Geschichten aus dem Museum für Ur- und Frühgeschichte Weimar
Teil 3: Der Notausgang

Acht Wochen Stoppelferien hatten wir im Sommer und wenn ich mich so an meine Schulzeit ab 1974 in der DDR erinnere, dann muss ich sagen, dass mir diese schöne Ferienzeit doch oft ziemlich lang wurde. So viel freie Zeit, heute ein Traum, bedeutete damals für mich und meinen Zwillingsbruder auch oft gähnende Langeweile. Unsere Schulkameraden waren an der Ostsee oder in Ungarn und wir bereits zurück, von unserer Urlaubsreise nach Tschechien, Rumänien, Bulgarien oder dem FDGB Heim im Thüringer Wald.
Damals galt es, die freie Zeit sinnvoll zu füllen und sich  zusätzlich ein paar schöne Ferienerlebnisse zu verschaffen. 
Spontan fielen uns da immer zwei Sachen ein. Erstens, das Kino oder zweitens, das Museum für Ur- und Frühgeschichte in unserer Heimatstadt Weimar.
Meistens konnten wir uns gar nicht entscheiden und überlegten auf dem Weg vom Kirschbachtal in die Stadt, welcher Idee wir den Vorzug einräumen sollten. 
Die Streiche der Olsenbande und der quirlig - bockige Louis de Funès oder das Museum, mit seinen interessanten Funden. 
Diesmal hatten wir unsere Groschen zusammengekratzt. Eine Mark hatten wir und das reichte genau fürs Museum. Also war die Sache klar und wir schwenkten ein, in die Amalienstrasse, um das Museum zu besuchen. 
Wir waren nicht das erste Mal da. Mit der Schule waren wir schon dort gewesen und auch mit unseren Eltern. Wir wussten genau, was uns hier erwartete.  
Die Interessen waren klar aufgeteilt. Ich drückte mir die Nase an den Vitrinenscheiben platt, in dem Schmuck und manchmal auch Textilien ausgestellt waren. Mein Bruder interessierte sich für die Waffentechnik. Die Skelette der gefunden Menschen mit ihren Grabbeilagen fanden wir damals fetzig. Heute würde man vermutlich "cool" sagen aber das Wort war uns zu jener Zeit völlig unbekannt.
Das Highlight war immer die Höhle mit den Urmenschen. Damals war diese figürliche Darstellung mir Figuren, die um ein Feuer sitzen, das mit elektrischem Licht dargestellt wurde, das absolut Neueste seiner Zeit und auch der Höhepunkt für uns. Heute gibt es die Höhle gar nicht mehr.
Generell nahmen wir uns immer viel Zeit, um uns alles anzuschauen, wir vermaßen das Museum regelrecht. Was im nächsten Raum auf uns wartete, das wussten wir ganz genau und es war trotzdem jedes Mal eine Neuentdeckung für uns.
Am Ende des Museumsrundgangs befand sich eine Tür, mit einem Notausgangsschild. Schon oft hatten wir davor gestanden und überlegt, was sich wohl dahinter befindet und ob wir wohl in die Situation kommen, dort mal hindurchgehen zu müssen, zum Beispiel bei einem Feuer.
Auch diesmal standen wir wieder davor. Wir beratschlagten und legten fest, dass wir das Elektrofeuer in der Höhle ahnungslos als richtiges Feuer gedeutet hätten, falls uns jemand ansprach und wir uns doch nur "retten" wollten. Die Situation war günstig. Im Gegensatz zu sonst war keiner im Raum und wir konnten es wagen, die Tür zu öffnen und heimlich durchzuschlüpfen. Zunächst war es etwas enttäuschend. Statt in einer Zauberwelt zu landen, standen wir nun im Treppenhaus. Unsere langen Gesichter hellten sich aber schnell auf, als wir sahen, dass man von dieser Stelle aus direkt wieder zum Eingang gelangte. 
Juhu, der Eingang, wir können das Museum noch einmal von vorne durchstreifen und alles nochmal ansehen und neu entdecken! In unserer kindlichen Fantasie errechneten wir, dass wir nun zwei  Museumsrunden drehen konnten, zum Eintritt von einem. Na, das musste uns erstmal jemand nachmachen. Uns war ein ordentlicher Coup gelungen, die Olsenbande oder Louis de Funès sahen dagegen blass aus.
Bei unseren nächsten Besuchen wiederholten wir das Notausgangs-, Eingangsprocedre von nun an jedesmal und gaben unser diesbezügliches Wissen an unsere Freunde weiter, die diese Doppelrunden auch ausprobierten.
Heute muss ich darüber lachen aber so war es, im Sommer 1978 in Weimar, im Museum für Ur- und Frühgeschichte.

Jörn und Astrid K., Museumsjunkies, Düsseldorf und Weimar

Haben sie auch eine Geschichte, die mit dem Museum zusammenhängt und die erzählt werden soll? Dann setzen sie sich mit mir in Verbindung.

Autor:

Fräulein Giftgruen aus Weimar

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