber anschauen und die Freude des Fundes lange auskosten.
Ich besuchte das Museum für Ur- und Frühgeschichte, doch in seiner Sammlung befand sich damals, Anfang der 80er Jahre nichts aus keltischer Vergangenheit.
Bis 1989 stand es in meinem Zimmer und erfreute mich, dann veränderten sich in der DDR die politischen Verhältnisse. Ungarn machte die Grenze auf und meine Freunde, Bekannten und auch Teile meiner Familie ergriff die Chance zur Flucht in die Freiheit.
Viele Nächte habe ich damals nicht geschlafen und mir lange überlegt, ob ich auch gehen soll. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich nicht mehr überlegte ob, sondern wie ich in die Freiheit der BRD gelangen würde.
Der Plan war simpel. Unauffällig wollte ich meinen Besitz auflösen, heimlich nach Ungarn reisen und dann die Flucht über die Grenze bei Szopron nach Österreich wagen.
Aber vorher hatte ich noch etwas wichtiges zu erledigen, denn es gab ja noch meine Sammlung mit dem keltischen Artefakt.
Ich packte die Sammlung zusammen, fuhr nach Weimar ins Museum für Ur- und Frühgeschichte und übergab dort alles. Großes Erstaunen dort über das keltische Objekt. Man wollte genau wissen, wo und wie ich es ausgegraben hatte. Funde aus dieser Kultur waren bis dato in Weimar und seiner Umgebung unbekannt. Ich war wirklich stolz auf mich und freute mich, dass das Museum so ein seltenes Exponat von mir bekam.
Meine Flucht in die Freiheit gelang, jedoch kehrte ich nach einigen Jahren wieder in meine Heimat zurück.
Ich bin inzwischen Rettungssanitäter und fahre auf einem RTW. Manchmal sieht mein geübtes Auge vom Rettungswagen aus Sondengänger im Wald bei Jena und dann kribbelt es mir wieder in den Fingern.
Heute weiß ich, dass man Archäologen keinen Gefallen tut, wenn man auf eigene Faust Grabungsstätten umwälzt oder im Museum Objekte abliefert, die von ganz woanders herstammen. Deshalb lasse ich es.
Mit meinen Kindern jedoch bin ich regelmäßiger Gast im Weimarer Museum und dann erzähle ich ihnen von meinen Abenteuern aus meiner Jugendzeit. Wer weiß, vielleicht wird eines von ihnen mal Archäologe und führt offiziell die Tradition meines Vaters und mir fort.

Gerhard W, Hobbyarchäologe und Rettungssanitäter, Apolda

Haben sie auch eine Geschichte, die mit dem Museum zusammenhängt und die erzählt werden soll? Dann setzen sie sich mit mir in Verbindung.

Autor:

Fräulein Giftgruen aus Weimar

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