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Eine gelungene Reise in die barocke Opernwelt
Theater Erfurt: La Calisto Oper von Francesco Cavalli / Premiere am 01.03.18

(Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt)
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Das spannende an der antiken Götterwelt ist die Ähnlichkeit mit der Menschenwelt. Die Götter sind in allen Gemütslagen und Gefühlen den Menschen so ähnlich bis gleich. Das reizte die Komponisten der Barockzeit wohl sehr und so fanden die Mythenstoffe immer wieder Umsetzung in der Welt der Oper.

Der Monteverdi-Schüler Francesco Cavalli stellte diese Götter vor über 350 Jahren in La Calisto auf die Bühne. Auch heute haben diese Figuren nichts von ihrer Aktualität, ihrem Witz und ihrer Dramatik verloren. Samuel Bächli, als Barockopern-Spezialist, nutzt bei seiner Regiearbeit die hohe Expressivität von Cavallis Partitur, um die Götter dieser Oper auf die Erde bzw. die Erfurter Bühne zu bringen.

Die verworrene Story in Kürze: Die Götter haben jegliche Vorbildfunktion verloren und sind tief gefallen. Die gestörte, kaputte Familie des Göttervaters zeigt dies in schonungsloser Deutlichkeit. Jupiter (Juri Batukow) betrügt ständig seine Frau Juno (Julia Stein). Er steigt zur Erde hinab, um angeblich der Natur neue Kräfte zu geben. Tatsächlich sucht er nur nach neuen Nymphen, mit denen er sich amüsieren kann. Dabei trifft er auf die Nymphe Calisto (Daniela Gerstenmeyer). Juno bleibt nur die Rolle der eifersüchtigen Gattin, der klassisch-komischen Verliererin. Sie rächt sich an Calisto. Danach besingt Juno in ihrer letzten Arie das traurige Los der vielen Frauen, die zu Hause auf ihre Männer warten. Ebenfalls kein Glück in der Liebe hat Pan (Gregor Loebel). Auch hier erlebt man dieses Umkippen vom Heiteren ins Bittere. Pan, der abgewiesene Liebhaber, wirkt bisweilen komisch, aber auch tragisch und in seinem Kummer und seiner Wut wird er zur tödlichen „Keule“. Mit Zeitlupentempo schlägt er auf seinen Nebenbuhler Endymion ein, das ist ein gelungener Szenen-Einfall Bächlis. Regisseur Samuel Bächli stellt Skurriles und Erhabenes wirkungsvoll nebeneinander. Ein himmlischer Spaß, gleichzeitig aber auch die tragische Geschichte einer Frau, die zum wehrlosen Spielball göttlicher Mächte wird. Für eine reduzierte und dennoch barocke Anmutung des Bühnenbildes hat Jeannine Cleemen gesorgt und die barocken bis skurrilen Kostüme hat Frauke Langer gestaltet.

Da auch bei dieser Oper nur die Singstimme und der Bass überliefert sind, musste die gesamte Instrumentierung neu geschaffen werden. Und hier hat Samuel Bächli wieder großartige Arbeit geleistet und überaus farbige Klänge gestaltet. Chanmin Chung leitet die außergewöhnliche Orchesterbesetzung. Hier werden barocke Instrumente wie Laute, Viola da Gamba, Zink oder Truhenorgel mit neuzeitlichen unbarocken Musikinstrumenten gemischt. So entstehen spannende Klänge, die vor allem rhythmisch forciert werden. Die Erfurter Zuhörer können durch die Studio-Inszenierung die Musiker sehen und so auch die Instrumente und ihre besondere Spielweise kennenlernen. Auch die akustischen Wechsel zwischen den Instrumenten kann man ständig erleben. Das verleiht der Aufführung besonderen Reiz.

Diese wirkungsvolle Instrumentierungstechnik ist vor allem Samuel Bächli zu verdanken und die Musiker setzen die Arrangements unter der Leitung von Chanmin Chung präzis und eindrucksvoll um.

Juri Batukow in der Rolle Jupiters überzeugt spielerisch und gesanglich als bräsiger Göttervater mit einer gewissen Listigkeit. Julia Stein als Juno verkörpert ausgezeichnet die Rolle der verschmähten Gattin, die auf Rache sinnt. Das macht sie mit vollem rundem Stimmklang und schauspielerischem Talent. Daniela Gerstenmeyer spielt eine reizende Calisto, die Jupiter nachvollziehbar den Kopf verdreht, dabei reizt sie ihn mit glockenhellem Sopran. Gregor Loebel als Pan tritt in der Rolle eines Raufboldes auf. Ständig schwingt er seine überdimensionale Keule, mit der er alle Konflikte lösen will. Dabei kontrastiert sein Kostüm mit den anderen Kostümen, denn er wirkt in seinem Aufzug wie ein alt gewordener Hippie. Margarethe Fredheim als Diana singt mit opulent-fülligem Sopran und Julian Freibott als Endymion überzeugt mit jugendlicher Verträumtheit. Beide sind ein schönes Paar bis der gewalttätige Pan auf ihn einschlägt.

Ks. Jörg Rathmann als Linfea bereitet dem Erfurter Publikum besonders viel Vergnügen. Mit seinem komödiantischen Talent, seine Frauenrolle zu spielen, sorgt er für anhaltende Heiterkeit. Dabei setzt er viele kleine Gags ein und steht damit in einer Reihe mit den großen Darstellern von „Charlys Tante“ bis „Mrs. Doubtfire“. Auch einige Anleihen an „Manche mögen’s heiß“ sind hier zu erkennen. Besonders die Rolle der Daphne (Gerald „Jerry“) gespielt von Jack Lemmon war wohl hier ein bisschen Vorbild. Auch gesanglich setzt er diese Komik exzellent ein. Katja Bildt als Satirino verwandelt mit ihrem Mezzosopran ihre Rolle in ein Klangerlebnis und besticht ebenso mit Lachmuskel anregender Komik. Das Komödianten-Team erheitert die Gemüter der Erfurter und so werden sie zum Publikumsliebling des Abends.

La Calisto ist ein Stück über gescheiterte Beziehungen ohne Happy-End. Für ihre Amouren müssen am Ende alle büßen. Die Hauptfigur Calisto darf zum Schluss nur einen kurzen Blick in ihre Zukunft als Sternbild am Himmel werfen. Das ist dann auch das eindrucksvolle Schlussbild der Erfurter Inszenierung: ein Sternenhimmel aus vielen kleinen Glühbirnchen, die zuletzt verschwinden und es bleibt nur noch ein einziges Calisto-Sternbild übrig, das leuchtet und die unerfüllte Liebeskunde zur Erde sendet.

Nach kurzem Staunen spendet das Publikum lang andauernden Applaus. Die Erfurter Calisto-Inszenierung bietet eine gelungene Reise in die barocke Opernwelt. Dabei sorgen die dramatisch-dichte und komische Erzählweise und die musikalische Vielfalt von Bächlis Instrumentierung für viel Unterhaltung und Freude.

Ein heiterer Abend ohne Pause nicht nur für Barock-Fans erwartet die künftigen Zuschauer.

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