Geschichtenaus dem Museum für Ur- und Frühgeschichte
Teil 4: Das Grauen

Oftmals sind es die kleinen Geschichten, die vergessen werden. Sie sind weder lustig, noch traurig, manchmal gruselig und doch bilden sie im Leben eines Menschen einen Flashback, den man nicht vergisst, der ab und an wieder aufblitzt und der es wert ist, erzählt zu werden. Dies hier ist meine.
Es war im Sommer 1975 in Weimar. Wir waren ein Kleeblatt. Drei Mädchen, die miteinander spielten, streiten und erwachsen wurden. Unser Domizil befand sich über dem Park, oberhalb der Kegelbrücke. Hier trieben wir unser Unwesen, spielten Gummihopse oder "Wenn der Kaiser aus China kommt" oder führten unsere Hunde aus.
Irgendetwas fiel uns immer ein und so wurde uns nie langweilig. 
Als ich an einem Tag auf meine Freundinnen traf, hatten sie schon eine Idee. Ins Museum für Ur- und Frühgeschichte sollte es gehen. Das Geld hierfür hatten sie schon in der Tasche, ich musste zunächst meine Eltern fragen. Meine Mutter gab mir das Eintrittsgeld und los ging es, quer durch den Park, die Ackerwand, über den Wielandplatz, die Amalienstrasse entlang und dann waren wir da.
Das Museum kannte ich bereits. Schon zweimal war ich mit meiner Schule und mit meinem Opa dort gewesen. Mich hatten die Funde und wie sie ausgestellt waren, beeindruckt. Ich dachte daran, wie es wäre, wenn ich selber mit einem Pinsel beispielsweise Knochen freilegte also selber an den Ausgrabungen beteiligt wär. 
Wir begannen unseren Museumsrundgang. Wir schauten hier und da und unterhielten uns über die Funde unserer Weimarer Vorfahren aus Ehringsdorf. Mit jedem Raum aber rückte etwas näher, was mir ein gruseliges Gefühl verschaffte und so schön, wie es hier war, so versuchte ich Zeit zu gewinnen, um dem zu entgehen, was mich unweigerlich erwartete. Jetzt war es soweit. Der Raum, den ich fürchtete, lag vor mir. Meine Freundinnen freuten sich, im Gegensatz zu mir, ganz besonders darauf und konnten es kaum erwarten. Was für sie der Höhepunkt war, war für mich das Grauen. Es war der Raum mit der Höhle. In einer nachgebauten Höhle hockten bewegungslos Nachbildungen von Urmenschen um ein animiertes Feuer. Das machte mir Angst. Was, wenn diese zum Leben erwachten und über uns herfielen? Man weiß ja nie, was alles passieren kann und meine Oma sagte immer: "Es gibt nichts, was es nicht gibt." Es gab kein Entrinnen, ich musste durch diesen Raum durch, möglichst schnell und so unauffällig, dass keine meiner Freundinnen über mich lachte. Und so machte ich es auch. Mit der Hand das Gesichtsfeld abschirmend sauste ich wie ein geölter Blitz durch den Raum und versuchte die gegenüberliegende Tür zu erreichen. Mir war schlecht und in meinem Bauch ziepte es, mir war richtig flau und gleichzeitig kitzelte es auch. Für mich war es eine Mutprobe. Ich, Vera, traute mich, in einem Raum mit Urmenschen zu sein. Zwar waren es nur Nachbildungen und ich war auch nicht lange drinnen aber trotzdem habe ich es geschafft, diesem Grauen zu trotzen und mir bewiesen, dass ich unangenehme Situationen mit List aushalten und meine Angst besiegen konnte.
Meinen Freundinnen war mein Sprint durch diesen Raum nicht verborgen geblieben und nun wurden die Fragen gestellt, die ich ihnen auch vorher hätte schon beantwortet haben können.
Sie mussten zwar lachen aber hatten auch Verständnis für mich. 
Wir waren später noch oft im Museum und dann hatte ich zwei Beschützer an meiner Seite, denn seit diesem Zeitpunkt nahmen sie mich jedesmal in die Mitte und gaben mir Geleitschutz durch diesen Raum. Und so nach und nach verlor dieser Raum an Schrecken für mich.

Vera S, gegruselt Museumsbesucherin, Weimar  

Haben sie auch eine Geschichte, die mit dem Museum zusammenhängt und die erzählt werden soll? Dann setzen sie sich mit mir in Verbindung.

Autor:

Fräulein Giftgruen aus Weimar

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