Buchvorstellung „Fremde Eltern“ Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 1933–1945

Der Autor Joachim Krause sagte: Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, nur abgeschrieben aus mehr als 1800 Briefen. Diese sind ein Zeugnis vom denken dreier junger Deutschen, Christian Krause und Margarete Liebelt, sie waren seine Eltern und Onkel Helmut Krause, er fiel im Oktober 1941 bei Orel in der Nähe von Moskau. Die drei jungen Leute suchten Orientierung, und sie stritten sich über den Nationalsozialismus und die Juden, über den Sinn von Krieg und Tod, über Sexualmoral und Glaubensfragen. Die Mutter Margarete glaubte bis zu letzt an Adolf Hitler, wie der Onkel Helmut ein Berufsoffizier, der Vater Christian bewahrt sich eine gewisse kritische Distanz zur Politik, aber war trotzdem kein Wiederstandkämpfer.

Ich fragte mich, hat mir das Buch die Gretchenfrage beantwortet? Wie kann es sein, dass diese gebildeten und gläubigen jungen Menschen der faschistischen Ideologie verfallen sind und dabei einer von ihnen noch sein Leben opfert? Ich mache mir so meine Gedanken. Die Kinder sind das Spiegelbild ihrer Eltern und diese sind für die Kinder ein Vorbild. Um ein tadelloses Mitglied einer Gesellschaft zu sein, muss man mitmachen. Leider ist dies eine typisch deutsche Eigenschaft, den Gehorsam schlechthin für eine Tugend zu halten. Doch wie sagte Fritz Bauer (* 1903; † 1968): „Wir brauchen die Zivilcourage, 'Nein' zu sagen!“ Was auch heute aktueller denn je ist.

Der Vater der zwei Jungs, Christian und Helmut war Lehrer der Natur-wissenschaften, Willibald Krause. Er war von 1933 Mitglieder in der NSDAP, SA und auch im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Der NSLB hatte im April 1932 nur 4000 Mitglieder, aber Ende 1933 immerhin schon 250 000 Mitglieder. Ein Drittel der Lehrerschaft war zusätzlich zu ihrer Angehörigkeit im NSLB auch direkt Mitglied der NSDAP. Ihre Aufgabe war in erster Linie Lehrer darauf vorzubereiten, ihre Schülerinnen und Schüler ganz im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen. Hierfür gab es Fortbildungen. Die Hochschul-lehrer traten ebenfalls diesem Bund bei.

Der Vater der Mädchen Margarete, war Landarzt Paul Liebelt. Er war von 1933 an Mitglied in der NSDAP. Er gehörte auch dem NS-Ärztebund dritte Kampf-organisation der NSDAP neben SA und SS an. So wurden 45% der deutschen Ärzte Mitglieder der NSDAP und 26% traten der SA bei. Der NS-Ärztebund  hatte auch Anteil an den Nürnberger Rassegesetzen, der national-sozialistischen Gesundheitspolitik und am nationalsozialistischen "Euthanasie“-Programm.

„Wer die Vergangenheit nicht kennt kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten“ schrieb vor einigen Jahren Hans-Friedrich Bergmann.

Der Autor Joachim Krause, geboren 1946, hat mit der Heraushabe seines Buches versucht, den Lesern die Vergangenheit verständlich zu machen. Aber wir leben heute zwischen vergangener Zeit und kommender Zeit. Und heute rückt der unzufriedene Teil der Gesellschaft, die sich abgehängt fühlen nach rechts. Unsere Demokratie verlangt vor allem Mitwirkung und sie ist eigentlich die beste Gesellschaftsordnung, wo die Macht vom Volke ausgeht, so steht es jedenfalls im Grundgesetz. Die gewählte Regierung bekommt durch freie Wahlen den Auftrag für die Bürger*innen solche Bedienungen zu schaffen, dass sie in Frieden und Wohlstand leben können. Aber dazu sind Arbeitsplätze und ein anständiger Arbeitslohn notwendig. Wenn das nicht gewährleistet wird, werden die Feinde der DEMOKRATIE immer mutiger.

In unserer Konsumgesellschaft gilt wo für viele Bürger*innen, "hast du was, dann bist du was, wenn du nichts hast bis du selber Schuld". Deshalb muss die Zivilgesellschaft die Politik zwingen sich intensiv mit den Tücken der Globalisierung, der dramatischen Ungleichheit von Einkommen und der Grundreform des Finanzsystems zu beschäftigen. Nur das wird dazu führen, dass die AfD zu einer Fußnote der Geschichte wird. Wenn sich die Zivilgesellschaft und die Politik nicht ernsthaft damit beschäftigt, dann haben wir in paar Jahren keine Demokratie mehr, sondern ein Viertes Reich in Deutschland. Und das kann und darf nicht unsere Zukunft sein.

Das große Karthago sollte uns eine Mahnung sein. Sie führten drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten verschwand Karthago von der Erdoberfläche und der Nachwelt blieb nur seine Geschichte.

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