Anzeige

Ein Bayer räumt in Thüringen ab
Pilzland Thüringen: Auf der Spur der Krausen Glucke

Wo: Pilzidyll, 99441 Magdala auf Karte anzeigen
Lukas freut sich über jeden Pilzfund, doch bei solchen Steinpilzen kommt selbst er ins Staunen. Der rechte Pilz hat 27 Zentimeter Hutdurchmesser und wiegt 1,1 Kilo.
Lukas freut sich über jeden Pilzfund, doch bei solchen Steinpilzen kommt selbst er ins Staunen. Der rechte Pilz hat 27 Zentimeter Hutdurchmesser und wiegt 1,1 Kilo.
Anzeige

Der siebenjährige Lukas möchte mal „Pilz-Papst“ werden und in die Forschung gehen

Keine zehn Meter im Wald und Lukas (7) entdeckt den ersten Pilz – einen Brennenden Rübling. Der ist zwar nicht genießbar, aber ihm geht es um die Bestimmung der Pilzarten. Und er ist sehr wissensdurstig. „Pilze sehen schön aus und es gibt viele Arten. Das ist toll.“, sagt er.

Weiter auf der Jagd fachsimpelt Lukas über Sommer-­Steinpilze, Hexen-Röhrling und Oker-Täubling. Dann hat er im Halbdickicht einen Birken­pilz erspäht. Für Erklärungen bleibt kaum Zeit, denn nebenan wartet ein Leder-Täubling, den der Siebenjährige fachmännisch erntet und in den Korb legt. Diesen bugsiert - wie den in der linken Hand - seine Oma Margit Gratz durchs Dickicht. „Wir sind eine pilzverrückte Familie. Und Lukas haben wir damit infiziert. Er macht morgens die Augen auf und hat das Pilzbuch in der Hand. Und das kann auch schon mal den Weg mit aufs stille Örtchen finden.“

Verschmitzt preist Lukas seiner Oma einen Steinpilz an. Wohlwissend, dass es sich dabei um einen Gallen-­Röhrling handelt. Der ist zwar ungiftig, aber sehr bitter. Margit Gratz nimmt den Schabernack mit Humor. Ist sie doch stolz auf ihren Enkel. Schließlich haben die Regelschul-Lehrerin und ihr Mann Jürgen Paul ihren Enkel schon zeitig in den Wald bei Magdala mitge­nommen. So hat Lukas das Pilzgen von seinen Großeltern aus Mellingen geerbt. „Anfangs, mit zwei Jahren, haben wir ihn noch durch den Wald getragen", so Margit Gratz.

   Lukas weiß wo die Pilze stehen, „unter welche Bäumen welche Pilzarten zu finden sind. Er riecht an ihnen und macht auch mal eine Geschmacksprobe mit der Zunge", sagt Margit Gratz.

Ein Bayer in Thüringen

   Der Schüler ist waschechter Bayer ohne Dialekt und ist in den Ferien oft in Thüringen. Hier lernte er auch den Pilzsachverstän­digen Wolfgang Herzig (70) kennen, mit dem er schon mal auf Pilz-Exkursion geht. „Der Junge kennt für sein Alter sehr viele Pilze und bestimmt sie schon sicher. Das ist mein bester Schüler“, schwärmt Herzig.

Im Minutentakt bringt Lukas neue Pilzexemplare zum Sachverständigen: Den Klebrigen Hörnling – auch Gelbe Ziegenscheiße genannt, zwei Riesenschirmlinge, die Weiße Koralle, den Falschen Pfifferling, den Ocker-Täubling und einen Gold-Röhrling. Dann folgen weitere Eichen-Steinpilze, Perlpilze und Fichtenreizker. Derweilen ­haben sich die Körbe auch reichlich mit ­Steinpilzen gefüllt. Einer davon hat stolze 27 Zenti­meter Hut-Durchmesser und wiegt schlappe 1,1 Kilogramm.

Lukas ist voll in seinem Element. „Es ist spannend neue Arten zu bestimmen“, sagt er. Er zeigt auf Listen, die er akribisch mit seiner Oma erstellt hat. Sozusagen Pilz-Hausaufgaben in den Ferien. Darauf sind 38 Röhrlings­arten und 112 Lamellen-Pilze aufgeführt. „Na ja, ich kenne ein bisschen mehr – so 180“, sagt Lukas. Und erste lateinische Bezeichnungen gehen auch schon über Lukas Lippen

   Und nicht nur das: „Lukas – der selbst gar keine Pilze verspeist – weiß, wie jeder Pilz am besten zubereitet wird. So, dass manche vor dem Braten blanchiert werden müssen. Da kann es schon mal sein, dass er im Wald Ratsuchende daraufhin berät“, sagt seine Oma. Oder er sagt zu Opa: „Trink‘ zu diesen Pilzen mal kein Bier, sonst kriegst du Magenbrummen.“

Das kennt Margit Gratz schon. „Wir lesen gemeinsam in Pilzbüchern und in Fachzeitschriften und machen auch schon mal eine Bodenbestimmung per Apothekentest. Wir bestimmen Pilze, wiegen und vermessen sie. Und Filme über Pilze im Internet – das ist das schönste für Lukas.“ Aber auch das Bestimmen von Bäumen und das Schätzen der Baumhöhen gehören bei den regelmäßigen Wald-Exkursionen zum Gratz'schen Natur-Programm.

Aber die Pilze sind die Leidenschaft des Siebenjährigen und die Großeltern werden voll mit eingespannt. „Ein Tag Pause wäre schon zu lang“, sagt Margit Gratz. Da steht die Berufswahl für den mykologischen Jung­meister schon fest: „Ich möchte mal Pilzsachverständiger werden und dann in die Forschung gehen.“  

Und schon steckt seine Nase wieder im Pilzbuch, auf der Seite der Krausen Glucke. Diesen Speisepilz möchte ­Lukas unbedingt mal in ­natura finden.

Übrigens...

...Wolfgang Herzig ist seit 1981 Pilzsachverständiger im Kreis Weimarer Land. Er sucht Mitstreiter in einer mykologischen Arbeitsgruppe. Für die Besten wird ein Vorbereitungskurs zum Pilzberaterprüfung eingeleitet. Die Ausbildung ist kostenlos. "Wer sich wirklich sehr dafür interessiert, sollte sich bei der AG Mykologie melden", sagt Herzig. Er führt täglich, von 11 bis 13.30 Uhr Pilzberatungen in der Utenbacher Straße 79 in Apolda durch.
Informationen: Telefon  01 77 - 9 70 13 22 oder 0 36 44 - 5 73 17 21, von 11 bis 13.30 Uhr, E-Mail: wolfgang-herzig@gmx.de

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige