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Illegales Gärtnern war gestern
"Wer tötet schon einen Obstbaum" - Weimar blüht paradiesisch auf

Wo: Paradiesgärtchen, Weimar auf Karte anzeigen
Paradiesgärtner Heiko Siefert und Hund „Krümel“ ergötzen sich wie andere Anwohner am Blütenmeer.
Paradiesgärtner Heiko Siefert und Hund „Krümel“ ergötzen sich wie andere Anwohner am Blütenmeer.
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Der Weimarer Heiko Siefert mag das Wort „Guerilla-Gardening“ nicht. ­Dennoch gärtnert er wild und sorgt für blühende Landschaften – auch im Wohngebiet

Laut bellend rennt der Bolonka-Pudel-Mischling „Krümel“ auf die Baumscheibe zu. Offenbar darf niemand zu nah an das kleine Paradiesgärtchens seines Herrchens Heiko Siefert kommen.

Nun ist die Blumenpracht nicht gerade in einer Gartenkolonie, sondern an der William-Shakespeare-Straße in Weimar. Und das Beet, welches der dreijährige Rüde so vehement verteidigt, ist eine mit Basalt-Pflastersteinen eingefasste ehemalige Baumscheibe. Vier solcher blühender „Beete“ reihen sich hintereinander auf dem asphaltierten Gehweg kurz vor der Busschleife. Einst umrandeten sie stolze Linden.

Als Heiko Siefert vor zwei Jahren nach Weimar zog, fand er drei dieser Baumscheiben als verwaistes Brachland vor. Voriges Jahr im April sagte er zu sich: „Jetzt grabe ich das eine einfach mal um und säe hier Blumen aus.“ Nach Startschwierigkeiten erblühte die Cosmaen-Pracht. „Die Leute haben sich darüber gefreut. Sie sprachen mich an, ob sie Saatgut ernten dürfen“, sagt Siefert, der aus Freiburg im Breisgau stammt. Und das ist seine Intention – Vervielfachung, Nachhaltigkeit, Nachahmung. Heiko Siefert will mit seinem Gärtnern anstecken. "Krümel" wedelt mit dem Schwanz.

Im vorigen Jahr fiel der letzte Baum vor der Busschleife. So ging Heiko Siefert – der Biologie als Lehramt studierte – in diesem Frühjahr gestärkt durch die Anerkennung ans Werk und „bewirtschafte“ alle vier Baumscheiben. „Ich habe einfach den Samen ausgesät, nicht groß untergeharkt und nicht gegossen.“ Und heraus kamen blühende Klein-Landschaften mit farben-frohen Cosmaen (Schmuckkörbchen) und übermannshohen Sonnenblumen. „Das sieht so schön aus. Mich würde freuen, wenn es andere mir gleichtun“, sagt Siefert, der sich vor Jahren zum Erlebnis- und Wildnispädagoge weiterbildete und heute Tierfilme dreht. Und genügend unschöne Ecken gibt es vielerorts. „Viele machen das ja auch wie ich. Und wenn sie wissen, dass sie es können und dürfen, werden es vielleicht noch mehr.“ Der Mischlingsrüde bellt zustimmend und begrüßt erstmal einen vierbeinigen Bekannten..

Und Heiko Siefert belässt es ja nicht nur bei Blumen. Da füllen auch schon mal blühende Topinambur-Pflanzen eine einst lichte Stelle am Mülltonnenplatz. Oder die nächsten Flächen zieren Kartoffeln und Zwiebeln. „Auch wenn ich Kürbis anpflanze oder anderes Gemüse, kann jemand Fremdes etwas davon ernten“, sagt der Nebenberufsgärtner.

 „Wenn ich einen Obstbaum fachgerecht setze, an einen Pfahl anbinde und mit einen Gießring umrande, wurde er immer von jedermann respektiert. Wer tötet schon einen Obstbaum? Man muss aber darauf achten, dass er an einem sicheren Ort steht“, plaudert Siefert aus dem Gärtner-Nähkästchen. Niemals würde er ein Gehölz auf ein Privatgrundstück oder in eine gepflegte Parkanlage auswildern. "Krümel" wird unruhigt. Er scheint seinen Stammbaum zu suchen.

Heiko Siefert mag die Bezeichnung „Guerilla-Gardening“ nicht. „Ich will nicht kämpfen, gegen niemanden. Für mich ist es ein Paradiesgärtnern. Ich pflanze nicht nur für mich oder aus Protest, sondern zur Freude aller.“ Und das kommt im Wohngebiet an. Als er am Weg zu den Garagen gärtnerte – eine hässliche Ecke mit Hundkotbeuteln und Müll – fand die Aktion eine Frau toll. „Sie holte eine Pflanze aus ihrem Beutel und gab sie mir zum Einpflanzen“, freut er sich. Nur ein Beispiel für positives Feedback der Anwohner.

Sogar der Vermieter – die Weimarer Wohnstätte – hat sich für die Pflege stark gemacht. „Sie fragten bei mir an, ob sie das Unkraut vor meinem Beet beseitigen könnten“, sagt Siefert. „Das wilde Gärtnern ist akzeptiert und wird respektiert.“ Von Seiten der Stadtverwaltung gab es noch keine Reaktion. Sollte eines Tages der Bagger in die William-Shakespeare-Straße kommen, „ist es halt so“, meint Siefert. Wenn wieder Bäume gepflanzt werden „ist das okay“. An eine Versiegelung glaubt der Hobby-Gärtner nicht. Der Bolonka-Pudel-Mischling - entspannt zusammengerollt - hebt kurz den Kopf und streckt zufrieden alle Vier von sich.

 „Klar, habe ich auch Rückschläge erlebt. Ich habe mal einen Beerenstrauch an eine Hauswand gepflanzt. Die hat sich wunderschön entwickelt. Und dann ist sie mit der Motorsense beseitigt worden“, sagt Siefert, der damals in Sömmerda lebte. Dort ereilte ihn auch ein anderes Schicksal. In einem ausgetrockneten Nebenarm der Unstrut pflanzte er Gemüse an. „Es gedieh prächtig. Ich hatte rund 50 Zentimeter lange Zucchinis. Stets war alles abgeerntet, von Unbekannten. Ich stellte ein Schild auf: ‚Sie können sich gern was nehmen, aber bitte nicht alles.‘ Das nächste Mal waren das Gemüse und das Schild weg.“ Darauf riet ihm sein Bekannter Indianer Tom Blue Wolf: „Zieh‘ um!“ So kommt jetzt Weimar in den Blüten- und Gemüse-Genuss. Und der Indianer gab ihm noch ein Motto auf den Weg: „Lebe so, dass es dem Wohle aller dient.“ Den befolgt der 49-Jährige mit Taten.

In Weimar gab es kürzlich auch einen Kollateralschaden: Eine Blume wurde abgebrochen. Und prompt war das Wohngebiet im Aufruhr. „Viele haben mich daraufhin angesprochen. Sie haben diese Blume vermisst. Das war richtig niedlich“, so Heiko Siefert, der annimmt, dass ein Verehrer für ein passendes Mitbringsel für seine Angebetete zum Blumenklau animiert wurde. Das Gute: An der Bruchstelle bildeten sich vier neue Sonnenblumen-Blüten – starkes „Paradies“. Zum ersteren Fakt bellt "Krümel" vehement. Den zweiten quittiert er mit Wedeln der Rute.

   Der Hund hat sich längst beruhigt und geht selbst bei Fremden entspannt Fuß. Er hat gemerkt, hier sind keine Blumendiebe am Werk, nur Bewunderer für wildes Gärtnern und Anerkenner für diejenigen, die etwas fürs Gemeinwohl tun. Hier fühlt man sich menschen- und hundewohl.

Zitate

„Ich habe einfach mit dem wilden Gärtnern angefangen und gemerkt: es macht Spaß.“
„Ich möchte Dreckecken verschönern.“
„Schön wäre es, wenn sich das Gärtnern verbreitern würde.“

                                                                                                          Heiko Siefert

Guerilla-Gardening - (spanisch: guerrilla für „kleiner Krieg“ und englisch: gardening für gärtnern...
...war ursprünglich die heimliche Aussaat von Pflanzen als subtiles Mittel politischen Protests und zivilen Ungehorsams im öffentlichen Raum, vorrangig in Großstädten oder auf öffentlichen Grünflächen. Mittlerweile hat sich der Protest zur urbanen Landwirtschaft oder Gärtnern umgewandelt.

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